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von Michael Meisegeier
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Seit ca. 35 Jahren beschäftige ich mich mal mehr und mal weniger intensiv mit der romanischen und vorromanischen Kunst vorwiegend West- und Mitteleuropas einschließlich der einschlägigen architektur- und kunstgeschichtlichen Literatur. Bis zur Wende blieben meine Besichtigungen romanischer Denkmäler notgedrungen auf das Gebiet der DDR, der damaligen CSSR und Ungarn beschränkt. Seit 1990 nutze ich jede sich bietende Möglichkeit, die zahlreichen beeindruckenden Denkmäler dieser Kunstepoche in den alten Bundesländern, in Frankreich und Italien zu bereisen.
Als gebürtiger Erfurter habe ich mich selbstverständlich auch mit der frühen Erfurter Geschichte befasst, zumal auch Erfurt einige wenige romanische Bauten bzw. Baureste aufzuweisen hat. Mit der angeblichen Ersterwähnung durch Bonifatius, womit Erfurt als älteste Großstadt der damaligen DDR galt, und der durch die Tradition beanspruchten Gründung des Marienstiftes durch Bonifatius sowie der in Quellen bezeugten Reliquientranslation im Jahr 836 in die Severikirche befinden wir uns auch in Erfurt im Frühmittelalter und der Vorromanik.Zwangsläufig gelangt man bei der Beschäftigung mit diesem frühesten gesamteuropäischen Baustil auch zu den Themen Christianisierung sowie römische und spätantike Baukunst.
Nach der Jahrtausendwende bin ich auf die Phantomzeitthese von Dr. Heribert Illig aufmerksam geworden, die ich zunächst und unbesehen als abwegig ansah. Nach der sogenannten Phantomzeitthese von ILLIG, sind die Jahre zwischen 614 und 911 in die Zeitachse eingeschoben worden und nie real abgelaufen. Das bedeutet, dass das Jahr 614 gleich dem Jahr 911 ist. Alle überkommenen gegenständlichen Zeugnisse (Bauwerke und deren Reste, Skulpturen, Buchkunst, Kleinkunst), die diesem Zeitraum fälschlich zugewiesen worden sind, gehören in die Zeit vor 614 bzw. nach 911. Urkunden und schriftliche Überlieferungen sind Fälschungen und Erfindungen späterer Zeit.
Nach eingehender Beschäftigung und der Lektüre der entsprechenden Publikationen änderte ich meine Auffassung diesbezüglich. Durch meine Literaturrecherchen habe ich die doch zahlreichen Irrungen der Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts zur Kenntnis nehmen dürfen, z.B. die Annahme frühchristlicher Missionskapellen in Gernrode und Oberndorf oder die Erfindung des karolingischen Westwerks. Exemplarisch ist die Neuschreibung der Geschichte des frühen deutschen Kirchenbaus infolge der Grabungen nach dem 2. Weltkrieg. Daraus ist zu erkennen, dass sich die Kunsthistorie bis heute bei der Beurteilung der frühen Baukunst und Kunst auf sehr dünnem Eis bewegt.
Heute bin ich von der Richtigkeit von ILLIG's These überzeugt. Die so genannten "dunklen" Jahre einschließlich der schillernden Persönlichkeiten dieser Zeit wie Karl den Großen, Bonifatius u. a. hat es nie gegeben.
Die Phantomzeitthese bietet nach meiner Auffassung die einzige logische Erklärung für die zahlreichen Ungereimtheiten, die die Kunstwissenschaft der Zeit von ca. 600 bis ca. 900 zugewiesen hat. Durch die Phatomzeitthese wird die architektur- und kunstgeschichtliche Entwicklung für mich wieder glaubwürdig und nachvollziehbar, wenn auch viele offene Fragen verbleiben und der Klärung bedürfen.
Es ist jetzt auch nicht verwunderlich, dass in der Vergangenheit diesem Zeitraum zugewiesene Bauwerke durch die neuere Forschung nach und nach klammheimlich diesen Zeitraum wieder verlassen, z.B. St. Willibrord in Echternach, St. Medard in Soissons, St. Philibert de Grand-Lieu, Flavigny, St. Mang in Füssen, St. Maria in Würzburg, St. Maria in Schlüchtern, St. Wiperti in Quedlinburg u. a. Bei Fortschreiten dieser Entwicklung wird dieser Zeitraum eines Tages ohne Bauten sein.
Aufsätze:
Phantomzeitliche und phantomzeitnahe Bauten in Thüringen und Sachsen/Anhalt
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Quedlinburg, St. Servatius |
Gernrode, St. Cyriakus |
Magdeburg, Dom |
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"Unbekannter" Kirchenbau östlich der Stiftskirche St. Severi in Erfurt
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Frühchristlicher Kirchenbau - zu früh
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Ravenna, San Apollinare in Classe |
Bethlehem, Geburtskirche |
Jouarre, Krypta |
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Der "karolingische" Dom zu Hildesheim
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Aktuelle Themen:
01.11.2009
Artikel in der Thüringer Allgemeine, 10. Oktober 2009, Wochenendbeilage:
Holger Wetzel: Die verschwundene Dame
Bericht über Ausgrabungen auf dem Frauenberg bei Sondershausen. Reste einer 20 m langen Wallfahrtskirche aus dem 12. oder 13. Jh. (bis zum 17 Jh. bestehend). Darunter wesentlich kleinerer steinerner Vorgängerbau, im Ursprung bis in das 10. Jh. zurückreichend.
