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Rom, San Paolo fuori le mura |
Ravenna, San Apollinare Nuovo |
Flavigny, Krypta |
Zur Zeit in Überarbeitung
Frühchristlicher Kirchenbau – zu früh!
Einleitung
Der Beginn des monumentalen Kirchenbaus wird mit der Regierungszeit von Kaiser Konstantin I. verbunden. Als markantes politisches Ereignis gilt die berühmte Mailänder Vereinbarung von 313 (das sog. Toleranzedikt), in der durch Konstantin und Licinius „allgemeine Religionsfreiheit, namentlich für das corpus Christianorum, d. h. für die christliche Gemeinde, und die Rückgabe des ihr in der Verfolgung entzogenen Eigentums“ [DEMANDT 2008, 42] bestätigt wird. Nach [DEMANDT 2008, 42] stiftete Konstantin I. bereits 312, also zeitlich vor der Mailänder Vereinbarung die Lateranbasilika für den Bischof von Rom. 324 bis 326 folgen die Petersbasilika und die Umgangsbasilika für Marcellinus und Petrus [ebd, 42]. „Nicht nur in Rom und Konstantinopel, sondern im ganzen Reich hat der Kaiser den Kirchenbau gefördert…Insbesondere im Heiligen Lande entstanden monumentale Kirchenbauten, so die Basilika von Mamre, sowie die Geburtskirche in Bethlehem und die Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg…Die Grabeskirche nahe der Schädelstätte wurde mit besonderem Aufwand errichtet und zu den Tricennalien des Kaisers am 17. September 335 eingeweiht.“[ebd, 51].
Was für ein furioser Auftakt – aber so war es mit Sicherheit nicht!
Folgende Argumente sprechen neben der legendenhaften Überlieferung (Milvische Vision) m. E. gegen diese Darstellung:
1. Die Errichtung von zahlreichen Großbauten für die Christen geht weit über eine Gunsterweisung gegenüber einer gerade erst als gleichberechtigt anerkannten religiösen Gruppe hinaus.
2. Gab
es Anfang des 4. Jh. überhaupt so viele Christen, dass die Errichtung von
derartigen Großbauten nahe lag? SCHECK/ODENTHAL [74] zeigen eine Karte zur
Ausbreitung des Christentums um das Jahr 300. Danach sind im größten Teil des
weströmischen Reiches gar keine Christen bzw. nur vereinzelte Christen
(vorwiegend entlang der Mittelmeerküste und den großen Flüssen) bezeugt. Nur
wenige Gebiete auch - in Italien - sind ausgewiesen, in denen es eine größere
Anzahl von Christen gegeben haben soll, die jedoch noch immer eine Minderheit
darstellten. Die Angaben zur Ausbreitung dieses Christentums sind mit Sicherheit
eher nach unten zu korrigieren als nach oben.
“Zwar waren Heer und Beamtenschaft, Literaten und gehobenes Bürgertum weiterhin
ganz überwiegend heidnisch – im Westen zumal. Die Christen waren eine
Minderheit,…“ [DEMANDT 2008, 39]
3. Die
innen- und außenpolitischen Verhältnisse Roms im ersten Viertel des 4. Jh.
sprechen auch nicht gerade für ein derart anspruchsvolles Bauprogramm, das die
Staatskasse über viele Jahre belastet hätte. „Der Abdankung Diocletians 305
folgten zwanzig Jahre Bürgerkrieg.“ [DEMANDT 2008, 34] Die Auseinandersetzungen
am Rhein und an der Donau und besonders mit Licinius nahmen Konstantin über
Jahre in Anspruch.
„Maxentius verschaffte der Stadt Rom die letzten Jahre von einigem Glanz.“ [DEMANDT
2008, 35] Was war mit den glanzvollen Kirchenbauten Konstantins?
4. Vor der Anerkennung der Christen als Religionsgemeinschaft versammelten sich die Christen nach traditioneller Darstellung in so genannten Hauskirchen, umgenutzte private Wohnräume oder -gebäude. Monumentale Größe und Repräsentation spielten logischerweise noch keine Rolle, im Gegenteil war Unauffälligkeit wegen der gelegentlichen Verfolgungen von Vorteil. Die bescheidenen Räumlichkeiten und der Kult entsprachen einander. Eine übergangslose Errichtung solch monumentaler und repräsentativer Kulträume, für die gar kein, den riesigen Räumlichkeiten entsprechender Kult bestand, steht im Widerspruch zum damaligen Entwicklungsstand des Christentums. Ein dazu gehörender gestiegener Repräsentationsanspruch und ein entsprechend ausgestalteter Kult, aus denen solche neuen Anforderungen an die Räumlichkeiten und die Ausschmückung der Kulträume resultieren können, sind zum damaligen Zeitpunkt noch lange nicht vorhanden. Erst mit der Erhebung des Christentums zur Reichsreligion und der Schaffung einer Reichskirche entsteht ein solches Repräsentationsbedürfnis, dem natürlich die Kulträume durch Monumentalität und Ausschmückung angepasst wurden.
5. Bereits unmittelbar nach seinem Machtantritt 324 gründete Kaiser Konstantin I. in Byzantion das neue Rom, Roma Nova, später umbenannt in Konstantinopel als neuen Mittelpunkt des Reiches [YERASIMOS, 25ff]. Konstantin hat offensichtlich seine ganze Kraft auf die neue Hauptstadt verwendet. Bereits 330 fand im Beisein Konstantins die Einweihungsfeier statt [YERASIMOS, 27]. Für repräsentative Bauten in der alten Hauptstadt dürfte in seinem Bewusstsein kaum Raum gewesen sein. Wie wäre zu verstehen, dass Konstantin in Rom mehrere Kirchen erbaut und in seiner neu gegründeten Hauptstadt Konstantinopel keine Kathedrale vorgesehen hatte [YERASIMOS, 44]? Dass Konstantin mit der Gründung von Konstantinopel eine neue Hauptstadt für das Römische Reich errichten wollte, wird von SCHREINER [21] bestritten. Nach SCHREINER [ebd. 21] hat Konstantin Konstantinopel für sich selbst errichtet. In unserem Zusammenhang ist das gleichbedeutend. Konstantin weilte bis zu seinem Tod nur noch einmal (326) in Rom [ebd. 22f]. Nach DEMAND [2008, 51] hat Konstantin Rom nie wieder betreten.
6. Konstantin war sicher kein Christ. Er verehrte den Sonnengott. Noch 325 ist auf Münzen der Sonnengott als Schutzherr des Kaisers dargestellt [ebd, 40]. Seine christliche Verklärung erfolgte m. E. später. Der ihm gewidmete Triumphbogen in Rom zeigt kein einziges christliches Motiv. „Eine auffällig große Zahl von Bildern auf dem Bogen verherrlicht die Sonne“ [ebd, 41], was zu Konstantins bekannter Verehrung des Sonnengottes passt. Als Argument für die heidnischen Motive wird angeführt, dass der plastische Schmuck zum großen Teil aus Spolien von Denkmälern früherer Kaiser (Trajan, Hadrian, Marc Aurel) besteht [ebd, 41]. Waren diese alle Verehrer des Sonnengottes? Hatte der angebliche Christ Konstantin kein Mitspracherecht bei der Gestaltung seines Triumphbogens? Hätte er als Christ die Verehrung der Sonne und insbesondere sein Abbild bei heidnischen Opferszenen tolerieren können? Für mich kaum glaubhaft. Auf seinen Weg zur Alleinherrschaft ging er über Leichen, vor allem die seiner Verwandtschaft. Sicher wenig christlich. Die Mailänder Vereinbarung von 313 bedeutete nur die Glaubensfreiheit für alle Religionen und entsprach sicher rein pragmatischen Gründen. Übrigens war Licinius ebenfalls kein Christ [ebd, 41].
7. Auch von der Architektur her sind Zweifel anzumelden. Die ersten christlichen Kirchen sollen von ihrer Bauform her apsidial geschlossene Basiliken gewesen sein. Nach STÜTZER [68] leitet sich der Bautyp der Basilika mit Apsis aus der Palastbasilika her, die dem Kaiser als Thronsaal diente. „Man pries Christus … als König, Weltherrscher, Allbeherrscher – und ein solcher brauchte ganz einfach einen Thronsaal, wie ihn die römischen Kaiser hatten. So war die christliche Basilika von Anfang an als Thronsaal des Gottkönigs Christus konzipiert.“ [ebd. 69] Für mich ist die Verwendung einer solchen kaiserlichen Bauform vor Einführung des Christentums als Reichsreligion undenkbar. Erst die Anerkennung der herrschaftlichen Stellung Christi durch den Kaiser und umgekehrt des Kaisers als oberster Vertreter Christi ließ eine solche Bauform zu. Zuvor wäre es - denke ich - einen Affront gegen den Kaiser, da nur seiner Verherrlichung diese Bauform zustand. Anfang des 4. Jh. war das Christentum noch weit davon entfernt.
Nach meiner Auffassung wurde von Kaiser Konstantin I. nicht ein einziger monumentaler Kirchenbau gegründet.
Aus welchen Quellen schöpfen wir eigentlich unser Wissen über den konstantinischen Kirchenbau? Die wesentlichen schriftlichen Quellen zur Geschichte des frühchristlichen Kirchenbaus sind offenbar Eusebius von Caesarea (um 262 bis um 338), Kirchenhistoriker und Biograph Kaiser Konstantins, und der Liber Pontificalis.
Der Liber Pontificalis soll bekanntlich erst im 6. Jh. entstanden sein. Für mich ist er ein Konstrukt wahrscheinlich des 7./10. Jh. und als Quelle für den frühchristlichen Kirchenbau untauglich. Die Kirchengeschichte von Eusebius als auch die Vita Konstantins sehe ich als wesentlich spätere Fälschungen an – vermutlich erst des 10. Jh. Gab es bereits Anfang des 4. Jh. Veranlassung für eine Kirchengeschichte? Sowohl die Kirchengeschichte Eusebius’ als auch die Vita Konstantins dienten m. E. dazu, die Entstehung der Kirche – hier speziell der römischen Kirche - nachträglich in das 4. Jh. zu verorten.
Nach BRANDENBURG [11] soll der Kirchenschriftsteller Tertullian (um 150 bis um 230) gesagt haben, "dass die Versammlungsstätten der Christen als hochaufragende Bauten zu erkennen seien." Welche hochaufragenden Bauten zu Anfang des 3. Jh. (!) sollen das gewesen sein? Die Hauskirchen? Die monumentalen Basiliken sollen doch erst im 4. Jh. entstehen.
Den Schriftquellen ist m. E. größtes Misstrauen entgegenzubringen.
Bei
den angeblich von Konstantin gegründeten Kirchen wird auch die Umgangsbasilika
für Marcellinus und Petrus in Rom (siehe oben) genannt. Dieses Bauwerk gehört zu
einer Gruppe von Bauten in Rom (nicht nur in Rom!), die alle dem 4. Jh.
zugerechnet werden. Neben Santi Pietro e Marcellino gehören dazu die sog.
Umgangsbasiliken San Sebastiano fuori le mura, Sant' Agnese fuori le mura und
San Lorenzo fuori le mura. Diese mit Grablegen "vollgestopften" Zömeterialbauten
einschließlich der angeschlossenen Mausoleen (Mausoleum der Helena und Santa
Costanza) halte ich nicht für ursprünglich christliche Bauten. BRANDENBURG nennt
zwei weitere Umgangsbasiliken mit angeschlossenen bzw. unmittelbar benachbarten
Mausoleen: die Basilika von Tor de'Schiavi [60ff] und die Basilika der Via
Ardeatina [86f]; für beide steht eine umfängliche Erforschung jedoch noch aus.
Die römischen Zömeterialbasiliken wie auch die Zömeterialbasiliken andernorts
sind nach meiner Auffassung Zweckbauten für die Anlage von Bestattungen mit
integrierten Raumkompartinenten für den i. d. R. heidnischen Totenkult. Der
westliche apsidiale Schluss ist kein zwingender Hinweis auf eine christliche
Bestimmung, da es ihn auch bei heidnischen Bauten gibt. Offensichtlich bin ich
mit meiner Erkenntnis, dass die Umgangsbasiliken keine christlichen Bauten sind,
nicht allein. Leider hält es BRANDENBURG nicht für nötig, auf die abweichenden
Meinungen anderer Forscher näher einzugehen [BRANDENBURG, 90]. Auch UNTERMANN
scheint in den Zömeterialbasiliken zunächst keine christlichen Kirchen zu sehen,
wenn er es auch nicht so deutlich ausspricht. Über die ursprüngliche
Zömeterialbasilika St. Pierre in Vienne schreibt er: "Der Boden des 14 m breiten
Saalraumes nahm dicht gereihte Sarkophage auf. Die Apsis ... diente zunächst
nicht der Liturgie, sondern dem exklusiven Begräbnis [UNTERMANN, 23f]. Zu
Sitten/Sion (Wallis) vermerkt er, dass ein spätrömischer Zömeterialkomplex im 6.
Jh. zur Kirche umgewandelt wird und dass seitdem im Inneren nur noch wenige
Bestattungen erfolgten [UNTERMANN, 26].
LEIPZIGER hat in ihrer Dissertation die römischen Basiliken mit Umgang
untersucht und kommt zu dem Schluss: "Es gibt keine einheitliche primäre
Funktion der sechs Basiliken mit Umgang und daher auch keine spezifisch
christliche Funktion. Ebenso wenig spezifisch christlich ist die Herkunft der
Bauform: … Diese Bauform ist von Anfang an für Bestattungen bestimmt gewesen,...
Alle sechs Basiliken sind bei aller Unterschiedlichkeit demnach primär für den
Totenkult errichtet worden." [240] Natürlich sind die an die römischen
Umgangsbasiliken angeschlossenen Mausoleen wohlhabender Familien ebenfalls nicht
christlich. Die Verrenkungen der Forschung, die Umgangsmosaiken von Santa
Costanza christlich zu deuten, sind unnötig. Die Mosaiken sind heidnisch und
nicht christlich. Die nachträglich eingefügten christlichen Motive der
Nischenmosaiken sind einfach durch eine spätere christliche Nutzung erklärbar.
Die Ursprungsbauten waren mit Sicherheit nicht christlich. Es hat bisher immer
verwundert, dass die Umgangsbasiliken in der Nähe der Heiligengräber errichtet
wurden und nicht direkt über dem Grab. Der einfache Grund ist, dass die Bauten
keine Märtyrerkirchen sind und ihnen diese Funktion erst viel später angedichtet
wurde. BRANDENBURG [63] verweist darauf, dass sich z. B. für SS. Pietro e
Marcellino und die Umgangsbasilika von Tor de'Schiavi die Dedikation für
bestimmte Märtyrer erst im 6. Jh. nachweisen lässt. Der "Nachweis" ist
offensichtlich für SS. Pietro e Marcellino der Liber Pontificalis [BRANDENBURG,
59]. Für die Zömeterialbasilika Tor de'Schiavi ist gar kein Märtyrerkult
überliefert, doch wird sie von BRANDENBURG aufgrund ihrer Grundrissform und
einer benachbarten kleinen Katakombe als christlicher Bau eingeordnet.
Diese Bereinigung „beraubt“ Rom mit einem Schlag fast aller Märtyrerkirchen (bis auf Alt-St. Peter und S. Paolo fuori le mura).
Entstehung der Reichskirche
Wenn Konstantin als Bauherr oder Förderer für die eingangs genannten Bauten nicht in Frage kommt, muss für diese Bauten eine neue Datierung gefunden werden.
Ein zielführender Ansatz ist für mich der Hinweis auf die Palastbasilika von STÜTZER (siehe oben). Wie oben ebenfalls erwähnt, kann der Bautyps der christlichen Basilika nach meiner Auffassung erst nach der Erhebung des Christentums zur Reichsreligion entstanden sein. Mit der Terminierung der Reichskirche im Römischen Reich könnte ein frühestmögliches Datum (terminus post quem) für die Errichtung der Kirchenbauten bestimmt werden.
Lässt sich auch ein terminus ante quem festlegen? Ich denke ja, zumindest für Alt-St. Peter. 962 soll Otto I. in Alt-St. Peter zum Kaiser gekrönt worden sein.
Nach der traditionellen Darstellung der Geschichte des Christentums entsteht die Reichskirche mit dem Edikt von 391, in dem Kaiser Theodosius I. die heidnischen Kulte verbietet. Dieser Auslegung der antiheidnischen Gesetze Theodosius I. widerspricht z. B. ERRINGTON. Er weist nach, dass die angeblich so bedeutenden antiheidnischen Gesetze von Kaiser Theodosius I. den zeitgenössischen Autoren (Ambrosius, Augustinus, Orosius, Rufinus, Sokrates, Theodoret, Philostorgius, Sozomenos) entweder unbekannt waren oder weitgehend unbeachtet blieben. Die Gesetze waren entweder an einen eng begrenzten Personenkreis gerichtet oder Entscheidungen betreffend einzelner regionaler Ereignisse, z. B. die Zerstörung des Sarapeion in Alexandria. Den o. a. Autoren – die an sich an einer Auslegung als reichsweit gültiges Edikt das größte Interesse gehabt haben müssten - war dies offensichtlich klar, weshalb sie auf diese Gesetze kaum eingingen [ERRINGTON, 435]. Die griechischen christlichen Autoren Sokrates, Sozomenos und Theodoret haben mehr als vierzig Jahre später (nach 391) noch keine konkrete Kenntnis von Theodosius’ antiheidnischen Gesetzen – oder ignorierten diese [ebd. 402f].
Es gab keine reichsweite Verfügung durch Theodosius zur Zerstörung von heidnischen Tempeln. Die Darstellung der meisten modernen Historiker – dass durch die Gesetze Theodosius’ I. die Reichskirche begründet wurde, ist einfach falsch.
Aus meiner Sicht entsteht die römische Reichskirche erst mit Justinian I.
„Justinian I. war es, der ein ganz besonders ausgeprägtes Verständnis der besonderen Bedeutung der Kaiserinstitution, ihrer Aufgaben und ihrer ideologischen Verankerung hatte und so die Entwicklung des Verhältnisses von Kaiser und Kirche in Byzanz wesentlich bestimmte.“ [WINKELMANN, 131]
Nach meiner Auffassung ist die endgültige Christianisierung des Römischen Reiches erst durch die Installation der justinianischen Reichskirche erfolgt. In diesem Zusammenhang wurde auch Italien ab Mitte des 6. Jh. endgültig christianisiert.
Innere Verhältnisse in Italien im 4. und 5. Jh.
Für die römischen Bauten ist es im Wesentlichen unerheblich, ob die Reichskirche schon Ende des 4. Jh. existent war, da m. E. die Zeit nach Theodosius I. als Bauzeit auch aus anderen Gründen ausscheidet.
Der Bauprozess allgemein und insbesondere bei einem solch monumentalen Kirchenbau ist ein überaus komplexer Vorgang, der Bauherrn und i. d. R. mehrere Ausführende, das sind Planer, Bauleute und Künstler, über einen längeren Zeitraum, d. h. i. d. R. über Jahrzehnte, verbindet, aber auch auf die ständige Verfügbarkeit der entsprechenden Ressourcen wie Finanzen als auch Baumaterial etc. angewiesen ist. WARD-PERKINS dazu: „Architekten, Baumeister, Marmor-Steinmetzen und Mosaizisten, …, alle brauchen Wirtschaftsysteme mit einem gewissen Grad an Komplexität …“ [155].
Nur unter stabilen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ist ein solcher Bau von der Planung bis zur endgültigen Fertigstellung abzuwickeln. Bis heute wird in Krisenzeiten das Bauen auf ein Minimum zurückgefahren. Dazu ist noch zu bedenken, dass die Antike noch keine Kreditsysteme kennt, die den Staat über Engpässe hinweghalfen [WARD-PERKINS, 50]. In Kriegszeiten wird verständlicherweise der Errichtung von Verteidigungsanlagen der Vorrang gegeben.
Von solchen stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen war man im späten 4. Jh., besonders aber vom beginnenden 5. Jh. bis zum 6. Jh. besonders im Westen weit entfernt.
Seit 376 bedrängen die germanischen Völker zunächst das Oströmische Reich. 378 vernichten die Goten das Heer des Oströmischen Reiches in der Schlacht von Hadrianopolis [ebd., 199]. Schon im 3. und 4. Jh. befanden sich Teile Westroms, u. a. ein großer Teil Mittelitaliens, in einem wirtschaftlichen Niedergang [ebd., 51]. Anfang des 5. Jh. spitzten sich die Verhältnisse dramatisch zu. „Italien litt unter der Anwesenheit von großen feindlichen Armeen in den Jahren 401/02 (Alarich und die Goten), 405/06 (Radagaisus) und wieder von 408 bis 412 (Alarich zum zweiten Mal)…“ [ebd., 51].
Die Besetzung römischen Territoriums durch die germanischen Invasoren erfolgte in der Regel mit Gewaltanwendung bzw. –androhung. „Der Eindruck, der von einigen modernen Historikern vermittelt wird, dass der Großteil römischen Territoriums durch Vertragsbestimmungen formell an die Invasoren abgetreten wurde, ist ganz einfach falsch.“ [ebd., 21].
Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Übernahme der tatsächlichen Macht durch die Invasoren wurde das bestehende komplexe, arbeitsteilige Wirtschaftssystem nachhaltig gestört, womit ein drastischer Einbruch der Staatseinnahmen verbunden war. Die fehlenden Einnahmen entfielen für die notwendige Verteidigung, womit die Schwierigkeiten weiter zunahmen. [ebd., 23ff] Die Invasion der germanischen Völker bewirkte durch die damit verbundenen Störungen des antiken, komplexen Wirtschaftsystems das Auseinanderbrechen des römischen Staates im Westen und führte damit zum Untergang der römischen Wirtschaft eben dort [ebd., 141].
Die Einfälle der Germanen waren nicht das einzige Problem, das das Weströmische Reich und damit Rom damals hatte. Es wurde „… auch schwer von Bürgerkrieg und sozialen Unruhen betroffen.“ [ebd. 53]. Infolge dieser Umstände wurden die wirtschaftliche Basis und damit die Steuereinnahmen dramatisch reduziert [ebd. 51ff]. Diese Entwicklung führte letztendlich zur Vernichtung des Weströmischen Reiches im Jahr 476 durch Odoaker.
Die germanischen Völker haben in der Folge auf römischem Gebiet weitgehend eigenständige Reiche (Franken, Ost- und Westgoten, Burgunder, Vandalen) gegründet. Die Ansiedlung der Germanen auf römischem Gebiet erfolgte zunächst mit Gewalt. Die reichen Landbesitzer, welche die herrschende Schicht darstellten, wurden in den betreffenden Gebieten vertrieben. Die Invasoren setzten sich nun selbst an deren Stelle. An sich war man aber nicht an der Vernichtung des Römischen Reichs – weder seiner Bewohner noch der materiellen Ressourcen interessiert, im Gegenteil, man wollte an den Annehmlichkeiten, die Rom bot, partizipieren [ebd., 141]. Mit Sicherheit waren die Invasoren in ihren religiösen Anschauungen tolerant, mussten es auch sein, wenn sie nicht die Bevölkerung ausrotten wollten.
Die von der traditionellen Forschung vertretene Auffassung, dass die Germanenreiche christlich waren, trifft nach meiner Ansicht nicht zu. Wie sollen diese Völker zum christlichen Glauben gelangt sein? Die Erklärung von DEMANDT [2007, 115, Fußnote]: „Die Goten haben den Arianismus ebenso aufgrund äußerer Verhältnisse übernommen wie die Franken später den Katholizismus.“ Warum aber den arianischen Glauben wenn das Umfeld katholisch war? Das kann es nicht sein. Das schwache Rom wird kaum deren Bekehrung bewirkt haben. Sicher haben in den betreffenden Gebieten auch mehr oder weniger Christen neben anderen Religionsgemeinschaften gelebt. Für eine Übernahme des christlichen Glaubens durch die germanischen Eroberer bestand überhaupt keine Veranlassung. Übrigens halte ich auch die Übernahme des Katholizismus im Jahr 486 durch die Franken für ein späteres christliches Konstrukt.
BIRKEN entnimmt aus einer von ihm aufgestellten Zeittafel für die Zeit vom Einfall der Langobarden in Italien bis zur Kaiserkrönung Ottos I., „… dass die Langobarden erst im 10. Jh. katholisch, bzw. überhaupt christlich geworden sein können.“ [133]
Rom
Die Stadt Rom war nicht nur durch die Verknappung der Einnahmen und der Behinderung des Warenverkehrs aus dem Umland und der Provinzen betroffen, sie war auch direkt in die Auseinandersetzungen einbezogen. Während der Völkerwanderungszüge der Germanenvölker und der Rückeroberungsbemühungen Ostroms wurde Rom mehrfach verwüstet und geplündert (410 Westgoten unter Alarich, 455 Vandalen unter Geiserich, 476 Odoaker, ab 489 die Ostgoten unter Theoderich, 546 Totila, 550 Belisar und Rückeroberung durch Totila, 552 Ostrom). BIRKEN schreibt: „Nach Meinung von Spezialisten haben die Gotenkriege Italien schwerer verwüstet und entvölkert als der Dreißigjährige Krieg Deutschland.“ [122] Rom hatte zu dieser Zeit seine Handlungsfähigkeit weitestgehend eingebüßt.
555 konnten zwar die oströmischen Truppen Italien wieder dem Römischen Reich eingliedern, aber bereits 568 erscheinen die Langobarden auf dem Plan und erobern zunächst Norditalien, später sogar große Teile Süditaliens. Es gelang zwar, einige begrenzte Gebiete Ostrom zu erhalten, darunter Rom und Ravenna, jedoch war Ostrom offensichtlich außer Stande, die Invasion der Langobarden zu verhindern. Insgesamt gelang es Byzanz überhaupt nicht mehr, nachhaltig in Italien Fuß zu fassen. Im 10. Jh. (= 7. Jh. bei Abzug der Phantomzeit) verhinderten das die Italienzüge der Ottonen, die auch das Langobardenreich offensichtlich ohne besondere Schwierigkeiten beendeten, da es den Langobarden nicht gelungen war, einen zentral geführten Staat mit einem erblichen Königtum zu etablieren [BIRKEN, 123]. In Süditalien konnten im 11. Jh. die Normannen endgültig die Situation für sich entscheiden. Byzanz war im 10. und 11. Jh. durch die anhaltende Verteidigung seiner eigenen Grenzen bereits so geschwächt, dass eine Expansion nicht mehr möglich war.
Damit ergibt sich weder im 5. noch in der ersten Hälfte des 6. Jh. ein ausreichendes Zeitfenster für die Errichtung der römischen Basiliken. Nach der oströmischen Rückeroberung 552 wäre theoretisch ein Baubeginn denkbar. Trotz der kurz darauf erfolgten langobardischen Besetzung Italiens ist es vorstellbar, dass unmittelbar nach 552 ein Kirchenbau in Rom errichtet wurde, da Rom im Herrschaftsbereich Ostroms verblieb. Mit Sicherheit hat Justinian die in Ostrom m. E. von ihm etablierte Reichskirche auch auf die zurückeroberten Gebiete ausgedehnt. Er gründete die kirchlichen ranggleichen Patriarchate Konstantinopel, Jerusalem, Antiochia, Alexandria und Rom. Nachvollziehbar ist natürlich die Errichtung repräsentativer Kirchenbauten an den Sitzen der o. a. Patriarchate. Rom war schließlich als Patriarchat bestimmt, womit eine Patriarchalkirche anzunehmen ist.
Bekanntlich ist San Giovanni in Laterano die Bischofskirche Roms. Sie soll unmittelbar nach dem Toleranzedikt von 313 durch Kaiser Konstantin I. gegründet worden sein. Sie liegt nicht wie Alt-St. Peter oder San Paolo fuori le mura außerhalb, sondern innerhalb der antiken Stadt. Ihr Gründungsbau ist möglicherweise die ursprüngliche Patriarchalkirche. Nach STÜTZER [70f] stellte Gregor der Große (590-604) die Basilica Salvatoris unter den Schutz Johannes des Täufers und wohl auch des Evangelisten Johannes, womit sie seit dem 7. Jh. (=10. Jh.) das Johannespatrozinium besitzt. Die uns bekannte Rekonstruktion der Kirche ist meiner Meinung nach nicht der Bau des 6. Jh., sondern ein Nachfolgebau, wahrscheinlich aus dem 10. Jh. Ich werde später darauf zurückkommen, weshalb ich in der uns bekannten Rekonstruktion nicht den Ursprungsbau des 6. Jh. sehe.

