Homepage von Michael Meisegeier

 

Jahrgang: 

Wohnort:

Beruf:

Studium/Promotion:

 

1950

Erfurt

Bauingenieur, Dr.-Ing.

Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar
(heute Bauhaus Universität)

 

 

Seit ca. 35 Jahren beschäftige ich mich mal mehr und mal weniger intensiv mit der romanischen und vorromanischen Kunst  vorwiegend West- und Mitteleuropas einschließlich der einschlägigen architektur- und kunstgeschichtlichen Literatur. Bis zur Wende blieben meine Besichtigungen romanischer Denkmäler notgedrungen auf das Gebiet der DDR, der damaligen CSSR und Ungarn beschränkt. Seit 1990 nutze ich jede sich bietende Möglichkeit, die zahlreichen beeindruckenden Denkmäler dieser Kunstepoche in den alten Bundesländern, in Frankreich und Italien zu bereisen.
Als gebürtiger Erfurter habe ich mich selbstverständlich auch mit der frühen Erfurter Geschichte befasst, zumal auch Erfurt einige wenige romanische Bauten bzw. Baureste aufzuweisen hat. Mit der angeblichen Ersterwähnung durch Bonifatius, womit Erfurt als älteste Großstadt der damaligen DDR galt, und der durch die Tradition beanspruchten Gründung des Marienstiftes durch Bonifatius sowie der in Quellen bezeugten Reliquientranslation im Jahr 836 in die Severikirche befinden wir uns auch in Erfurt im Frühmittelalter und der Vorromanik.

Zwangsläufig gelangt man bei der Beschäftigung mit diesem frühesten gesamteuropäischen Baustil auch zu den Themen Christianisierung sowie römische und spätantike Baukunst.

Nach der Jahrtausendwende bin ich auf die Phantomzeitthese von Dr. Heribert Illig aufmerksam geworden, die ich zunächst und unbesehen als abwegig ansah. Nach der sogenannten Phantomzeitthese von ILLIG, sind die Jahre zwischen 614 und 911 in die Zeitachse eingeschoben worden und nie real abgelaufen. Das bedeutet, dass das Jahr 614 gleich dem Jahr 911 ist. Alle überkommenen gegenständlichen Zeugnisse (Bauwerke und deren Reste, Skulpturen, Buchkunst, Kleinkunst), die diesem Zeitraum fälschlich zugewiesen worden sind, gehören in die Zeit vor 614 bzw. nach 911. Urkunden und schriftliche Überlieferungen sind Fälschungen und Erfindungen späterer Zeit.

Nach eingehender Beschäftigung und der Lektüre der entsprechenden Publikationen änderte ich meine Auffassung diesbezüglich. Durch meine Literaturrecherchen habe ich die doch zahlreichen Irrungen der Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts zur Kenntnis nehmen dürfen, z.B. die Annahme frühchristlicher Missionskapellen in Gernrode und Oberndorf oder die Erfindung des karolingischen Westwerks. Exemplarisch ist die Neuschreibung der Geschichte des frühen deutschen Kirchenbaus infolge der Grabungen nach dem 2. Weltkrieg. Daraus ist zu erkennen, dass sich die Kunsthistorie bis heute bei der Beurteilung der frühen Baukunst und Kunst auf sehr dünnem Eis bewegt.

Heute bin ich von der Richtigkeit von ILLIG's These überzeugt. Die so genannten "dunklen" Jahre einschließlich der schillernden Persönlichkeiten dieser Zeit wie Karl den Großen, Bonifatius u. a. hat es nie gegeben.

Die Phantomzeitthese bietet nach meiner Auffassung die einzige logische Erklärung für die zahlreichen Ungereimtheiten, die die Kunstwissenschaft der Zeit von ca. 600 bis ca. 900 zugewiesen hat. Durch die Phatomzeitthese wird die architektur- und kunstgeschichtliche Entwicklung für mich wieder glaubwürdig und nachvollziehbar, wenn auch viele offene Fragen verbleiben und der Klärung bedürfen.
Es ist jetzt auch nicht verwunderlich, dass in der Vergangenheit diesem Zeitraum zugewiesene Bauwerke durch die neuere Forschung nach und nach klammheimlich diesen Zeitraum wieder verlassen, z.B. St. Willibrord in Echternach, St. Medard in Soissons, St. Philibert de Grand-Lieu, Flavigny, St. Mang in Füssen, St. Maria in Würzburg, St. Maria in Schlüchtern, St. Wiperti in Quedlinburg u. a. Bei Fortschreiten dieser Entwicklung wird dieser Zeitraum eines Tages ohne Bauten sein.