Die Archäologen stießen „auf Pfostenlöcher, die zu einem kirchenartigen Holzbau gehören, der zwischen 650 und 710, also Jahrzehnte vor Bonifatius, errichtet wurde“. „Der Holzbau stand im Zentrum der späteren Kirche und maß nur drei mal vier Meter. Dass es sich bei dem kleinen Gebäude tatsächlich um eine Kapelle oder einen christlichen Memorialbau handelte, schließen die Experten aus dem Schmuck mit Kreuzsymbolik, der den zeitgleich begrabenen Toten im Umfeld mitgegeben wurde.“ Unter dem Gebäude ein Frauengrab einer offensichtlich bedeutenden Person (Schmuck). Etwa 35 der rund 85 Bestattungen stammen aus der Zeit vor bzw. um 700, als auch der Holzbau errichtet wurde. Adelsfriedhof einer Familie, die regional großen Einfluss ausübte und bereits Ende des 7. Jh. den christlichen Glauben angenommen hatte. Funde verweisen auf enge Beziehungen zu den Alemannen in Südwestdeutschland, die sich schon lange vor den Thüringern zum Christentum bekannt hatten.
Vor wenigen Jahren wurde in der Nähe ein ähnlicher, zeitgleich benutzter Adelsfriedhof gefunden. „Er zeigte die selbe Mischung von heidnischer und christlicher Symbolik, welche die Anfänge der Christianisierung kennzeichnet. Auch dort wurde ein Holzbau identifiziert, der als Adelskirche gedeutet wird. Die beiden Gebäude gelten als die ältesten nachgewiesenen Kirchenbauten Thüringens.“ „…genoss das Land jedoch bis zum Ende des 7. Jh. eine relative Selbständigkeit. Die Oberschicht, die mit anderen Herrscherfamilien in Europa eng verbandelt war, nahm den christlichen Glauben an, lange bevor die Missionare um Willibrord und Bonifatius durch Thüringen zogen.“
Die zu den Friedhöfen gehörenden Siedlungen wurden bisher nicht gefunden. „Weder Lage noch Größe noch, ob die Menschen in Holz- oder Steinhäusern wohnten, sind bekannt.“ Zur Klärung dieser Frage sind Grabungen auf dem Gipfelplateau im kommenden Sommer vorgesehen.Dieser Artikel zeigt wieder das große Dilemma der Archäologen. Da sie ihre Fundstücke entsprechend der traditionellen Chronologie datieren, können sie zu keiner glaubwürdigen Interpretation gelangen. 35 der insgesamt 85 gefundenen Gräber sollen aus der Zeit vor bzw. um 700 stammen. Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, aus welcher Zeit die übrigen Bestattungen stammen? Insgesamt nur 85 Bestattungen für eine Nutzung von ca. 500 Jahren? Aus einem kirchenartigen Holzbau (was das auch immer heißen soll) wird im weiteren Text auf einmal ein nachgewiesener Kirchenbau. Da sind einige Fragen erlaubt: Wieso wird aus angeblich zeitgleich christlich begrabenen Toten im Umfeld aus einem 3 x 4 m großen Pfostenbau eine Kirche? Das Grab in diesem Bau war leer. Die gefundenen Reste der Beigaben geben keinen Hinweis auf ein christliches Grab. Welche Merkmale gibt es noch, die eine solche Rekonstruktion als Kirche rechtfertigen? Ansonsten bleibt es einfach eine Hypothese. Weitere Fragen: Wie wurden die Gräber datiert? Wie wurde die Datierung für den Steinbau in das 10. Jh. ermittelt?
Ich denke: die Phantomzeit lässt grüßen. Erst unter Berücksichtigung der Phantomzeit ergibt sich aus den Funden ein schlüssiges Bild. Bei Entfall der Zeit von 614 bis 911 ist das 7. Jh. gleich dem 10. Jh. Die Gräber sind Bestattungen des 10./11. Jh. Für ca. 200 Jahre Nutzung sind 85 Bestattungen sicher eher glaubhaft. Auch der Steinbau, errichtet im 10. oder wohl eher im 11. Jh. - ein Vorgängerbau der Kirche des 12. o. 13. Jh. - passt ins Bild. Ob der Pfostenbau ein früherer Vorgängerbau war, muss offen bleiben. Seine Errichtung dürfte jedoch keinesfalls mehrere hundert Jahre früher erfolgt sein. Ich denke, dass auch dieser Bau dem 10. oder 11. Jh. angehört. Aufgrund seiner Bauweise dürfte seine Nutzungszeit 50 Jahre kaum überschritten haben. Der unmittelbare Vorgängerbau der Kirche des 12. o. 13. Jh. ist wohl eher im 11. als im 10. Jh. anzunehmen, da ein Bau des 10. Jh. sonst 200 oder sogar 300 Jahre unverändert in Nutzung gewesen sein müsste. Ich denke, dass in der Zeit der Christianisierung, die ja bis weit in das 11./12. Jh. reichte, eine solche lange Nutzungszeit für die ersten kleinen christlichen Bauten vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl der Gläubigen unwahrscheinlich ist.
Hier wird meiner Meinung nach äußerst leichtfertig mit Fundinterpretationen und Datierungen umgegangen. Ich gehe nicht davon aus, dass das allein den Zeitungsschreibern zuzuschreiben ist.
19.05.2010
Mitteilung in der Thüringer Allgemeine, 19. Mai 2010:
Verschollenes Grab
AACHEN. Das Grab des Herrschers Karl der Große bleibt verschollen. Untersuchungen im Aachener Dom waren erfolglos.
Ohne Kommentar.
Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.11.2011