Rom, Laterankirche, Grundriss aus [BRANDENBURG, 260]
Dass
sofort nach der Einnahme Roms durch Ostrom - parallel mit dem Bau der
Patriarchialbasilika, d. h. der Laterankirche - ein zweiter Großbau und weitere
monumentale Kirchenbauten errichtet wurden, ist höchst unwahrscheinlich. Damit
verbleibt für den Bau von Alt-St. Peter und die anderen angeblich
frühchristlichen Kirchen Roms nur die Zeit ab dem 7. Jh. (=10. Jh.).
Zu Beginn des 10. Jh. lag die langobardische Eroberung ca. 50 Jahre zurück. Die
politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich stabilisiert. Durch
das durch Ostrom in Italien installierte Reichskirchensystem wurde die
christliche Kirche zu einer wichtigen politischen Kraft, was erklärt, dass der
Bischof von Rom, Papst Gregor der Große, 593 einen Friedensschluss zwischen den
Langobarden und Byzanz vermitteln konnte [BIRKEN, 133]. Die gestärkte Position
der römischen Kirche wird im 10. Jh. durch deren aktive Einflussnahme auf die
Herrschaftsgestaltung in Italien deutlich sichtbar. Jetzt ist das objektive
Umfeld für die Errichtung der römischen Basiliken vorhanden. Der Machtanspruch
der römischen Kirche auch oder besonders gegenüber Ostrom ist der notwendige
subjektive Faktor für das anspruchsvolle Kirchenbauprogramm der Folgezeit, das
sich mit Hilfe der fränkischen Herrscher über ganz Westeuropa ausdehnen sollte –
untrennbar verbunden mit der Christianisierung Westeuropas.
Ein bemerkenswertes Indiz, das m. E. für die späte Einordnung der römischen Kirchen spricht: Während sowohl für die Grabeskirche in Jerusalem als auch für die Geburtskirche in Bethlehem eine justinianische Bauphase überliefert ist – wenn auch nach einer angeblich konstantinischen – ist für keine der römischen Kirchen eine solche überliefert. Bei einer Errichtung im 4. oder 5. Jh. würde ich eine justinianische Erneuerung o. ä. für logisch ansehen. Übrigens ist auch für die Laterankirche eine solche nicht bekannt. Hier sind verschiedene Gründe vorstellbar, z. B. dass es Mitte des 6. Jh. die Laterankirche noch nicht gab, d. h. auch keinen Vorgängerbau der bekannten Rekonstruktion oder der Bau nicht fertiggestellt war oder der justinianische Beginn aus der Überlieferungsgeschichte gestrichen wurde, um die Unabhängigkeit von Ostrom zu dokumentieren.
Einen weiteren Anhaltspunkt liefert vielleicht die traditionelle Baugeschichte von San Pietro in Vaticano (Alt-St. Peter). Um ca. 600 (nach Abzug der Phantomzeit = ca. 900) soll unter Gregor dem Großen das Petrusgrab durch eine Ringkrypta mit Confessio zugänglich gemacht worden sein. Nach meiner Auffassung ist zu dieser Zeit nicht nur die Ringkrypta entstanden, sondern der gesamte Kirchenbau einschließlich Ringkrypta. Der Bau war von Anfang an ausschließlich auf das angebliche Petrusgrab fixiert.