 

 

Aufsätze:

 

Phantomzeitliche und phantomzeitnahe Bauten in Thüringen und Sachsen/Anhalt

 

Quedlinburg, St. Servatius
Gernrode, St. Cyriakus
Magdeburg, Dom

 

Erfurt  

 

Gernrode

 

Halberstadt

 

Magdeburg

 

Memleben

 

Quedlinburg

 

Rohr


Angeregt durch die Publikation von ANWANDER und ILLIG „Bayern in der Phantomzeit" lag es nahe, zu prüfen, wie sich die Situation der    phantomzeitlichen Bauten auf dem Gebiet der neuen Bundesländer darstellt. Der Kreis der zu besprechenden Bauten ist sehr überschaubar, da nur in Thüringen und in Sachsen/Anhalt phantomzeitliche Bauten überhaupt „bezeugt" sind. Damit fallen Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg von vornherein aus der Betrachtung. Die geschriebene Geschichte beginnt dort erst später.

Selbst für die Länder Thüringen und Sachsen/Anhalt ist die Anzahl der Ortsnennungen, an denen auch frühmittelalterliche bauliche Reste vorhanden bzw. ergraben worden sind, sehr gering.

Für Thüringen sind 2 Orte anzuführen: Erfurt und Rohr. Zahlreiche, auch frühere Nennungen, z. B. Arnstadt (704), existieren allein auf dem Papier. Sie bleiben bei der vorliegenden Betrachtung außen vor.

Damit ist Thüringen bereits abgehandelt. Für Sachsen/Anhalt ist die Liste der Bauwerke ähnlich kurz. Hier sind nur die Orte Magdeburg und Halberstadt aufzuführen, die ihre Ersterwähnung dem frühen 9. Jh. zuordnen. In den Anfang des 10. Jh., d. h. an das Ende der Phantomzeit  datieren weitere Orte wie Quedlinburg und Memleben. Diese sollen wegen ihrer Bedeutung und vorliegender Grabungsergebnisse in die Betrachtung einbezogen werden. Gernrode als angeblich einziger komplett erhaltener ottonischer Bau soll ebenfalls besprochen werden, obwohl schon mit seiner traditionellen Datierung nicht mehr der Phantomzeit zuzurechnen.

Nur für Halberstadt werden Grabungsbefunde ausgewiesen, die in die Phantomzeit reichen. Entsprechend dem logischen Ansatz, dass in der  Phantomzeit keine Bauwerke entstanden sein können, war die Datierung hier zu überprüfen. Jedoch auch bei der Bearbeitung der  Kirchenbauten von Quedlinburg, Gernrode, Memleben und Rohr musste ich feststellen, dass die traditionell überlieferte Baugeschichte nicht haltbar ist. Ich schlage für diese Bauten veränderte Datierungen bzw. sogar neue Rekonstruktionen vor, die dem Grabungsbefund, den überkommenen Baunachrichten und der  Geschichte der Baukunst aus meiner Sicht besser entsprechen.

Etwas ausführlicher wird Magdeburg behandelt, da dort im und im unmittelbaren Umfeld des heutigen Doms kürzlich umfangreiche Grabungen abgeschlossen wurden, die die frühe Baugeschichte aufhellen sollen. Veröffentlichungen der Archäologen im Zusammenhang mit den Grabungen geben genügend Stoff zur eingehenden Auseinandersetzung.

Insgesamt ist letztendlich festzustellen, dass im betrachteten Gebiet keine phantomzeitlichen Bauten nachgewiesen werden konnten. Alle in Frage  kommenden Bauten sind nach der Phantomzeit entstanden. Die frühesten Bauten sind der Mitte des 10. Jahrhundert zuzuordnen, die Mehrzahl jedoch erst der 1. Hälfte des 11. Jahrhundert.

Nach meiner Auffassung hat weder in Thüringen noch in Sachsen/Anhalt vor 950/960 ein Kirchenbau bestanden.

Zwei wesentliche Quellen für unser Wissen über das 10 . Jh. sind die Chroniken von Widukind und von Thietmar von Merseburg. Beide sind nach FRANZ Fälschungen des 12. Jh. Als Autor beider Werke wird Wibald von Stablo, Abt von Stablo und Corvey, benannt. Schon FAUSSNER bezichtigt Wibald, eine florierende Fälscherwerkstatt unterhalten zu haben.
Wenn diese beiden Quellen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts anzuzweifeln sind, was wissen wir dann eigentlich über das 10. Jh.? Die noch verbleibenden Urkunden der Ottonen dürften auch Fälschungen Wibalds sein.

Der angelsächsische Missionar Bonifatius (672-754), der so genannte „Apostels der Deutschen“  gehört in die Phantomzeit und hätte demnach nie real existiert. Doch möglicherweise ist die Person des Bonifatius nicht so einfach zu negieren. In LASZLO’s Aufsatz über Beda erwähnt die Verfasserin mehr nebenher, dass in der Continuatio Bedae, der Fortsetzung der Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum von Beda Venerabilis (um 673-735), der Tod des Missionars Bonifatius für das Jahr 754 verzeichnet wird [LASZLO, 147].  (Die  Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum von Beda Venerabilis berichtet über Ereignisse in England, insbesondere Nordhumbrien, bis zum Jahr 731, d. h. bis weit in die Phantomzeit hinein. Die Continuatio Bedae als Fortsetzung umfasst die Jahre 735 bis 766.) Weiter wird dort berichtet, dass Bonifatius im Jahr 746 um Abschriften von Bedas Werken bittet [ebd, 160]. Darüber hinaus wird ein Briefwechsel zwischen den Missionaren Bonifatius und Lullus angeführt [ebd, 161].

Nach LASZLO sind die phantomzeitlichen Datierungen Bedas als auch die der Continuatio Bedae eine Fortführung der alten Jahreszählung (alte Inkarnationszeit). Sie berichten somit über die Zeit nach dem Zeitsprung von 911 bis 1066.

Damit lassen sich für Bonifatius die möglicherweise wirklichen Lebensdaten ableiten:

                                               nach alter Inkarnationszeit      nach neuer Inkarnationszeit

Geburt in Wessex (England)              672/673                                  969/970

Tod in Dokkum (Friesland)                 754                                         1051

Unter der zunächst nicht weiter hinterfragten Annahme, dass die überlieferten Aktivitäten des Bonifatius tatsächlich stattgefunden haben, ergeben sich folgende interessante neue Datierungen:

                                               nach alter Inkarnationszeit      nach neuer Inkarnationszeit

Gründung des Klosters

St. Peter in Fritzlar                                724                                         1021

Gründung Kloster Ohrdruf                   725                                         1022

Stiftung der Bistümer 
Regensburg, Freising, Passau,

Salzburg                                                  739                                         1036

Bischofssitze Würzburg und
Eichstätt                                                  741                                         1038

Gründung Bistum Erfurt                        742                                         1039

Gründung Kloster Fulda
(durch Sturmius)                                    744                                         1041

Bischof von Mainz                                  746-753                                  1043-1050

Stiftung St. Marien Erfurt (Dom)            752                                         1049

Bischof von Utrecht                                754                                         1051

Erweitert man diese Betrachtung auf Lullus, so ergeben sich weitere interessante Bezüge:

Bischof von Mainz (Nachfolger
von Bonifatius)                                        753                                         1050

Errichtung Kloster Hersfeld                   ab 769                                    ab 1066

Tod in Hersfeld
(Bestattung in Klosterkirche)                  786                                         1083

 Seine Vita soll zwischen 1063 und 1073 entstanden sein.