Rom, Alt-St. Peter, Grundriss aus [BRANDENBURG, 276]
Damit ist für mich Alt-St. Peter die erste Märtyrerbasilika überhaupt. Die nach der traditionellen Architekturgeschichte in das 4. Jh. datierten Umgangsbasiliken, die bisher als älteste Märtyrerkirchen galten, sind endgültig aus der Liste der Märtyrerbasiliken - wie oben ausgeführt - auszusondern.
Sowohl die Laterankirche als auch Alt-St. Peter sind gewestete Kirchenbauten. Offensichtlich war zur Zeit ihrer Gründung der christliche Kult in solchen Großbauten noch nicht festgelegt. Die möglicherweise als Vorbild dienenden, für den (nicht christlichen!) Totenkult bestimmten römischen Umgangsbasiliken waren durchweg gewestet, da man den von den Toten Auferstandenen aus dem Osten erwartete, weswegen der Eingang im Osten lag.
Die übrigen so genanten frühchristlichen Kirchen Rom sind für mich durchweg jüngere Gründungen. Sehen wir uns diese kurz an:
Santa Maria Maggiore: Dreischiffige Basilika, angeblich um 435 gegründet, die Säulen antik mit ionischen Kapitellen. Vom Bau des 5. Jh. soll der reich mit Mosaiken geschmückte Triumphbogen erhalten sein, ehemals die Ostwand der Kirche (Apsis abgebrochen). Weiterhin Mosaiken an den Mittelschiffswänden. Themen der Mosaiken im Langhaus vorwiegend aus dem alten Testament, am Triumphbogen neutestamentlich. Nach STÜTZER [154] im Stil weitgehend von der Buchmalerei beeinflusst. Auf dem Verkündigungsmosaik des Triumphbogens ist Maria in ganz neuer Weise dargestellt: „Maria königlich gewandet mit Nimbus“ [STÜTZER,157ff]. Eine solche Darstellung ist erst nach Erhebung des Christentums zur Reichskirche denkbar, also keinesfalls schon im 5. Jh. Der kleinteilige, erzählende Stil der Mosaiken erinnert an frühromanische Wandmalerei. Die Marienverehrung beginnt in der frühromanischen Kunst erst im 10. Jh. Was spricht eigentlich gegen eine Erbauung im 10. oder 11. Jh. unter Verwendung antiker Spolien (Säulen und Kapitelle)?
Santa Croce in Gerusalemme: „Die Gründung der Kirche … geht auf die Legende von der Auffindung des Kreuzes Christi durch Kaiser Konstantins Mutter Helena zurück. Die Reliquie ist angeblich um 320 in Jerusalem gefunden und nach Rom gebracht worden. Tatsache ist aber lediglich, dass 1144 von Papst Lucius II. hier eine alte Kirche erneuert wurde.“ [ROSENDORFER, 152]
Santa Pudenziana: Vom Gründungsbau des ausgehenden 4. Jh. soll nur noch die Apsis mit ihren Mosaiken stammen. Der heutige Zustand i. W. vom Ende des 16. Jh. Bruchstücke eines romanischen Portals sind in der Fassade enthalten. Der Campanile stammt aus dem 12. Jh. Das Apsismosaik ist sehr stark restauriert. Das Mosaik stellt Christus in der Mitte der zwölf Apostel (davon nur noch zehn erhalten) dar. Christus ist wie ein römischer Kaiser dargestellt (gemmengeschmückter Thron, Purpurkissen, Pallium). Eine solche Darstellung ist m. E. frühestens nach Installation des Christentums als Reichskirche im 6. Jh. möglich. Vielleicht gehören die Portalbruchstücke und der Campanile zum romanischen Gründungsbau.
Santa Sabina: Angeblich um 425 errichtet. Die Kirche wurde im Mittelalter und in der Barockzeit stark verändert. Heutiger Zustand ist das Ergebnis der Restaurierungen von 1914 bis 1919 und von 1936 bis 1938. Dreischiffiger Kirchenbau ohne Querhaus. Die kannelierten Säulen einschließlich der korinthischen Kapitelle sind möglicherweise Spolien aus dem 2. Jh. Die Fenster der Seitenschiffe romanisch. Mosaik mit Widmungsinschrift mit Hinweis auf Papst Coelestin I. (422-432) an der Eingangswand. Original angeblich auch noch ein Fries mit Marmorinkrustationen. Die traditionelle Datierung der Kirche offensichtlich nach dieser Widmungsinschrift. Gemäß der Inschrift soll der Stifter ein illyrischer Priester namens Petrus gewesen sein. Die reich skulptierte Holztür soll angeblich vom Ursprungsbau stammen. Sie ist „die älteste holzgeschnitzte Tür christlicher Kunst“ [FISCHER, 334]. „Das Mosaik über der Eingangswand gehört zu den ältesten Roms;…“ [FISCHER, 334f]. Bei solchen Superlativen erheben sich bei mir größte Zweifel. Die Kirche soll ein Priester aus Illyrien gestiftet haben? Was spricht eigentlich gegen eine Entstehung in romanischer Zeit? Reliefgeschmückte Türen aus Holz oder Bronze sind im 11. Jh. und 12. Jh. keine Seltenheit (Verona, Pisa, Trani, Köln, Hildesheim, Augsburg, Magdeburg - jetzt in Novgorod). Die Konzentration auf die handelnden Personen, der ornamentale Faltenwurf, phantastische Pflanzendarstellungen aber auch die Komposition einzelner Szenen wie die Huldigung der Sterndeuter finden sich ebenso in der Buchmalerei des 11.Jh. Die phrygischen Mützen der Sterndeuter aus der Huldigungsszene tragen auch die Heiligen Drei Könige im Mosaik in San Apollinare Nuovo in Ravenna, welches ich frühestens dem 11. Jh. zuordne (siehe Teil 2). Dass bzgl. des künstlerischen Stils keine unmittelbare Verwandtschaft zu den anderen erhaltenen Werken vorliegt, mag unterschiedliche Gründe haben. Einmal die Eigenart des Künstlers oder auch seine Vorbilder, wobei der mittelalterliche Künstler in Rom aus einem ganz anderen Repertoire Vorbildern schöpfen konnte, als an jedem anderen Ort. Meines Erachtens spricht auch das singuläre Auftreten im 5. Jh. – das sind selbst bei Abzug der Phantomzeit immer noch ca. 3 Jahrhunderte vor den anderen Beispielen – gegen die frühe Datierung. Auch Marmorinkrustationen sind im 12. Jh. üblich (San Miniato in Florenz).
Santo Stefano Rotondo: Die Gründung von Santo Stefano Rotondo wird traditionell um 470 gesehen. Nach STÜTZER [163ff] eines der "problematischsten Bauwerke der frühchristlichen Zeit". Er sieht hier eine Erinnerung an die Grabrotunde der Grabeskirche in Jerusalem und "das Vorbild für die vielen Grabeskirchen, die in den nachfolgenden Jahrhunderten in Europa entstanden sind." Von der spätantiken Ausstattung sind offensichtlich keine Reste vorhanden. Der Bau soll im 11. Jh. durch die Normannen sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Die Funktion eines Mausoleums scheidet sicher aus, da der Standort mitten in der Stadt einer solchen entgegensteht. Da die Grabeskirche eine justinianische Gründung ist, kann Santo Stefano Rotondo - sofern sie eine Nachbildung Grabesrotunde ist - frühestens aus dem 6. Jh. stammen. Wieso sollte gerade sie das Vorbild für die vielen späteren Nachbildungen sein? Sie ist ja angeblich selbst eine Nachbildung der Grabeskirche. Könnten wir hier nicht sogar einen Bau des 11. Jh. oder 12. Jh. vor uns haben? Zu dieser Zeit sind Nachbildungen der Grabeskirche weit verbreitet.
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Rom, Santo Stefano Rotondo [EFFENBERGER, 236f]
San Clemente: Der heutige Bau ist aus dem 12. Jh. und wurde über einem römischen Haus errichtet. Der vermeintliche Bau des 4. Jh. (um 390) mit Wandmalereien aus dem 8. bis 11. Jh. (!) wurde im 19. Jh. ausgegraben und zugänglich gemacht.
Santi Cosma e Damiano: Auch hier offensichtlich die Datierung „um 530“ nach einer Widmungsinschrift, die auf den Papst Felix IV. (526-530) verweist. Bei der Datierung des Apsismosaiks zweifelt STÜTZER [171] an einer Datierung in die Zeit von Papst Felix IV. "Manches spricht dafür, dass es erst in der Zeit von Papst Sergius I. (687-701) geschaffen wurde." Die Anlegung des Mosaiks sieht er jedoch sicher unter Felix IV. Für mich ein Kuriosum: "Auf der linken Seite sieht man Papst Felix IV. Diese Partie erfuhr mancherlei Veränderungen. Ursprünglich war Felix IV. dargestellt, im 16. Jahrhundert hat man ihn gegen Papst Gregor den Großen ausgetauscht, um im 17. Jahrhundert abermals Felix IV. in das Mosaik einzusetzen, ..."[STÜTZER, 174]. Hier ist mit Sicherheit einmal zu viel ausgetauscht worden. Der Hinweis auf Papst Sergius I., also in die Phantomzeit, weist m. E. auf eine Entstehung im 10. oder 11. Jh. hin. Die von STÜTZER [175] bemerkte Nähe zur byzantinischen Kunst lässt vielleicht sogar an eine noch spätere Entstehung denken.
Santi Giovanni e Paolo: Von dieser Kirche „stehen zwar noch die Mauern der dreischiffigen Basilika des 4. Jahrhunderts, …, aber sonst erinnert nichts mehr an den frühchristlichen Bau“ [STÜTZER, 168].
Soviel zum frühchristlichen Kirchenbau in Rom. Was bleibt, ist meiner Meinung nach weniger als dürftig.
Rom erlebte im 10. Jh. einen enormen politischen Aufschwung. Rom und Italien sind wieder politisch handlungsfähig, was die Aufnahme der Verhandlungen mit dem Ottonischen Reich beweist. Nur sind die Randbedingungen völlig anders. Nicht mehr ein zentralistisch regiertes Reich, sondern erstarkende Territorialherrschaften, wozu auch die römische Kirche zu zählen ist, bestimmen die politische Landschaft in Italien.
Mit Hilfe der Ottonen konnte sich die römische Kirche von Ostrom abwenden und zum Ausgangspunkt der Christianisierung Mittel- und Westeuropas werden. Müsste sich dieser Aufschwung nicht auch in den Bauten Roms widerspiegeln? Fehlanzeige. Stattdessen sollen sich die frühchristlichen Kirchen über die Zerstörungs- und Plünderungswellen des 5. und 6. Jh. hinweg erhalten haben.
Schon ILLIG verweist die phantomzeitlichen Kirchen und Mosaiken Roms in die Nachphantomzeit, genauer gesagt ab Mitte 11. Jh. und in das 12. Jh., dem ich nur zustimmen kann. Für das 10. und das frühe 11. Jh. hält er aufgrund der politischen Situation eine Bautenlücke weiterhin für plausibel [ILLIG, 310]. Meine Zuweisung der sog. frühchristlichen Kirchen Roms in das 10./11. Jh. füllt auch die noch von ILLIG gesehene Lücke. Mit der vorliegenden These ist endlich ein frühmittelalterlicher römischer Kirchenbau einigermaßen fassbar, den es bisher unerklärlicherweise nicht gab. Dafür entfällt der Kirchenbau Roms der vorangegangenen Jahrhunderte völlig.
Dass im unmittelbaren Anschluss an die Spätantike noch spätantik gebaut wurde, ist sicher nicht verwunderlich. Die vielfach nachgewiesene Verwendung von antiken Spolien ist auch nachzuvollziehen. Die antiken Bauten wurden für die Neubauten des 10./11. Jh. geplündert. Es ist bekannt, dass das Forum Romanum als Steinbruch gedient hatte. Die musivische Kunst hatte sich offensichtlich über die Zeit gerettet – möglicherweise auch über Byzanz - und erfuhr in der Folgezeit eine neue Blüte. Der Anklang byzantinischer Kunst bei verschiedenen Mosaiken lässt natürlich auch an den Import oströmischer Künstler denken.
Durch das Streichen der Phantomzeit in Italien rückt die Spätantike unmittelbar an das Frühmittelalter heran. Die bisher durch die Phantomzeit entstandene künstliche Lücke von ca. 300 Jahren gibt es nicht. Trotz dessen kann man in Rom kaum von einer Kontinuität der Baukunst zwischen Antike bzw. Spätantike und Frühmittelalter ausgehen. Infolge des Zusammenbruchs der römischen Zentralgewalt während der Germaneneinfälle kam das öffentliche Bauen vom 4. bis einschließlich 6. Jh. fast völlig zum Erliegen. Der letzte öffentliche Großbau war die Maxentiusbasilika, die in den Jahren 306 bis 330 erbaut worden ist [FISCHER, 194].
Konstantinopel
Nach WARD-PERKINS [55ff] war der Osten von dem dramatischen Niedergang weniger betroffen. Trotzdem: Die oströmische Niederlage bei Hadrianopolis 378 „rief eine unmittelbare tiefe oströmische Krise hervor: Der Balkan war verwüstet; Konstantinopel selbst bedroht … dies brauchte jahrelange Aufwendungen und Anstrengungen“ [ebd. 68] Im 5. Jh. wurde der Balkan durch die Hunnen bedroht. Ostrom zahlte an die Hunnen einen jährlichen Tribut, der 447 noch einmal erhöht wurde [ebd. 68]. Unter Theodosius II. wird die theodosianische Landmauer zum Schutz Konstantinopels errichtet (413-439), die größte Verteidigungsanlage der gesamten Antike [ebd. 43].
Dass in dieser Zeit die christliche Religion zur Staatsreligion und die Kirche zur Reichskirche ausgebaut wurden sowie ein großes Kirchenbauprogramm aufgelegt wurde, ist nicht glaubhaft. Es bleibt für mich dabei: Erst durch Justinian I. wurden das Christentum zur Reichsreligion und die Kirche zur Reichskirche ausgebaut.
In einem um 425 angefertigten Inventar sind für Konstantinopel 14 Kirchen aufgelistet, von denen sich nur zwei „mit einiger Wahrscheinlichkeit“ auf Konstantin zurückführen lassen, die Apostelkirche und die Irenen-Kirche [YERASIMOS, 35]. „Vieles spricht allerdings dafür, dass die fraglichen Kirchen von den Kaisern des sechsten Jahrhunderts erbaut wurden.“ [ebd. 35] Keine der drei angeblich ältesten Kirchen Konstantinopels, das sind die Apostelkirche, die Irenen-Kirche und die Hagia Sophia, ist im Urzustand erhalten [ebd. 36].
Der bestehende Bau der Hagia Sophia ist nach Ansicht der traditionellen Kunstgeschichte der Bau Justinians. Ein Vorgängerbau wurde angeblich unter Konstantios II. errichtet (um 360 geweiht) und soll „fast ebenso breit und ebenso lang wie der heutige Bau“ gewesen sein. Dieser Vorgängerbau soll zweimal (404 und 532) abgebrannt sein, ehe Justinian mit seinem „Wiederaufbau“ begann. [ebd. 44f] An dieser Version ist m. E. zu zweifeln. Den Vorgängerbau zu ignorieren und den rezenten Bau der Hagia Sophia als Auftakt eines neuen Bautypus der „christlichen Kirche“ zu sehen fällt mir schwer. Glaubhafter für mich wäre, in dem Vorgängerbau den justinianischen Bau zu identifizieren und den bestehenden Bau vielleicht dem 11. Jh. zuzuordnen. Die Hagia Sophia hatte bei ihrer Gründung noch kein Patrozinium, sondern "erhielt die schlichte Bezeichnung Große Kirche und wurde Jesus Christus geweiht." [ebd. 45].
Auch die konstantinischen Anfänge der Irenenkirche in Konstantinopel sind äußerst suspekt. Sie soll 564 abgebrannt und unter Justinian restauriert worden sein. Danach neue Zerstörungen durch ein Erdbeben (740) und erneuter Wiederaufbau. Untersuchungen aus den 70er Jahren des 20. Jh. ergaben, dass „die meisten Mauerabschnitte der heutigen Kirche vom Wiederaufbau im achten Jahrhundert stammen.“ [ebd. 49ff] Mit Berücksichtigung der Phantomzeit dürften wir damit sogar im 10./11. Jh. sein.
Die angeblich älteste, als Ruine erhaltene Kirche Konstantinopels, die Hagios Johannes Studios – eine dreischiffige Basilika - soll 454 erbaut worden sein [ebd. 36]. Im Jahr der Thronbesteigung Justinians 527 soll die heute noch bestehende Sergios-und-Bakchos-Kirche von Justinian begonnen worden sein. Ich halte beide Kirchen für jünger.