ILLIG [2011, 340f] verneint die Darstellung von LASZLO. Unabhängig davon sehe ich für ein Wirken des Bonifatius im Ostfrankenreich im 11. Jh. eine reale Grundlage - sofern man von seiner realen Existenz überhaupt ausgehen möchte. Nach der traditionellen Geschichte kommt Bonifatius 719 (= 1016 ?) das erste Mal nach Thüringen. Dort ist die Kirche bereits präsent. Aufgrund des Widerstandes der karolingischen Landeskirche muss die Mission zunächst abgebrochen werden. Er kehrt 721 (= 1018 ?) in den thüringisch-hessischen Raum zurück.
Nach der herkömmlichen Geschichtsdarstellung soll sich die fränkische Landeskirche zur Zeit der Karolinger gegen die römische Mission, z. B. den Bemühungen des Bonifatius’, widersetzt haben. Vielleicht ist hier ein tatsächliches Szenario aus dem 11. Jh. in die Phantomzeit veraltet worden. Vorstellbar ist für mich, dass Bonifatius die ostfränkische Kirche in den Schoß der römischen Kirche zurückführen sollte. Die missionarische Tätigkeit ist möglicherweise diesen Aktivitäten später überstülpt worden. Die ostfränkische Kirche - begründet durch Kaiser Otto I. unter Mitwirkung des römischen Bischofs, des Papstes - hat eine Entwicklung weitestgehend unabhängig von der römischen Kirche genommen. Die ostfränkische Kirche unterstand dem ottonischen Kaiser, später den salischen Kaisern. Die ostfränkische Kirche war damit dem direkten Einfluss Roms entzogen, es entstand somit eine „fränkische Landeskirche“. Das Papsttum hatte kein Mitspracherecht. Das galt es - aus römischer Sicht  - zu korrigieren. Somit hätten wir den Anfang des späteren Investiturstreits vor uns. Die handelnden Personen mussten von außerhalb kommen (außerhalb des ottonischen Machtbereichs). Vermutlich hatte die angelsächsische Kirche eine romhörigere Entwicklung genommen, so dass angelsächsische Mönche für eine solche Aufgabe geeignet erschienen. Die im 11. Jh. erfolgte Gründung von der Bischofsgewalt unabhängiger Benediktinerklöster jetzt auch im Ottonischen Reich zielt in dieselbe Richtung - diese historisch entstandene Entwicklung nachträglich zu korrigieren. Die Klöster der Hirsauer Reform als auch die Entstehung der Reformorden im 11. Jh. sind Beleg dafür.
Der "römische" Grundriss der Fuldaer Benediktinerklosterkirche, angeblich 744 (= 1041 ?) durch Sturmius auf Veranlassung des Bonifatius' gegründet, ist vielleicht ein weiteres Indiz für eine solche Interpretation. Die Stiftung der Erfurter St. Marien-Kirche (Dom) im Jahr 752 (= 1049 ?) korrespondiert in etwa mit meiner Datierung in das frühe 11. Jh. (siehe Link Erfurt). Ob die bei ILLIG [2011, 346] aufgeführten Bistumsgründungen im 11. Jh. alle längst erledigt waren - wie ILLIG behauptet-, ist aus meiner Sicht nicht so klar.

Literatur:

Franz, Dietmar (2009): Hans Constantin Faußner - Wibald von Stablo - Thietmar von Merseburg. In ZEITENSPRÜNGE 21(1), 231-249
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit. Gräfelfing
Illig, Heribert (2011): Erfundenes England. Zwischen Rekonstruktionskritik und Neuansatz. In ZEITENSPRÜNGE 23 (2), 339-354
Laszlo, Renate (2010): Der ehrwürdige Beda und der heilige Cuthbert. In ZEITENSPRÜNGE 22 (1) 137-162

 

 

"Unbekannter" Kirchenbau östlich der Stiftskirche St. Severi in Erfurt

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

2005 wurden am Fuß des Domhügels östlich der Severikirche Fundamentreste aufgedeckt, die dem ersten Anschein nach einer romanischen Kirche zugeordnet werden können.
Die aufgefundenen Baureste werden von einer Mauer überschnitten, die die Archäologen dem 13. Jahrhundert zuweisen, d. h. im Klartext, dass dieser Kirchenbau im 13. Jahrhundert nicht mehr nutzbar war.
Presse als auch die Archäologen sprechen anfangs von einem unbekannten Kirchenbau in Erfurt. Etwas später "identifiziert" die Denkmalbehörde diesen Bau als Annexbau der Severikirche, womit der "unbekannte" Kirchenbau plötzlich keiner mehr ist.
(Meine Intervention per e-Mail bei Frau Dr. Sczech, der zuständigen Archäologin bei der Landesdenkmalbehörde, wird abschlägig beantwortet. Offensichtlich ist man über Laienmeinungen erhaben und nimmt die alleinige Fachkompetenz für sich in Anspruch.)

Nach meiner Auffassung haben wir es mit einem von der Severikirche unabhängigen Kirchenbau zu tun, der in der Erfurter Geschichte keineswegs unbekannt ist. Die Anerkennung dieser These und die Rekonstruktion dieses Baus bieten darüber hinaus neue Erkenntnisse für die bis heute nicht bekannten Vorgängerbauten der Severikirche.

 

 

 

Frühchristlicher Kirchenbau - zu früh

 

Ravenna, San Apollinare in Classe
Bethlehem, Geburtskirche
 Jouarre, Krypta

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Die neuere Forschung sieht die Entstehung der Reichskirche nicht schon unter Kaiser Theodosius I., sondern erst unter Justinian I. im 6. Jh. Offensichtlich ist die Entwicklung der frühen Kirche und damit des frühchristlichen Kirchenbaus völlig anders verlaufen, als es uns die traditionelle Kirchen- und Architekturgeschichte vermitteln will.
In meinem Artikel versuche ich eine Neuinterpretation der Baugeschichte der wesentlichen, herkömmlich frühchristlich datierten Kirchenbauten.

Im Ergebnis ergibt sich für mich ein schlüssiges Bild der Entwicklung des frühchristlichen Kirchenbaus ab dem
6. Jh. unter Kaiser Justinian. Die römische Kirche tritt erst ab dem 10. Jh. selbständig in Erscheinung. Die Christianisierung Mitteleuropas erfolgt erst ab Mitte des 10. Jh. Protagonisten dieser Christianisierung sind die römische Kirche und Kaiser Otto I.

Folglich sind die meisten frühchristlichen Denkmäler deutlich in spätere Zeit umzudatieren. Folgerichtig sind aber auch für Mitteleuropa die Denkmäler des 10. und beginnenden 11. Jh. als frühchristlich anzusehen. (Bei Entfernen der Phantomzeit folgt der spätantiken, frühchristlichen Epoche unmittelbar das 10. Jh. Dieser zeitliche Zusammenhang ist natürlich zu beachten.)

Gunnar HEINSOHN stellte kürzlich die sehr interessante These vor, dass die Zeit von ca. 300 bis ca. 600 ebenfalls eine Phantomzeit darstellt. Damit hätten wir eine Phantomzeit vom 4. bis zum 10. Jh. vorliegen. Der von mir gesehene Beginn des monumentalen Kirchenbaus im 6. Jh. würde damit in das 3. Jh. rücken. Der Protagonist wäre dann nicht mehr Justinian I., sondern vielleicht Porphyrogennetos, wie HEINSOHN vorschlägt. Der Potentat, welcher das Christentum als Reichsreligion bestimmt, hat für mich nicht die Relevanz. Bedeutung hat allein die Begründung der Reichskirche.
Diese These würde jedoch ausschließlich die Bauten, die ich dem 6. Jh. zugeordnet habe, in das 3. Jh. rücken. Die Bauten des 7. Jh. (=10. Jh.) und damit der Aufstieg der römischen Kirche bleiben unverändert im 10. Jh. Damit gibt es auch keine Auswirkungen auf den monumentalen Kirchenbau im von der römischen Kirche beherrschten Teil Europas.

Bei dieser These ist m. E. die Entwicklung des Christentums und des Islam neu zu überdenken. Aus meiner Sicht würde bei dieser These das arianische Christentum der germanischen Völker bzw. Reiche völlig entfallen, was meiner These sowieso entspricht.
Interessant ist diesbezüglich die von ILLIG angesprochene Idee, dass das Christentum möglicherweise aus dem Caesar-Totenkult unter Augustus hervorgeht.