Konstantinopel, Hagia Sophia, Grundriss aus [EFFENBERGER, 297]

Konstantinopel, Irenenkirche
Jerusalem und Bethlehem
Und die Großbauten im Heiligen Land? Jerusalem und das unmittelbar benachbarte Bethlehem gehörten bis 614 zu Ostrom. Im Jahr 614 wird Jerusalem/Bethlehem von den Persern eingenommen. 1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem und gründeten das Königreich Jerusalem, das 1187 durch Saladin beseitigt wurde. Ein nochmaliges lateinisches Intermezzo gab es von 1229 bis 1244, als sich Friedrich II. selbst zum König von Jerusalem erhob. Er hatte die Stadt zuvor durch Verhandlungen vom Sultan erhalten. Nach der persischen Eroberung dürfte die christliche Entwicklung abrupt beendet worden sein, was durch das Schicksal dieser Bauten belegt wird. Übrigens ist für beide Bauten eine justinianische „Erneuerung“ bezeugt.
Die konstantinische Geburtskirche soll im Samariteraufstand 529 beschädigt und danach vollständig abgerissen worden sein. Beim nur wenig größeren Neubau der Geburtskirche unter Justinian sollen die Architekten Justinians das Mauermaterial der konstantinischen Basilika für den zweiten Bau der Geburtskirche verwendet haben [GORYS, 180]. Unter den Kreuzfahrern 1161-1169 ist die Kirche gründlich restauriert worden. Diese Aussagen sehen auffallend nach einem Konstrukt aus. Das ergrabene Oktogon dürfte der justinianische Bau über dem angeblichen Geburtsort Jesu sein. Den jetzigen Ostschluss, wenn nicht den ganzen Bau, sehe ich als einen Bau des 12. Jh. unter den Kreuzfahrern.

Isometrie aus [EFFENBERGER, 135]

Bethlehem, Geburtskirche, Grundriss aus [GORYS, 179]
Die Grabeskirche einschließlich der Rotunde ist i. W. ein Neubau des 12. Jh. Die tradierte Baugeschichte kennt mehrere Vorgängerbauten der Grabrotunde, der letzte aus dem 11. Jh. Der Gründungsbau soll bei der Eroberung durch die Perser 614 durch Brand zerstört worden sein. Danach soll es nur bescheidenere Wiederaufbauten bis zum monumentalen Neubau des 12. Jh. gegeben haben.

Jerusalem, Grabeskirche, Grundriss aus [EFFENBERGER, 134]
Konstantinisches ist weder bei der Geburtskirche noch bei der Grabeskirche auszumachen, was nach meinem Ansatz nicht anders sein kann.
Für mich waren die justinianischen Ursprungsbauten sowohl der Geburtskirche als auch der Grabeskirche die Zentralbauten, einmal ein Oktogon, zum anderen die Grabrotunde, die beide über den Gedächtnisorten der Jesusgeschichte errichtet worden sind. Die Bauform wurde, was nahe liegend war, der Mausoleumsbaukunst entlehnt.
Ich denke, dass in Jerusalem ein weiterer justinianischer Memorialbau noch existent ist, der Felsendom. Der Felsendom, heute eines der Hauptheiligtümer des Islam, wurde über dem geheiligten Felsen errichtet, auf welchem Abrahams Opfer und Mohammeds „Himmelsreise“ stattgefunden haben sollen [STIERLIN, 36]. „Merkwürdigerweise ist das erste architektonische Meisterwerk der Kalifen keine Moschee, sondern eine Art Martyrion, ein Gedächtnisbau,... An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass der Felsendom an die erste Grabrotunde in Jerusalem (335) erinnert, die sich ganz in der Nähe befand. Bei beiden handelt es sich um Zentralbauten mit doppeltem Umgang und einer Kuppel, deren Innendurchmesser 20,4 m beträgt. Beide umschließen einen heiligen Felsen, der eine Grotte schützt. … Eine solche Übereinstimmung in Form und Funktion kann kein Zufall sein.“ [ebd. 36].
Wie
bereits STIERLIN feststellt, hat dieser Bau von der Motivation her den gleichen
Charakter wie der Bau über dem Grab Christi. Aber auch wie der Bau über der
Geburtsgrotte. Auch hier wird eine für das Christentum besondere Lokalität durch
den Bau hervorgehoben. Vermutlich war ursprünglich nur die Altarstelle gemeint.
Die Himmelfahrt Mohammeds an dieser Stelle ist sicher erst später durch den
Islam hinzugefügt worden. Vielleicht war eine völlige Umdeutung der Stelle nicht
mehr möglich. Im Übrigen konnte der Islam aufgrund seiner christlichen
Vorgeschichte auch gut mit der Abrahamlegende leben.
Nicht nur, dass die Veranlassung für den Bau des Felsendoms ähnlich der für die
Geburtskirche und der Grabeskirche war, auch die bauliche Gestalt ähnelt dem der
beiden anderen Bauten – wie STIERLIN ebenfalls feststellte. Für mich wie auch
für WEISSGERBER [706] mit Bezug auf ZELLER ist der Felsendom ein
byzantinisch-christliches Bauwerk. Da Jerusalem 614 von den Persern eingenommen
wurde und erst wieder unter den Kreuzfahrern kurzzeitig in christlichen Händen
war, müsste die Errichtung des Felsendom als byzantinisch-christliches Bauwerk
zeitlich vor 614 oder nach 1099 liegen. Die tradierte Baugeschichte sieht die
Erbauung unter dem Kalifen Abd al-Malik ibn Marwan (685-705) und dessen Sohn
al-Walid I. ibn Abd aä-Malik (705-715), also in der Phantomzeit. In der Regel
würde ich in einem solchen Fall für eine nachphantomzeitliche Gründung
plädieren, aber im vorliegenden Fall denke ich an eine Gründung vor der
persischen Eroberung. Die islamische Datierung sollte womöglich eine vorherige
christliche unkenntlich machen. Ein Neubau unter den Kreuzfahrern müsste
eigentlich offenkundig sein, so dass doch eher eine Bauzeit von Justinian bis
spätestens 614 und ein Umbau in islamischer Zeit in Frage kommen. Die
Kreuzfahrer hätten im 12. Jh. sicher keinen Zentralbau, sondern eine basilikale
Anlage errichtet.