ANWANDER erklärt Justinian I. zum Phantomkaiser. Wie oben bereits ausgeführt, ist nach meiner Auffassung nur von geringem Belang, ob die ersten Bauten unter der Herrschaft Justinians I. oder eines anderen Potentaten errichtet wurden. Die grundsätzliche Abfolge bleibt dabei für mich unverändert.
 

Literatur:

Anwander, Gerhard (2011): Kritik am spätantiken Byzanz, insbesondere an Justinian I.  In ZEITENSPRÜNGE 23 (2), 402-423
Heinsohn, Gunnar (2011): Ist die Spätantike eine Phantomzeit? In ZEITENSPRÜNGE 23 (2), 429-456
Illig, Heribert (2011): Byzanz im Visier. Zwischen Erinnerung und Zukunft. In ZEITENSPRÜNGE 23 (2), 424-428

 

 

 

Der "karolingische" Dom zu Hildesheim

 

Ostansicht

Inneres nach Osten

 Krypta

 

 

zum Aufsatz

 

hier

 

 

Traditionell gilt der Hildesheimer Dom als eines der ganz wenigen in großen Teilen erhaltenen karolingischen Kirchenbauten. Die Gründung des Bistums Hildesheim ist für das Jahr 815 überliefert. Zu dieser Zeit soll durch Ludwig den Frommen eine erste Kapelle errichtet worden sein. Diese will Diözesankonservator Karl Bernhard KRUSE jetzt bei den aktuell laufenden Grabungen entdeckt haben. Darüber hinaus meint er bei einer Grabung in der profanierten Antoniuskirche südöstlich des heutigen Doms die Fundamente des ersten Hildesheimer Doms aus dem 9. Jh., des so genannten Gunthardoms, aufgedeckt zu haben. Da nach der Phantomzeitthese eine karolingische Entstehung unmöglich ist, muss sowohl für die Gründung als auch für die Baugeschichte ein anderer Lösungsansatz gefunden werden. Im meinem Aufsatz versuche ich eine alternative Rekonstruktion der Baugeschichte.

 

 

Aktuelle Themen:

      01.11.2009

Artikel in der Thüringer Allgemeine, 10. Oktober 2009, Wochenendbeilage:

Holger Wetzel: Die verschwundene Dame

Bericht über Ausgrabungen auf dem Frauenberg bei Sondershausen. Reste einer 20 m langen Wallfahrtskirche aus dem 12. oder 13. Jh. (bis zum 17 Jh. bestehend). Darunter wesentlich kleinerer steinerner Vorgängerbau, im Ursprung bis in das 10. Jh. zurückreichend.
Die Archäologen stießen „auf Pfostenlöcher, die zu einem kirchenartigen Holzbau gehören, der zwischen 650 und 710, also Jahrzehnte vor Bonifatius, errichtet wurde“. „Der Holzbau stand im Zentrum der späteren Kirche und maß nur drei mal vier Meter. Dass es sich bei dem kleinen Gebäude tatsächlich um eine Kapelle oder einen christlichen Memorialbau handelte, schließen die Experten aus dem Schmuck mit Kreuzsymbolik, der den zeitgleich begrabenen Toten im Umfeld mitgegeben wurde.“ Unter dem Gebäude ein Frauengrab einer offensichtlich bedeutenden Person (Schmuck). Etwa 35 der rund 85 Bestattungen stammen aus der Zeit vor bzw. um 700, als auch der Holzbau errichtet wurde. Adelsfriedhof einer Familie, die regional großen Einfluss ausübte und bereits Ende des 7. Jh. den christlichen Glauben angenommen hatte. Funde verweisen auf enge Beziehungen zu den Alemannen in Südwestdeutschland, die sich schon lange vor den Thüringern zum Christentum  bekannt hatten.
Vor wenigen Jahren wurde in der Nähe ein ähnlicher, zeitgleich benutzter  Adelsfriedhof gefunden. „Er zeigte die selbe Mischung von heidnischer und christlicher Symbolik, welche die Anfänge der Christianisierung kennzeichnet. Auch dort wurde ein Holzbau identifiziert, der als Adelskirche gedeutet wird. Die beiden Gebäude gelten als die ältesten nachgewiesenen Kirchenbauten Thüringens.“ „…genoss das Land jedoch bis zum Ende des 7. Jh. eine relative Selbständigkeit. Die Oberschicht, die mit anderen Herrscherfamilien in Europa eng verbandelt war, nahm den christlichen Glauben an, lange bevor die Missionare um Willibrord und Bonifatius durch Thüringen zogen.“
Die zu den Friedhöfen gehörenden Siedlungen wurden bisher nicht gefunden. „Weder Lage noch Größe noch, ob die Menschen in Holz- oder Steinhäusern wohnten, sind bekannt.“ Zur Klärung dieser Frage sind Grabungen auf dem Gipfelplateau im kommenden Sommer vorgesehen.