Felsendom, Grundriss aus [GORYS, 115]
Ravenna
Natürlich gibt es auch andernorts angeblich Frühchristliches. Da wäre an erster Stelle Ravenna zu nennen. Ravenna ist von 402 bis 476 Hauptresidenz der weströmischen Kaiser (401 verlegte Honorius seinen Hof von Mailand nach Ravenna). 408 belagern die Westgoten unter Alarich Ravenna. Von 476 bis ca. 540 regierten die Ostgoten in Ravenna (Odoaker 476-493, Theoderich 493-526).
Ravenna gehört schon ab 540 wieder zu Ostrom bis zur Ablösung durch die Ottonen im 10. Jh. (967 Reichstag unter Kaiser Otto I.). Die Einnahme Ravennas durch die Langobarden im Jahr 751 fällt der Phantomzeit zum Opfer und hat mit Sicherheit nie stattgefunden. Im 11. Jh. gehört Ravenna dem Städtebund mit Ancona, Fano, Pesaro, Senigallia und Rimini an.
Die traditionelle Forschung sieht einen
vorjustinianischen Kirchenbau in Ravenna sowohl zur Zeit, als Ravenna
Hauptresidenz des Weströmischen Reiches war, also unter Honorius und Galla
Placidia, als auch nach 493 unter Theoderich. Hatte Honorius nach seinem Rückzug
aus dem unsicheren Mailand tatsächlich die Muße, sich mit dem Bau von Kirchen zu
beschäftigen? Er hatte noch ein anderes Problem: „Während der sehr wichtigen
Jahre zwischen 407 und 413 wurde Kaiser Honorius (mit Sitz in Italien), oftmals
gleichzeitig, von einer verwirrenden Abfolge von Usurpatoren herausgefordert …“
[WARD-PERKINS, 53]. Ich erachte den Kirchenbau unter Honorius und Galla Placidia
als auch später unter Theoderich als späteres christliches Konstrukt. Das Motiv?
Vielleicht durfte der nach der Eroberung durch Ostrom unter Justinian errichtete
Bau von San Vitale nicht als erster Kirchenbau Ravennas in die Geschichte
eingehen. Den Emanzipationsbestrebungen der römischen Kirche im 10. Jh. wäre ein
erster Kirchenbau durch Justinian sicher ein Dorn im Auge gewesen.
Zum angeblichen arianischen Christentum der germanischen Invasoren siehe Teil 1.
Als Christ hätte Theoderich sicher kein heidnisches Mausoleum als Grabmal für
sich errichten lassen, sondern sich in „seiner“ Kirche bestatten lassen.
Erst nach der Einnahme Ravennas durch
Ostrom, d. h. nach 540, waren die Bedingungen für einen monumentalen Kirchenbau
in Ravenna gegeben.
Traditionell ist für Ravenna eine stattliche Anzahl an angeblich
frühchristlichen Kirchenbauten überliefert. Ravenna steht damit Rom kaum nach.
Sehen wir uns die angeblichen frühchristlichen Bauten Ravennas an:
San Giovanni Evangelista: Sie soll die älteste Basilika in Ravenna sein und von Galla Placidia gegründet worden sein. Leider sind kaum frühchristliche Bauteile erhalten. Die Kämpfer über den Säulenkapitellen des Mittelschiffs sollen die ältesten (!) Ravennas sein. Die Kirche zeigt heute den Zustand der Restaurierung von 1921. Im 2. Weltkrieg wurde sie sehr stark zerstört und danach wieder aufgebaut. Die Untergeschosse des über dem westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs errichteten Campanile werden dem 10. Jh. zugerechnet. Das Triforium soll der Zeit um 1000 angehören. Der nicht erhaltene Mosaikschmuck soll die Gründungslegende der Galla Placidia erzählt haben. Es gab angeblich unterhalb des heutigen Fußbodens zwei tiefer liegende Fußbodenebenen, eine vom angeblichen Gründungsbau und eine frühmittelalterliche (ca. 1,75 m tief, 10./11. Jh.). Von beiden Fußböden sind nur spärliche Fragmente erhalten (nicht in situ). Mit dem Anheben des Fußbodenniveaus sollen auch die Mittelschiffssäulen erhöht worden sein. Insgesamt ist aufgrund der dürftigen Reste keine sichere Beurteilung möglich. Auffällig ist der fast identische Grundriss mit Sant'Apollinare in Classe und Sant'Apollinare Nuovo, die ich in das 10./11. Jh. datiere (siehe unten). Meiner Meinung nach ist die Gründung im 10./11. Jh. erfolgt, womit der Campanile und das Triforium zum Gründungsbau gehörten. Die frühchristliche Gründung ist legendär.
Auch denke ich, dass der Fußboden nur einmal erhöht worden ist - wie bei verschiedenen anderen ravennatischen Bauten. Der mittelalterliche Fußbodenschmuck dürfte zum Gründungsbau gehören. Das tiefere Fußbodenniveau könnte von der vorherigen Bebauung stammen. Schließlich ist die Kirche innerhalb des Stadtgebiets errichtet worden, was eine ursprüngliche Bebauung sehr wahrscheinlich macht. Die Erhöhung des Fußbodens wird wie bei anderen ravennatischen Kirchen im 16. Jh. erfolgt sein. Außer der Gründungslegende gibt es nichts Frühchristliches. Die Säulen und Kapitelle könnten wiederverwendete Bauteile aus antiken Bauwerken sein. Sie weisen nicht zwingend auf einen frühchristlichen Kirchenbau hin.
Baptisterium des Neon oder Baptisterium der Orthodoxen: Angeblich von Bischof Ursus Anfang des 5. Jh. als Baptisterium für seinen gleichzeitigen Dom, der nicht erhalten ist, erbaut. Die Mosaikausschmückung soll um 450 erfolgt sein. Die Kuppel soll im Rahmen einer Erweiterung Ende des 5. Jh. errichtet worden sein. Das ursprüngliche Fußbodenniveau lag 3 m tiefer. Die Wandmosaiken zeigen die zwölf Apostel.
Auffällig ist die Außenfassade im oberen Bereich. Sie zeigt eine Fassadengestaltung, die in frühromanischer Zeit besonders in den Gebieten südlich der Pyrenäen und der Alpen (Mittel- u. Oberitalien) verbreitet ist (von J. PUIG I CADAFALCH 1935 als Premier Art Roman bezeichnet). Ich denke, dass wir hier kein frühchristliches Bauwerk vor uns haben, sondern ein Werk des 11. oder sogar 12. Jh.
Das Kuppelmosaik wirkt sowohl von der Komposition als auch von der Darstellung der Figuren ungelenk. Vom Motiv her ist das Kuppelmosaik im Wesentlichen eine Nachahmung des Kuppelmotivs im Baptisterium der Arianer.
Die Stuckdekoration in der Zone unterhalb der Kuppel könnte man auch der Renaissance zuordnen. Auch hier sind gestalterische Mängel offensichtlich, so dass mit Sicherheit nicht die besten Künstler am Werk waren. Für ein provinzielles Werk des 11./12. Jh. sicher nicht außergewöhnlich.
Mausoleum der Galla Placidia; Ein kleiner kreuzförmiger Bau, der als späterer (im 2.Viertel des 5. Jh.) südlicher Anbau an den Narthex der früheren, nicht mehr bestehenden Kirche S. Croce errichtet worden sein soll. Das Kuppelmosaik mit lateinischen Kreuz und den Evangelistensymbolen, die Mosaiken des Kuppeltambour mit acht Aposteln. Die Lünettenmosaiken: In der südlichen Lünette der hl. Laurentius mit dem Feuerrost als Hinweis auf sein Martyrium, in der nördlichen Lünette über dem Eingang der jugendliche Christus als guter Hirte mit dem Kreuzzepter inmitten einer Schafherde. Die Mosaiken in den Lünetten, insbesondere das der nördlichen Lünette mit Christus als guten Hirten, scheinen ikonographisch älter.
Die Kirche S. Croce soll einen kreuzförmigen Grundriss [BUSTACCHINI, 69] besessen haben und als Hofkapelle durch Galla Placidia errichtet worden sein. Der kleine Anbau sollte ihr angeblich als Mausoleum dienen, wobei sicher ist, dass sie nie in diesem Bau bestattet wurde. Auch halte ich eine Funktion als Mausoleum für unglaubwürdig. Dazu ist der kleine Bau für eine Halbschwester Kaiser Honorius und Regentin des noch unmündigen Kaisers Valentinian III., auch im Vergleich mit den wesentlich stattlicheren Bauten früherer Herrscher, viel zu bescheiden. „Galla Placidia starb 450 in Rom, wo sie fast mit Gewissheit im Mausoleum der theodosianischen Familie in S. Peter im Vatikan bestattet ist.“ [SALERA-Führer,86] Ich denke eher an eine kleine Kapelle zur Verehrung des Märtyrers Laurentius.
Die Kirche S. Croce ist nicht mehr erhalten, so dass eine Beurteilung ihrer Bauzeit schwer fällt. Der kleine kreuzförmige Anbau des „Mausoleums der Galla Placidia“ gleicht auffällig ähnlichen Anbauten an das Lateransbaptisterium S. Giovanni in Fonte in Rom. Dort sind an den Bau des Baptisteriums im Nordosten und Südwesten kleine kreuzförmige Kapellen angebaut, die einmal S. Giovanni Evangelista und zum anderen S. Giovanni Battista gewidmet sind. Eine auffällige Übereinstimmung: Der nordwestlich an das Lateranbaptisterium angebaute Saal besitzt einen größeren kreuzförmigen Kapellenanbau S. Croce. Da ich das Lateranbaptisterium als auch die Laterankirche als Bauten des 10./11. Jh. sehe, möchte ich auch für das so genannte Mausoleum der Galla Placidia und die nicht mehr bestehende Kirche S. Croce das 10./11. Jh. als Bauzeit vorschlagen.

Rom, Lateranbaptisterium S. Giovanni in Fonte [BRANDENBURG, 264].
Meines Erachtens sprechen auch die ikonographisch älter wirkenden Mosaiken im „Mausoleum der Galla Placidia“ nicht gegen die späte Datierung. Bildliche Darstellungen mit Christus als guten Hirten verweisen nicht zwingend in eine frühere Zeit. Solche ältere Bildthemen sind logischerweise noch längere Zeit parallel zu den neueren Bildthemen zu finden. Durch den Entfall der Phantomzeit schließt sich das 10. Jh. unmittelbar dem 6. Jh. an.
Erzbischöfliche Kapelle: Die Erzbischöfliche Kapelle ist eine kleine kreuzförmige Kapelle mit Apsis nach Norden und Narthex im Süden. Sie ist dem hl. Andreas geweiht. Sie soll die Privatkapelle der Bischöfe gewesen und zur Zeit Theoderichs errichtet worden sein. Die Apsis wurde zu Beginn des 20. Jh. erneuert. Die angebliche Erbauung unter Theoderich ist nicht aufrecht zu erhalten. In welchem baulichen Zusammenhang befand sich die kleine Kapelle? Sie liegt unmittelbar östlich der Südostecke des heutigen Doms, also Anfang des 6. Jh. unmittelbar östlich der angeblichen Basilika Ursiana. Das ursprüngliche Bodenniveau des Vorgängerbaus des Doms (um 1000) lag mehr als 2 m tiefer. Die Basilika Ursiana müsste also mindestens ebenso tief gelegen haben. Für die erzbischöfliche Kapelle ist von einer Anhebung des Fußbodens nirgendwo Rede. Sie befindet sich etwa auf dem Niveau des heutigen Domes. Lag sie ursprünglich ca. 3 m oberhalb des Fußbodenniveaus der Basilika Ursiana und des Neubaus um 1000? Dann müssten unter ihr entsprechende Substruktionen sein. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zur Kirche ist eine Gründung ohne solche nicht möglich. Oder ist die Kapelle erst im oder nach dem 16. Jh. errichtet worden? Die Bemerkung von BENDAZZI/RICCI [181], dass das Mosaik in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand sei und das ganze Werk zweifellos von einem hervorragenden Künstler stammt, stützt vielleicht meine letzte Vermutung.
Sant'Apollinare Nuovo: Sant'Apollinare Nuovo soll nach der Überlieferung eine Stiftung Theoderichs sein und 561 katholisiert worden sein. Eine Inschrift innen an der Westwand, die ursprünglich in der Apsis des 6. Jh. angebracht gewesen sein soll, benennt Theoderich als Erbauer. Das Patrozinium des hl. Apollinaris trägt die Kirche angeblich erst seit der Reliquienüberführung in der 2. H. des 9. Jh. Der Gründungsbau soll Christus, dem Erlöser, und nach der Rückeroberung durch Justinian dem hl. Martin geweiht gewesen sein. Der Zusatz "Nuovo" im Namen soll sich nicht auf Sant'Apollinare in Classe beziehen, sondern auf eine kleine alte Kirche Sant'Apollinare in Veclo.
Der Campanile soll dem beginnenden 11. Jh. angehören. Im 1. Weltkrieg wurde der Portikus durch eine Bombe zerstört. 1955 wurden nach dem Einsturz des Mittelschiffs beträchtliche Konsolidierungsarbeiten durchgeführt [BUSTACCHINI, 105].

Ravenna, Sant’Apollinare Nuovo, Grundriss aus [BENDAZZI/RICCI, 122]

Ravenna, Sant’Apollinare in Classe, Grundriss aus [BENDAZZI/RICCI, 209]

Ravenna, San Giovanni Evangelista, Grundriss [BENDAZZI/RICCI, 120]
Auch hier wurde der Fußboden im 16. Jh. (1514 bis 1520) höher gelegt, und zwar um 1,20 m. Dabei sollen aus der über den Arkaden befindlichen Mauerzone neue Arkaden herausgearbeitet worden sein. Dies ging zu Lasten der direkt unter dem Mosaikfries befindlichen Mauerzone, die angeblich ebenfalls mit vergoldetem Schmuck oder auch Mosaiken geschmückt war [BENDAZZI/RICCI, 135]. Eine solche Verfahrensweise wird auch für San Michele in Affricisco beschrieben [EFFENBERGER, 25]. Diese Arbeiten sollen zu dem späteren Einsturz des Mittelschiffs beigetragen haben [BUSTACCHINI, 105].
Für mich scheint die überlieferte Geschichte der Kirche konstruiert. Die o. a. Inschrift ist sicher kein ausreichender Beleg für die Gründung zur Zeit Theoderichs. Wie oben bereits ausgeführt, waren weder die Goten noch Theoderich Christen und haben schon aus diesem Grund keine Kirchen gegründet. Warum erfolgte die Katholisierung erst 561? Ravenna wurde um 540 von Ostrom eingenommen. Die Katholisierung hätte unverzüglich erfolgen müssen. Ein jahrzehntelanges Nebeneinander "arianischer" und katholischer Kultstätten ist unverständlich. Ich denke, dass wir es hier mit einer konstruierten Vorgeschichte zu tun haben.
Die vehemente Behauptung, dass sich "Nuovo" nicht auf Sant'Apollinare in Classe bezieht, verweist m. E. besonders darauf. Sant'Apollinare in Classe lag außerhalb der Stadtmauern Ravennas. Im 10. Jh., in das ich den Bau von S. Apollinare verorte, hatte sicher der Hafen von Classe seine Bedeutung verloren. Ostrom war von der Apeninnenhalbinsel weitestgehend verdrängt. Diese Entfernung zur Stadt Ravenna brachte sicher infrastrukturelle Probleme mit sich. Die Pilgerscharen brauchten Unterkunft, Verpflegung etc., was außerhalb der Stadt schwierig zu bewerkstelligen war. Auch sollten die Einnahmen aus dem Zustrom der Pilger ausschließlich der Stadt zugute kommen. Möglicherweise war dieser abseitige Standort auch Piratenangriffen besonders ausgesetzt. Man verbrachte die Reliquien des hl. Apollinaris hinter die Stadtmauern von Ravenna und erbaute eine neue Kirche zur Aufbewahrung und Präsentation der Reliquien. Die neue Kirche hatte dieselbe Grundrisslösung, 3 Schiffe, 12 Säulenpaare im Mittelschiff, polygonale Apsis und Ringkrypta ähnlich Sant'Apollinare in Classe. Zur Krypta schreiben BENDAZZI/RICCI: "Sie hat die Form eines halben Ringes und ähnelt folglich der von Sant'Apollinare in Classe, ist aber wohl etwas jünger als diese, hat ein Tonnengewölbe und besaß einen Mittelgang, der vielleicht nicht in die Kirche führte, sondern von ihr getrennt war durch ein Fenster." [136] Die Verlegung der Reliquien in die Stadt und damit der Kirchenbau kann nicht allzu lange Zeit nach der Innutzungnahme von Sant'Apollinare in Classe erfolgt sein. Die Wahl derselben Grundrisslösung und die Ringkrypta sind Beleg dafür. Ich denke, dass die Verlegung um 1000 erfolgt sein muss. Die Errichtung des Campanile Anfang des 11. Jh. erfolgte sicher zuletzt. Ein Indiz für die Gründung im 10. Jh. könnte das Patrozinium des hl. Martin sein. Der hl. Martin als Hauptheiliger des Frankenreiches ist für den oströmischen Bereich und auch für Italien äußerst ungewöhnlich. Vor dem Hintergrund jedoch, dass im 10. Jh. die Ottonen als Herrscher des ostfränkischen Reichs in Ravenna die Herrschaft übernehmen, würde das Patrozinium eines fränkischen Heiligen nicht mehr verwundern.
BENDAZZI/RICCI datieren die Mosaiken mit dem Zug der 22 Jungfrauen und den hl. Drei Königen und diejenigen der 26 Märtyrer in justinianische Zeit. Sie hielten folgende Erklärung für erforderlich: "...während sich die Mosaikkünstler der Zeit Justinians nach den Gesetzen einer neuen Kunstvorstellung ausdrückten, die wir byzantinisch nennen, die die Tendenz hat, die menschliche Figur zu stilisieren, sie zu entmaterialisieren und also gleichsam zu vergeistigen, indem die Künstler sie in eine unwirkliche goldene Atmosphäre tauchen, wodurch sich diese Kunst der musikalischen Abstraktion nähert, nämlich durch ihren ständig wiederholten Rhythmus und durch regelmäßige Intervalle." [BENDAZZI/RICCI, 130] Die Beschreibung ist vom Grundsatz her zutreffend, jedoch noch nicht für die Zeit Justinians, sondern um einiges später. Für die Jahrtausendwende kann dem voll zugestimmt werden. Die byzantinische Darstellung der thronenden Maria mit dem frontal auf ihren Knien sitzenden Kind gehört für mich der frühen Romanik an. Die Mosaiken am westlichen Ende des Jungfrauenzuges als auch des Märtyrerzuges sind für mich ikonographisch unverständlich. Wieso kommt der Jungfrauenzug aus Classe, wieso der Märtyrerzug aus dem Palast des Theoderich, wie BENDAZZI/RICCI die Stadtdarstellungen interpretieren [131f]? Sind diese Mosaiken vielleicht spätere Zutaten? An den Stadtdarstellungen scheinen auch die größten nachträglichen Änderungen vorgenommen worden sein. Nach traditioneller Erklärung wurden hier "arianische" Darstellungen bzw. Personen, die für den "Arianismus" stehen in justinianischer Zeit entfernt. Es könnten aber auch während einer späteren Restaurierung, z. B. im 19. Jh. Personen entfernt worden sein, die der Bauzeit um 1000 entstammten und der Legende der Gründung durch Theoderich entgegenstanden. Beispiele solcher "Korrekturen" sind nicht so selten. Merkwürdig ist, dass die "Korrekturen" in der Stadtmauer von Classe nicht mit Mosiksteinen aus Glas, sondern mit Marmor erfolgt sind [BUSTACCHINI, 118]. Zu justinianischer Zeit dürfte eine solche Verfahrensweise undenkbar sein. Die vielleicht noch spätantik wirkenden Mosaiken mit der Lebensgeschichte Jesu sind für mich auch noch um 1000 vorstellbar. Wir müssen bedenken, dass die Mosaikkunst in Ravenna auf eine lange Tradition zurückblickt und sogar noch 1916 hervorragende Mosaizisten aus Ravenna bei der notwendig gewordenen Ergänzung der 1916 zerstörten Mosaiken tätig waren. Es gab mit Sicherheit um 1000 verschiedene Werkstätten, die sich in ihrem Stil unterschieden, die einen moderner, die anderen traditioneller. Vielleicht wurde auch bewusst ein älterer Stil für die Mosaiken der Lebensgeschichte Jesu gewählt. Der noch um 1000 und im 11./12. Jh. hohe Stand der Mosaikkunst ist an den etwa zeitgleichen Bauten in der Nähe Ravennas, wie San Marco in Venedig und Torcello bei Venedig zu sehen, wobei z. B. in San Marco die höhere künstlerische Qualität und der stärkere byzantinische Einfluss deutlich hervortreten.
Ich denke, dass die Kunstgeschichte ein generelles Problem mit der zeitlichen Einordnung der Mosaikkunst in Italien hat. Im 10. und 11. Jh. ist für sie die ehemals hohe antike Kunstfertigkeit nicht mehr vorhanden. Sie ist in den „dunklen Jahrhunderten“ verloren gegangen. Dadurch werden von ihr qualitativ hochwertige Mosaiken i. d. R. in antike Zeit datiert, da dem 10./11. Jh. eine solche Qualität nicht zugetraut wird. Beim Streichen der „dunklen Jahrhunderte“ (= Phantomzeit) ist der unmittelbare Anschluss an die Spätantike wieder gegeben. Von der Kunstgeschichte ist die Einschätzung des 10./11. Jh. diesbezüglich sicher neu zu überdenken.
Baptisterium der Arianer: Angeblich auch eine Gründung Theoderichs von Ende 5.Jh./Anfang 6. Jh. Die Katholisierung soll 556 durch kaiserliches Edikt erfolgt sein. Ursprünglich war das Bauwerk von einem gewölbten Wandelgang umgeben, der in Resten noch erkennbar ist. Das Kuppelmosaik zeigt im Zentrum die Taufe Christi und darunter eine Apostelprozession. Der ursprüngliche Fußboden lag 2,3 m unter Straßenniveau. Abgesehen davon, dass unter Theoderich nach meiner Meinung kein Kirchenbau und auch kein Baptisterium errichtet wurden, stellt sich für mich auch hier die Frage, wieso die Katholisierung erst 16 Jahre nach der Wiedereinnahme durch Ostrom erfolgt sein soll. Bei dem Mosaik sind zwei verschiedene Künstler (zeitgleich?) am Werk gewesen. Die Apostel tragen hier zum allerersten Mal in der Kunstgeschichte einen Heiligenschein. Ein Indiz für die zu frühe Einordnung? Im Übrigen erinnert der Grundriss an San Vitale in Kleinformat. Der erhaltene Kernbau ist auch ein Oktogon, aus dem die Apsiden oder Nischen herausragen. Vielleicht waren die Wände zum umgebenden achteckigem Umgang früher geöffnet? Ist dieser Bau eventuell von San Vitale inspiriert und damit zeitlich nach San Vitale einzuordnen?
Spirito Santo: Sie soll die "alte Kathedrale des arianischen Kultus" gewesen sein und von Theoderich Anfang des 6. Jh. gegründet worden sein [BUSTACCHINI, 105]. Dreischiffige Säulenbasilika mit 14 Säulenpaaren. Vom Ursprungsbau sei wenig erhalten. Die Kapitelle und Kämpfer sollen noch aus der Zeit Theoderichs sein. Mit diesen wenigen Angaben ist eine zeitliche Einordnung kaum möglich. Ich sehe auch keinen Ansatz für eine Datierung in vorjustinianische Zeit. Das derzeitige Erscheinungsbild lässt an eine Datierung in das 10./11. Jh. denken.
San Vitale:
Der Baubeginn von San Vitale soll 526/527 unter
Bischof Ecclesius erfolgt sein, der die Idee des Zentralbaus von seinem
Aufenthalt in Konstantinopel mitgebracht haben soll. Es ist soweit zutreffend,
dass die Bauform offensichtlich aus Konstantinopel importiert wurde. Die Kirche
Sergios und Bakchos zeigt eine gleiche Grundrissgestaltung. Diese soll
unmittelbar nach der Thronbesteigung Justinians im Jahr 527 begonnen worden
sein, wobei ich von einer späteren Datierung ausgehe. Damit erscheint ein
Baubeginn von San Vitale im selben Jahr völlig unwahrscheinlich. Die Idee müsste
dann von einer anderen Konstantinopeler Kirche kommen, die unbekannt ist. Zum
anderen ist die Errichtung eines solchen komplizierten Zentralbaus nur aufgrund
einer Idee nicht vorstellbar. Für den Entwurf und die Bauausführung sind
erfahrene Architekten und Bauhandwerker notwendig.
Wo sollen die um 527 in Ravenna her sein? Denkbar wäre der Import solcher
Spezialisten aus Konstantinopel, das aber nicht vor der justinianischen
Rückeroberung. Vermutlich ist San Vitale unmittelbar nach 540 begonnen worden.
Ihr Bau könnte von Justinian angewiesen und befördert worden sein. Die
notwendigen Spezialisten sandte er aus Konstantinopel nach Ravenna. Als Bauherr
ließ er sich und die kaiserliche Familie gebührend in der Kirche verherrlichen.

Ravenna, S. Vitale. Grundriss aus [EFFENBERGER, 245]
Ich gehe davon aus, dass dieser Bau ursprünglich noch nicht das Patrozinium des Hl. Vitalis besaß. Meines Wissens taucht der Hl. Vitalis im Bildschmuck der Kirche nur ein einziges Mal auf; in der Kalotte der Hauptapsis. Auffällig ist, dass das Mosaik der Hauptapsis stilistisch von den anderen Mosaiken des Prebyteriums stark abweicht. Die offizielle Begründung hierfür ist, dass ein Künstler mit byzantinischem Einfluss zu Werke war, während die Mosaiken des Presbyteriums eindeutig der römisch-hellenistischen Tradition entstammen. Das Apsismosaik wird darüber hinaus bezüglich der "idyllischen Atmosphäre" mit den Mosaiken von Sant'Apollinare in Classe verglichen [BUSTACCHINI, 50]. Meiner Meinung nach ist das Mosaik der Hauptapsis später entstanden, nämlich im 10. Jh. Die Übergabe der Märtyrerkrone durch Christus an den Hl. Vitalis verweist für mich frühestens in das 10. Jh. Mit der Entstehung im 10. Jh. wäre es zeitgleich mit Sant'Apollinare in Classe (siehe unten). Möglicherweise wurde ein ursprüngliches Apsismosaik - welches wir nicht kennen - durch dieses ersetzt. Wahrscheinlich erfolgte die Übertragung des Patroziniums des Hl. Vitalis erst mit der Gründung des Benediktiner-Klosters San Vitale, das erst seit dem 10. Jh. bezeugt ist. Eine Liste der Äbte beginnt ebenfalls erst im 10. Jh. [BENDAZZI/RICCI, 20].
Sant'Apollinare in Classe: Die Weihe soll im Jahr 549 stattgefunden haben. Die Krypta soll aus dem 9. Jh., der Campanile aus dem 10 Jh. stammen. Somit haben wir mit San Apollinare in Classe schon nach der traditionellen Forschung keinen vorjustinianischen Bau vor uns. Trotzdem denke ich, dass man sich diesen Bau etwas genauer ansehen sollte. Was spricht eigentlich außer dem überlieferten Weihedatum für das 6. Jh.? Wir haben eine 3-schiffige Säulenbasilika vor uns, die bis ins 12. Jh. vorkommt. Die Kirche ist als Memorialbasilika "neben einem christlichen Friedhof" [BUSTACCHINI, 139] errichtet worden. Die halbringförmige Krypta mit einem mittigen, längs verlaufenden Gang, der ursprünglich angeblich in das Mittelschiff führte, soll Mitte des 9. Jh. nachträglich eingefügt worden sein. Sehr wahrscheinlich haben wir hier eine ziemlich reine Ringkrypta mit Grabstollen, Confessio und Fenestella vor uns. M. E. gab es ursprünglich keinen Durchgang zum Mittelschiff. Möglicherweise befand sich in der Wand zwischen Gang und Mittelschiff die Fenestella, durch die die Gläubigen vom Mittelschiff aus das Heiligengrab einsehen und ihre Devotionalien in die Confessio reichen konnten. Die früheste dieser Anlagen kennen wir aus Alt-St. Peter in Rom, welche im 7. Jh.(= 10. Jh.) errichtet wurde. Damit rückt für mich die Errichtung der Ringkrypta in Sant'Apollinare in Classe ebenfalls in das 7./10. Jh. An einen Vorläufer vor Alt-St. Peter kann ich nicht glauben. Nach meiner Auffassung sind reine Ringkrypten im 11. Jh. nicht mehr zu finden, so dass die Bauzeit der Krypta auf das 10. Jh. eingegrenzt werden kann. Da eine Memorialbasilika ohne Heiligengrab eigentlich keinen Sinn macht, dürfte die Kryptenanlage zum Ursprungsbau gehören und ist nicht nachträglich eingefügt worden. Damit rückt für mich die Gründung von Sant'Apollinare in Classe in das 10. Jh.
Wenn man sich den Mosaikschmuck betrachtet, so spricht gegen eine Datierung in das 7./10. Jh. relativ wenig. Außer den Mosaiken in der Apsiskalotte mit der Verklärung Christi am Berg Tabor, den vier Bischofsfiguren zwischen den Fenstern und den Bildnissen der Erzengel Gabriel und Michael sind sämtliche anderen Mosaiken bereits in der traditionellen Datierung Werke des 7., 9., 11. oder sogar 12. Jh. [BENDAZZI/RICCI, 209ff] Zum Mosaik der Apsiskalotte bemerkt BUSTACCHINI "Blumen so groß wie Bäume und riesige Schafe; Abstraktionen, die dem mittelalterlichen Kunstverständnis vorgreifen." [141] Ich meine, dass wir hier keinen Vorgriff auf das mittelalterliche Kunstverständnis vorliegen haben, sondern einfach ein frühmittelalterliches Kunstwerk betrachten. Im Übrigen sieht BUSTACCHINI nur in den Mosaiken zwischen den Fenstern eine Dekoration aus der Bauzeit Mitte des 6. Jh. [141]. Hier dürfte er irren. Aus der Bauzeit ja, aber aus dem 10. Jh., möglicherweise von einem Künstler, der der traditionellen Darstellungsweise noch verbunden war. Wir reden hier von einem Zeitunterschied von ca. 100 Jahren.
Santa Maria Maggiore: Errichtung angeblich durch Bischof Ecclesius "um die Jahre 525-532“ [BENDAZZI/RICCI, 86]. Der Glockenturm soll dem 9.-10. Jh. angehören. Der Ursprungsbau soll eine dreischiffige Kirche mit Querhaus gewesen sein. In der Apsis befand sich ein Mosaik, das die Mutter Gottes darstellte [ebd. 86]. Die alte Apsis ist noch erhalten, "außerdem noch die zwölf Säulen aus griechischem Marmor und die dazugehörigen byzantinischen Kapitelle aus dem VI. Jhd." [ebd. 86f] in Wiederverwendung. Heutiger Bau von 1671. Eine Datierung des Gründungsbaus aufgrund der wenigen Angaben erscheint schwierig. Ausgesprochen exotisch das angeblich ursprünglich vorhandene Querhaus. Es wäre das einzige Querhaus einer ravennatischen Kirche. Falls diese Angabe zutrifft, wäre m. E. frühestens an eine romanische Entstehung zu denken, was sicher nicht abwegig ist. Da die Glockentürme offensichtlich generell zu früh angesetzt sind, wäre auch an Gleichzeitigkeit von Kirche und Glockenturm zu denken.
San Francesco: Der heutige Bau geht auf einen angeblichen Wiederaufbau um 1000 zurück. Der Grundriss gleicht auffällig den Kirchen San Giovanni Evangelista, Sant'Apollinare in Classe und Sant'Apollinare Nuovo, die ich alle dem 10./11. Jh. zuordne (siehe dort). Der Glockenturm steht wie bei S. Giovanni Evangelista über dem westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs. Seine Errichtung wird in das 9. bis 11. Jh. datiert. "Vom ursprünglichen Bau ist so gut wie nichts erhalten,..." [BENDAZZI/RICCI, 101] Der Fußboden des Ursprungsbaus lag angeblich 3,6 m tiefer. Darüber gibt es einen Fußboden aus dem 11. Jh., der 1,7 m unter dem heutigen Fußboden lag. Das östliche Säulenpaar steht auf diesem Niveau, ebenso der Fußboden der dreischiffigen Hallenkrypta. Die heutige Fußbodenhöhe wurde Anfang des 16. Jh. hergestellt, wie bei den übrigen ravennatischen Kirchen. Wenn das östliche Säulenpaar auf der Ebene des Kryptafußbodens steht, dann war die Krypta im Bau des 11. Jh., sofern sie zum Bau des 11. Jh. gehört, nicht eingetieft, d. h. sie hat in voller Höhe herausgeragt, womit der Chorfußboden sehr erhöht gewesen sein muss. Eine solche Lösung ist für das 11. Jh. ungewöhnlich, möglicherweise aber wegen dem hohen Grundwasserstand gewählt worden. Denkbar ist aber auch, dass der Bau des 11. Jh. gar keine Krypta hatte und diese erst bei Anhebung des Fußbodens im 16. Jh. zur Schaffung eines erhöhten Chores aus Spolien errichtet worden ist, wobei man den damals sicher noch zeitweiligen Grundwasserstand in der Krypta in Kauf genommen hat. Die zusammengestoppelten Stützen der Krypta könnten ein Indiz dafür sein. Vorstellbar ist, dass man im 16. Jh. einen alten Zustand für diesen Ort, an dem angeblich einst das Grabmal des Bischofs Neon stand und an dem im Mosaikfußboden eine diesbezügliche Inschrift sich noch heute befindet [ebd. 103], vortäuschen wollte. Das in 3,6 m Tiefe aufgefundene Fußbodenniveau gehört mit Sicherheit zu einer vorherigen an diesem Ort vorhandenen Bebauung. Ein Beleg, dass das eine Kirche war, existiert m. E. außer in späteren Schriftquellen oder Inschriften nicht. Die angeblich ursprünglich vorhandenen, nicht erhaltenen Mosaiken mit Darstellungen von Petrus und Paulus könnten auf die römischen Märtyrerkirchen des 10./11. Jh. hinweisen.
Sant'Agata: Angeblich gegen Ende des 5. Jh. erbaut. Durch spätere Umbauten stark verändert. Dreischiffige Kirche mit zehn Säulenpaaren. Alle Kapitelle und Kämpfer ganz verschieden, z. B. Kompositkapitell, korinthisches Kapitell mit Akanthusblättern, korinthischen Leierkapitell, Kapitelle aus der Renaissance. Fußbodenerhöhung Ende des 15./Anfang des 16. Jh. [BENDAZZI/RICCI, 107] analog zu anderen ravennatischen Bauten. Erhalten vom Bau des 5. Jh. sollen der untere Teil der Apsis und Mauern des nördlichen Seitenschiffs sein, sowie Mosaikfragmente der Apsis, des Triumphbogens und des Fußbodens. Die Mosaiken sollen den thronenden Christus zwischen zwei Erzengeln dargestellt haben. Die dürftigen Reste erlauben keine zeitliche Einordnung. Für eine Erbauung im 5. Jh. kann ich aber auch keinen Beleg erkennen. Der Grundriss und das Sammelsurium an Kapitellen und Kämpfern sprechen eher gegen eine frühe Entstehung.
Dom: Angeblich die erste große katholische Kirche Ravennas, geweiht zu Beginn des 5. Jh. durch Bischof Ursus, deshalb auch Basilika Ursiana genannt. Sie soll eine fünfschiffige Basilika ohne Querhaus gewesen sein. "Im Laufe der Zeit machte sie so viele Restaurierungen und Veränderungen durch, dass sie ihren ursprünglichen Charakter fast verlor und den einer Basilika des 9.-10. Jhds. annahm." [BENDAZZI/RICCI, 189] 1733/34 wurde sie abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Vom Gründungsbau ist so gut wie nichts erhalten. Um 1000 sollen die Säulen erhöht und vielleicht auch die Außenwände erneuert worden sein [ebd. 189]. Die Krypta soll dem 10. Jh. entstammen; der Glockenturm aus dem 10.-11. Jh. An den Fenstern des Glockenturms ist erkennbar, dass das ursprüngliche Fußbodenniveau tiefer gelegen haben muss. Der ursprüngliche Fußboden lag mehr als zwei Meter unter dem heutigen [ebd. 190]. Von einem ursprünglich "grandiosen" Mosaikschmuck aus dem Jahr 1112 sind Fragmente erhalten. Einen Beleg für die frühe Entstehung kann ich nicht erkennen. Wann ist die Anhebung des Fußbodens erfolgt? Bei den anderen ravennatischen Bauten wurde der Fußboden etwa Anfang des 16. Jh. angehoben. So auch bei dem unmittelbar benachbarten Baptisterium der Orthodoxen. Wieso sollen die Säulen um 1000 erhöht worden sein? Allgemein erfolgte die Erhöhung der Säulenarkaden und damit der Säulen im Zusammenhang mit der Anhebung des Fußbodens.
M. E. sprechen alle Indizien für einen Bau des 11. Jh. Die Fünfschiffigkeit wurde vielleicht von den römischen Kirchen des 10./11. Jh., der Laterankirche, Alt-St. Peter und Sankt Paul vor den Mauern übernommen.
Zusammenfassend ist in Ravenna bis auf das justinianische S. Vitale nichts Frühchristliches zu finden. Jetzt schließt sich auch die Lücke von rund 500 Jahren in der Mosaikkunst zwischen den angeblich frühchristlichen Mosaiken z. B. in Rom, Thessaloniki, Ravenna und der Fortsetzung in Torcello, Venedig, wie sie von ILLIG und NIEMITZ in ihrem Artikel „Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?“ [1991] festgestellt wurde. Der Entfall von 297 Jahre Phantomzeit würde dazu nicht reichen.
Mailand
Neben Ravenna rühmt sich auch Mailand, Frühchristliches in seinen Mauern zu beherbergen. Mailand, in der zweiten Hälfte des 4. Jh. (353-402) zeitweilige kaiserliche Residenz, verweist auf einige angeblich frühchristliche Bauten aus dieser Zeit. Nach [EFFENBERGER, 136] sind das:
Basilika des Simplicianus (San Simpliciano): Angeblich eine Gründung des hl. Ambrosius. Der jetzige Bau ist romanisch. Portal und Glockenturm 12. Jh. Keine Anzeichen von Frühchristlichem.
Kirche der Apostel (San Nazaro): Die kreuzförmige Kirche soll nach einem Brand im Jahr 1075 unter Verwendung der alten Substanz wiederaufgebaut worden sein. 1571 wurde sie verändert, von 1946-1963 restauriert. Auch hier kein Beleg für Frühchristliches.
Bischofskirche der hl. Thekla mit Baptisterium: Fünfschiffige Basilika mit abgetrennten Presbyterium und Baptisterium östlich vor der Kirche an der Stelle des heutigen Doms, angeblich vom hl. Ambrosius erbaut. Das Baptisterium ist ein Oktogon mit acht Nischen, abwechselnd halbrund und rechteckig, so dass sich sowohl für die halbrunden als auch für die rechteckigen ein eingeschriebenes griechisches Kreuz ergibt. Die Orientierung des Baptisteriums stimmte nicht mit der der Kirche überein. Im 14. Jh. wurde die Kirche abgebrochen. Die unter dem heutigen Dom ergrabene fünfschiffige Kirche sehe ich in der Nachfolge der fünfschiffigen Märtyrerkirchen Alt-St. Peter und St. Paul in Rom. Als Bauzeit dürfte das 10./11. Jh. zutreffen.
San Lorenzo Maggiore: Der bedeutendste angeblich frühchristliche Bau Mailands. Zentralbau mit ursprünglich im Westen vorgelagertem Atrium. An den Konchen außen Oktogone angefügt. Der oktogonale Tambour neuzeitlich verändert. Seitlich der flachen Konchen vier Ecktürme. Die Kirche wurde im 11. Jh. wieder aufgebaut und im 16. Jh. stark renoviert; in den 30er Jahren des 20. Jh. restauriert [www.sacred- destinations.com/italy/milan-san-lorenzo-maggiore, 01.03.2009]. Nach Wikipedia [http://en.wikipedia.org/ wiki/Basilica_of_San_Lorenzo_Milan, 01.03.2009] wurde der Dom im Barockstil wiedererrichtet, nachdem das Original eingestürzt war. Eine jüngere Detailuntersuchung der Wände identifizierte fünf Bauphasen, von Theodosius I. bis zur frühen lombardischen Periode [http://en.wikipedia.org/wiki/Basilica_of_San_ Lorenzo_ Milan, 01.03.2009]. Das an der südlichen Konche angebaute Oktogon - ursprünglich angeblich ein Mausoleum - ist erhalten (Kapelle Sant' Aquilino). In dem zugehörigen Narthex und in der Kapelle sind Reste eines Mosaikschmucks und Wandmalereien angeblich aus dem 4. Jh. erhalten. [EFFENBERGER, 136f] Das Mosaik im Narthex zeigt Christus als "Lawgiver" oder möglicherweise als Lehrer [http://en.wikipedia.org/wiki/Basilica_of_San_Lorenzo_Milan, 01.03.2009]. Ihm zur Rechten und Linken je sechs Apostel.