Dieser Artikel zeigt wieder das große Dilemma der Archäologen. Da sie ihre Fundstücke entsprechend der traditionellen Chronologie datieren, können sie zu keiner glaubwürdigen Interpretation gelangen. 35 der insgesamt 85 gefundenen Gräber sollen aus der Zeit vor bzw. um 700 stammen. Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, aus welcher Zeit die übrigen Bestattungen stammen? Insgesamt nur 85 Bestattungen für eine Nutzung von ca. 500 Jahren? Aus einem kirchenartigen Holzbau (was das auch immer heißen soll) wird im weiteren Text auf einmal ein nachgewiesener Kirchenbau. Da sind einige Fragen erlaubt: Wieso wird aus angeblich zeitgleich christlich begrabenen Toten im Umfeld aus einem 3 x 4 m großen Pfostenbau eine Kirche? Das Grab in diesem Bau war leer. Die gefundenen Reste der Beigaben geben keinen Hinweis auf ein christliches Grab. Welche Merkmale gibt es noch, die eine solche Rekonstruktion als Kirche rechtfertigen? Ansonsten bleibt es einfach eine Hypothese. Weitere Fragen: Wie wurden die Gräber datiert? Wie wurde die Datierung für den Steinbau in das 10. Jh. ermittelt?

Ich denke: die Phantomzeit lässt grüßen. Erst unter Berücksichtigung der Phantomzeit ergibt sich aus den Funden ein schlüssiges Bild. Bei Entfall der Zeit von 614 bis 911 ist das 7. Jh. gleich dem 10. Jh. Die Gräber sind Bestattungen des 10./11. Jh. Für ca. 200 Jahre Nutzung sind 85 Bestattungen sicher eher glaubhaft. Auch der Steinbau, errichtet im 10. oder wohl eher im 11. Jh. - ein Vorgängerbau der Kirche des 12. o. 13. Jh. - passt ins Bild. Ob der Pfostenbau ein früherer Vorgängerbau war, muss offen bleiben. Seine Errichtung dürfte jedoch keinesfalls mehrere hundert Jahre früher erfolgt sein. Ich denke, dass auch dieser Bau dem 10. oder 11. Jh. angehört. Aufgrund seiner Bauweise dürfte seine Nutzungszeit 50 Jahre kaum überschritten haben. Der unmittelbare Vorgängerbau der Kirche des 12. o. 13. Jh. ist wohl eher im 11. als im 10. Jh. anzunehmen, da ein Bau des 10. Jh. sonst 200 oder sogar 300 Jahre unverändert in Nutzung gewesen sein müsste. Ich denke, dass in der Zeit der Christianisierung, die ja bis weit in das 11./12. Jh. reichte, eine solche lange Nutzungszeit für die ersten kleinen christlichen Bauten vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl der Gläubigen unwahrscheinlich ist.

Hier wird meiner Meinung nach äußerst leichtfertig mit Fundinterpretationen und Datierungen umgegangen. Ich gehe nicht davon aus, dass das allein den Zeitungsschreibern zuzuschreiben ist.

 

19.05.2010

 Mitteilung in der Thüringer Allgemeine, 19. Mai 2010:

Verschollenes Grab

AACHEN. Das Grab des Herrschers Karl der Große bleibt verschollen. Untersuchungen im Aachener Dom waren erfolglos.

Ohne Kommentar.

 

 

 

 

                                                                                                                                                                         

Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.11.2011

 

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