Mailand, S. Lorenzo Maggiore. Grundriss aus [EFFENBERGER, 138]
Der Grundriss
steht in der Architektur des 4. Jh. völlig isoliert. Mir ist kein Bauwerk des 4.
Jh. mit einem solchen statisch komplizierten Grundriss bekannt. Selbst die Hagia
Sophia in Konstantinopel wagt im 6. Jh. noch nicht die Auflösung der die Kuppeln
tragenden Pfeiler wie es San Lorenzo zeigt. Sieht man sich den Grundriss an, so
zeigt er große Ähnlichkeit mit San Vitale in Ravenna, nur dass hier der
Zentralraum auf Kosten des Umgangs vergrößert ist und die Pfeiler noch weiter
aufgelöst sind. Ich bezweifele ernsthaft, dass wir mit San Lorenzo einen Bau des
4. Jh. vor uns haben. Die Detailuntersuchung der Wände, die angeblich fünf
Bauphasen ab Theodosius I. festgestellt hat, wäre m. E. zu hinterfragen.
Um die mögliche Bauzeit für San Lorenzo Maggiore einzugrenzen, sehen wir uns die
Geschichte Mailands an:
293 Kaiser Diokletian erklärt Mailand zur Hauptstadt des Weströmischen Reiches
402 Belagerung der Stadt durch die Westgoten (Kaiserresidenz wird nach Ravenna verlegt)
452 Einnahme Mailands durch die Hunnen
539 Eroberung und Zerstörung Mailands durch die Ostgoten während des sog. Gotenkrieges gegen Kaiser Justinian
569 Eroberung durch die Langobarden
ab 774 Teil des Frankenreiches (entfällt wegen Phantomzeit)
Da das Christentum in Italien erst mit der Rückeroberung durch Justinian Mitte des 6. Jh. zur Reichskirche wird, dürften auch so gewaltige Kirchenbauten wie San Lorenzo Maggiore kaum vorher entstanden sein. Da Mailand aber nur kurzzeitig zu Ostrom gehörte und schon 569 an die Langobarden fiel, dürfte kaum Zeit für einen solchen umfangreichen Kirchenbau gewesen sein. Da ich San Lorenzo Maggiore als Nachfolgebau von San Vitale in Ravenna sehe, ist für mich ein Baubeginn vor 569 ausgeschlossen. Erst ab der Jahrtausendwende nach Rückdrängung der Ottonen und dem Erstarken der oberitalienischen Städte sind m. E. die Bedingungen für eine Bautätigkeit in einem solchen Ausmaß gegeben. Der sogenannte Wiederaufbau im 11. Jh. weist möglicherweise auf die tatsächliche Bauzeit hin. Der erhaltene Bau dürfte dagegen dem Barock angehören. Übrigens wurde im 11. Jh. auch ein anderer Zentralbau nach dem Vorbild von San Vitale errichtet, der auch vordatiert wurde: die Pfalzkapelle von Aachen. Die Kapelle Sant' Aquilino ist sicher zur gleichen Zeit errichtet worden, wobei ich davon ausgehe, dass der Bau kein Mausoleum war. Möglicherweise ein Baptisterium, was aber nicht zwingend ist. Das Mosaik kann ohne Probleme dem 12. Jh. zugeordnet werden. Auch sind kleinere Zentralbauen im 11. Jh. keine Seltenheit.
Sant'Ambrogio: Der Vorgängerbau der heutigen Kirche, ein dreischiffiger Bau, soll im 4. Jh. vom hl. Ambrosius gegründet worden sein. Sie steht über seinem vermeintlichen Grab. Der heutige Bau ist ein einheitlicher Bau des 12./13. Jh. Der Vorgängerbau wurde unter der heutigen Kirche ergraben.
Er ist mit Sicherheit dem 10./11. Jh. zuzuweisen. Ein Hinweis in diese Richtung ist die vom Vorgängerbau erhaltene Krypta, die im späten 10. Jh. im Zuge einer "großen Renovierung der Ostteile der Basilika" errichtet worden sein soll [http://www.sacred-destinations.com/italy/milan-basilica-sant-ambrogio].
Die angeblichen Gründungen des hl. Ambrosius sind meiner Ansicht nach pure Legende.
Damit ist auch in Mailand nicht Frühchristliches zu vermelden.
Cimitile/Nola
Die Universität Münster untersucht als Forschungsschwerpunkt in Verbindung mit der Soprintendenza Archeologica und der Soprintendenza ai Monumenti (Neapel) sowie mit Unterstützung des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom das frühchristliche Pilgerheiligtum in Cimitile/Nola, „das neben den Apostelheiligtümern in Rom das bedeutendste Pilgerzentrum der italischen Halbinsel in der Spätantike war.“ [www.uni-muenster.de/Archaeologie/forschung/cimitile.html, 15.01.2009]

Grundriss aus [LEHMANN, Falttafel 2]
Nola - heute der Ort Cimitile - liegt nordöstlich von Neapel unweit des Vesuv. Der heutige Gebäudekomplex umfasst verschiedene Sakralbauten, die nach der traditionellen Forschung der Zeit vom 3. bis 14. Jh. zugeordnet werden. Das sind nach [http://digilander.libero.it/centrostudicimitile/sezioni/basiliche.htm_15.01.2009]:
1. Basilica di S. Tommaso (6./7. Jh.)
2. Cappella dei Ss. Martiri (3. Jh./E.9./A.10.Jh)
3. Basilica di S. Felice (4. Jh.)
4. Cappella di S. Calionio (5.Jh.)
5. Capella di S. Maria degli Angeli (14.Jh.)
6. Basilica nova, poi S. Giovanni (401-403)
7. Basilica di S. Stefano (6. Jh.)
Nach der Literatur haben wir in Nola ein frühchristliches Pilgerheiligtum - z. T. nur als Ruine erhalten - vor uns. Der Aktivität der Uni Münster verdanken wir eine umfängliche Veröffentlichung von LEHMANN, die aus meiner Sicht insbesondere wegen der ausführlichen Beschreibung der doch recht unübersichtlichen überlieferten Bausubstanz zu schätzen ist.
Neben der Beschreibung der Bauten bzw.
Baureste versucht LEHMANN die verschiedenen Bauten zeitlich einzuordnen und
versucht sich an einer Rekonstruktion der Basilica Nova unter Zuhilfenahme der
überlieferten "umfangreiche(n) Beschreibungen des römischen Exkonsuls und
Bischofs von Nola Paulinus" [www.uni-münster.de/Archaeologie/forschung/cimitile.html_15.01.2009].
Die Entwicklung des Komplexes sieht LEHMANN wie folgt:
Über dem Grab des Hl. Felix (Nekropole aus dem Anfang 4. Jh.) wird zwischen 335 und 340 eine einschiffige Halle mit Apsis im Norden (sog. Aula) errichtet.
Östlich der Aula wird nach 335/340 die Basilica Vetus errichtet, die von Paulinus Nolanus angeblich um 400 renoviert wurde (Diese Ende 18. Jh. überbaut.).
Nördlich der Aula wird die Basilica Nova errichtet (Anfang 5. Jh.).
Bau der Kirche S. Tommaso. Ende 6./Anfang 7. Jh.
Bau von S. Stefano zeitlich nach Basilica Nova
Die Zerstörung der Basilica Nova bringt LEHMANN mit einem Brand und Einsturz im 10. Jh. in Zusammenhang.
Der von LEHMANN vorgetragenen Entwicklung des Komplexes einschließlich der Datierung der Bauten kann ich nicht folgen. Offensichtlich stand für LEHMANN das Ergebnis im Voraus fest. Dieses Pilgerzentrum musste eine spätantike Anlage sein. Die Datierung der Bauten gewinnt LEHMANN auf folgende Art: Bei den Ausgrabungen wurde eine Asche- und Schwemmlandschicht gefunden, die möglicherweise von einem Vulkanausbruch des Vesuv herrührt und die die Zerstörung des Komplexes hervorgerufen hat. (Soweit kann ich dem noch folgen.) Die Ausgrabungen haben ergeben, dass die Basilica Nova als auch S. Stefano vor der Katastrophe errichtet wurden, während z. B. S. Tommaso in die Schwemmlandschicht hineingebaut wurde. Auch die Westapsis der Basilica Vetus wurde nach der Katastrophe errichtet. Die Schwemmlandschicht wurde jedoch nicht überall angetroffen, was aber auch auf frühere wenig fachgerechte Ausgrabungen zurückgeführt werden könnte, wo diese nicht dokumentiert wurden. Nun musste LEHMANN nur noch das Datum der Katastrophe finden. Das fand er natürlich. In der Schwemmlandschicht wurde ein Teller gefunden, der "drei Tauben angeordnet um ein lateinisches Kreuz" zeigt [LEHMANN, 55]. Damit ordnet er die Schwemmlandschicht der Zeit um 500 zu und verbindet die Katastrophe mit zwei Schriftquellen: "Zum einen mit einem Eintrag in der Chronik 'Paschale Campanum' unter dem 9. November 505 (Mons Besubius eructavit) und zum anderen mit einem Brief des Theoderich aus den Jahren 507-512, worin es um Steuererleichterungen für das Nolanum territorium geht, da dieses vor kurzem von einem gewaltigen Vesuvausbruch und dadurch ausgelösten massiven Überschwemmungen schwer getroffen wurde." [LEHMANN, 55f]
Ich denke, hier irrt LEHMANN. Aufgrund des in der Schwemmlandschicht aufgefundenen Tellers mit einem lateinischen Kreuz und drei Tauben die Katastrophe auf eine Zeit um 500 zu datieren halte ich für fraglich. Für mich ist das Motiv des lateinischen Kreuzes nachjustinianisch. Auch könnte der Teller durchaus älter gewesen sein, als die Katastrophe einbrach. Zum anderen fand offensichtlich um 505 kein größerer Vesuvausbruch statt. Auf der Internetseite www.swisseduc.ch/stromboli/perm/vesuv/history-de.html (28.03.2009) ist zu lesen: "Nach 79 bis etwa 1500 befand sich der Vesuv in einer Periode der Dauertätigkeit. Es wurden auch 11 grössere Ausbrüche verzeichnet: 203, 472, 512, 685, 787, 968, 991, 999, 1007, 1037, 1139....Gegen Ende des 13. Jahrhunderts folgte dann eine Ruheperiode bis zum Ausbruch von 1631." Für das Jahr 505 ist zumindest kein größerer Ausbruch verzeichnet. Bis auf die Daten 685 und 787, die in die Phantomzeit fallen, ständen also auch andere Daten für eine solche Katastrophe zur Verfügung. Wenn wir das Jahr 512 beiseite lassen, wären wir schon im 10. Jh.
LEHMANN erwähnt jedoch mehrere Merkwürdigkeiten (Widersprüche), die für mich der Beleg dafür sind, dass seine Rekonstruktion nicht zutreffen kann.
Die Basilica Nova ist im 6. Jh. noch in Benutzung, was durch die Anlage von Gräbern im späteren 6. Jh. belegt ist [LEHMANN, 71]. Der westliche Apsisnebenraum befand sich zu dieser Zeit angeblich nicht mehr in Nutzung. Die Schwemmlandschicht in diesem Raum wurde erst bei den Grabungen 1995-1999 beseitigt [ebd. 113]. Auch aus dem östlichen Seitenschiff (im Süden) wurden die Eruptions- und Schwemmlandschichten nicht mehr entfernt [ebd. 78]. Obwohl die Basilica Nova weiter genutzt wurde, hat keiner die Schwemmlandschicht von 505 aus diesem Raum bzw. dem Seitenschiff entfernt?
"Das im Norden aus dem Langhaus hervorspringende Sanktuarium ist der am besten erhaltene Baukörper der Basilica Nova." [ebd. 90]. "In der Architektur der Antike ist mir eine parallele Konstruktion nicht bekannt." [ebd. 94] Im Übrigen ist die Apsis vom Langhaus als auch von den Apsisnebenräumen durch eine Baunaht getrennt. [ebd. 94, 112]
"Die Geschichte der christlichen Gemeinde Nolas in Spätantike und Frühmittelalter wird in der Forschung fast ausnahmslos durch das Sanktuarium in Cimitile bestimmt, da von Cimitile unabhängige Quellen nicht vorliegen. In der Stadt Nola konnte z. B. bisher kein frühchristlicher Kirchenbau literarisch oder archäologisch nachgewiesen werden." [ebd. 46]
Welch Glücksumstand, dass der berühmte Schriftsteller, römische Exkonsul und Bischof von Nola Paulinus uns mehr als 30 Briefe überliefert, aus denen wir heute die Umbauten der Basilica Vetus und die Basilica Nova rekonstruieren können. Paulinus wurde in Bordeaux geboren und ist erst spät zum Christentum konvertiert. In Gallien sei er sogar dem Hl. Martin begegnet. Eine schöne Legende.
Ich möchte ein anderes Szenario der Entwicklung von Cimitile entwerfen, das ich für glaubwürdiger halte, das jedoch zugegebenerweise nicht so schillernd ist.
Die im 10 Jh. in Rom errichteten Märtyrergedenkstätten für St. Peter und St. Paul und der daran geknüpfte Erfolg der Präsentation haben auch andernorts ähnliche Ideen aufkeimen lassen. Man hatte in Cimitile zwar keinen Märtyrer aber angeblich einen bekennenden Christen Felix zu bieten und eine spätantike Nekropole. Diese erstreckte sich über ein größeres Areal und bestand in dem uns interessierenden Bereich aus z. T. zweistöckigen Grabbauten und Mausoleen, angeordnet um einen kleinen Platz. An der Nordseite dieses kleinen Platzes stand - mit der Fassade zu diesem Platz ausgerichtet - ein relativ großer dreischiffiger Bau, angefüllt mit Gräbern des 6. und 7. Jh. in zwei Schichten übereinander [LEHMANN, 69f]. LEHMANN sieht in diesem Bau die von Paulinus im Zusammenhang mit der Verehrung des Felixgrabes Anfang des 5. Jh. errichtete Basilica Nova. Ich halte diesen Bau für eine spätantike Zömeterialbasilika, die vor Beginn der Aktivitäten um das Felixgrab bestand. Wie im 1. Teil zu Rom bereits ausgeführt, sehe ich in den Zömeterialbasiliken generell keine ursprünglich christlichen Bauten, sondern reine Zweckbauten für die Anlage von Grabstellen. Das heißt natürlich nicht, dass solche Bauten vielleicht später nicht christlich genutzt wurden.
Man brach einige störende kleinere Grabbauten ab und baute über dem angeblichen oder vielleicht sogar realen Felixgrab einen kleinen einschiffigen Bau mit einer weiten Apsis im Norden, die von LEHMANN bekannte Aula über dem Felixgrab. Die Nord-Süd-Ausrichtung des Baus war durch die vorhandene Bebauung um den kleinen Platz prinzipiell vorgegeben. Dieser kleine Bau wurde südlich in relativ geringen Abstand vor die Fassade der Zömeterialbasilika gesetzt. Im 10. Jh. wurden im Umfeld einige Mausoleen umgebaut, indem Apsiden angefügt und Altäre aufgestellt wurden und teilweise Ausmalungen erfolgten [ebd. 41].
Vielleicht noch im 10. Jh. hatte man das Bedürfnis, die Anlage zu vergrößern. Man legte die Apsis der Aula nieder und stellte eine bauliche Verbindung mit der Zömeterialbasilika her. Dieser wurde im Norden eine Apsis angefügt, später auch noch die Apsisnebenräume. Der Bau wurde damit umfunktioniert zur christlichen Kirche. Vermutlich im 11. Jh. wurde der östliche Apsisnebenraum abgebrochen und ein Oktogon (Baptisterium?) errichtet.
Die von LEHMANN beschriebene Naturkatastrophe geschah wirklich, jedoch nicht 505, sondern irgendwann im 11. Jh. Ob es einer der größeren Ausbrüche, z. B. 1007 oder 1039 war, ist nicht zu sagen und nicht zwingend. Nach dieser Katastrophe wurde der Bau aufgegeben und nicht weiter genutzt. er verfiel in der Folgezeit, bis im 14. Jh. der heutige Kirchenbau S. Giovanni über dem nördlichen Drittel errichtet wurde.
Nach der Katastrophe errichtete man einen Neubau, diesmal wie jetzt im Kirchenbau üblich ost-west-gerichtet, die von LEHMANN beschriebene Basilica Vetus. Von diesem Bau sind nur spärliche Reste übrig. Er wurde im Osten von der Pfarrkirche des 18. Jh. überbaut. Vor der angeblichen Restaurierung des Paulinus hatte die Basilica Vetus keine Säulen, sondern Pilaster (gemeint sind sicher Pfeiler) [LEHMANN, 48]. Ich denke, dass dieser Bau des 11. Jh. zuvor als dreischiffige Pfeilerbasilika erbaut wurde. Bei einem späteren Umbau erhielt sie statt der Pfeiler Säulen. Der Bau hatte eine kleine Apsis im Osten. Das Verhältnis von Mittelschiffsbreite zur Breite der Seitenschiffe beträgt ziemlich exakt 2:1. Das erinnert sehr an das gebundene System der Romanik [ebd. 47]. Die Malereien an der Außenseite der Ostapsis, die eine Marmorinkrustation imitieren, sind m. E. romanisch. Im Westen, westlich vor dem so genannten Felixgrab wurde dem Bau eine zweite, wesentlich größere Apsis angefügt (In die Schwemmlandschicht eingebracht). Möglicherweise war ein großer Neubau geplant, der jedoch nie ausgeführt wurde. Mit dem Bau der Westapsis entstand eine doppelchörige Anlage; eine verbreitete Bauform im 11. Jh. Der Westchor könnte der Verehrung des örtlichen Heiligen Felix zugedacht worden sein.
Wie oben erwähnt, wurde der möglicherweise geplante Neubau nicht mehr ausgeführt. Denkbar wäre, dass die Bauarbeiten wegen Geldmangels steckengeblieben sind. Vielleicht war die Anziehungskraft des Felix doch nicht so groß wie behauptet. Anders kann ich mir den langsamen Verfall der Anlage (auch des Areals der Basilica Nova) nicht erklären.
Es gibt noch einen Zömeterialbau in dem betrachteten Gebäudekomplex - die heutige Kirche S. Tommaso. Auch dieser Bau ist mit gleichmäßig angeordneten Gräbern in 2 Schichten übereinander angefüllt. Bau und Gräber entstammen einer einheitlichen Planung [ebd. 124], d. h. der Bau wurde für die Grablegen erbaut. S. Tommaso ist in die Schwemmlandschichten hineingebaut, d. h. offensichtlich - wie LEHMANN bereits feststellte - nach der Katastrophe errichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass während der christlichen Nutzung der alten Zömeterialbasilika regelmäßig Bestattungen im Kirchenschiff selbst vorgenommen worden sind. Vielleicht sind die an der Westseite später angebauten Annexräume (Baunaht zur Seitenschiffwand), die ebenfalls mit Gräbern angefüllt waren, zwischenzeitlich benutzt wurden. Erst mit der Aufgabe des alten Baus nach der Naturkatastrophe bestand der Bedarf nach einem Ersatzbau. Die Bauzeit sehe ich Ende 11. Jh. oder sogar 12. Jh.
Ein zeitlich vor der Naturkatastrophe errichteter Bau ist die heutige Kirche S. Stefano. Im Gegensatz zu S. Tommaso ist sie offensichtlich nicht ausschließlich für die Aufnahme von Bestattungen erbaut worden. Die Langhauswände des gewesteten (Westapsis), einschiffigen Baus sind im Abstand von 5 m von der Apsisstirnwand durch je eine weite Arkadenöffnung durchbrochen, die später vermauert worden ist [ebd. 128]. Ich denke, dass sich an diese Arkadenöffnungen ursprünglich Kreuzarme angeschlossen haben. Ich sehe in S. Stefano einen etwa gleichzeitig mit der Aula über dem Felixgrab errichteten Kirchenbau. Die Westung ist im 10. Jh. noch nicht außergewöhnlich. Vorstellbar für mich ist, dass dieser Bau den täglichen Gottesdiensten diente, während die Aula die Pilgerscharen aufzunehmen hatte. Der Besucherandrang wird sicher keinen ungestörten Gottesdienst erlaubt haben.
Die heutige Capella dei Ss. Martiri ist - wie LEHMANN zutreffend vermerkt - ein im 10. Jh. umgebauter spätantiker Grabbau [ebd. 41].
Der Vollständigkeit halber möchte ich die Kapelle S. Calionio noch erwähnen, ebenso wie Ss. Martiri ein ehemaliger Grabbau, der im 10. Jh. mit drei Blockaltären und Malereien in der Apsis ausgestattet wurde [ebd. 41]. Die Ostapsis ist m. E. ebenfalls erst zu dieser Zeit angefügt worden. Die Baumaßnahmen an Ss. Martiri und S. Calionio sehe ich zeitgleich mit der Errichtung der so genannten Aula.
Die Biographie von Paulinus Nolanus scheint mir konstruiert zu sein. Möglicherweise ist dem berühmten Schriftsteller der Bischof von Nola angehängt worden. Die Briefe mit den "umfangreichen Beschreibungen" zu Cimitile sind für mich eine spätere Hinzufügung - vielleicht kurz nach der Bauzeit entstanden - , vermutlich zu dem Zweck, die Anlage in Cimitile zu veralten und ihr durch die Person des Paulinus einen größeren Glanz zu verleihen. Auch der Hl. Ambrosius von Mailand musste für Nola herhalten, in dem er Paulinus für die Anlage in Cimitile beratend zur Seite stand [EFFENBERGER, 237].
Punktuell sind in Italien weitere angeblich frühchristliche Bauten in der Literatur vermerkt. So z. B. in Neapel und in Perugia.
Neapel
In Neapel ist als frühchristlicher Bau lediglich das Baptisterium mit seinem Mosaikschmuck erhalten. "Das Baptisterium soll durch Bischof Severus um 400 gestiftet worden sein. Aus dieser Zeit stammt jedenfalls das Kuppelmosaik, das somit das älteste erhaltene eines Taufhauses ist." [EFFENBERGER, 237] Das Kuppelmosaik zeigt neben Aposteln die Evangelistensymbole sowie Szenen aus dem Leben Jesu. Außer der Stiftungslegende spricht nichts gegen eine deutlich spätere Entstehung, z. B. spätes 6. Jh. oder 7. Jh (=10. Jh.).
Perugia
Perugia, Zentralbau Sant' Angelo: In Reiseführern allgemein als frühchristlicher Bau bezeichnet und um 500 datiert, ist ähnlich wie S. Stefano in Rom eine Nachbildung der Grabesrotunde in Jerusalem. Wie auch S. Stefano ist der Rundbau mit Umgang durch 4 Kreuzarme durchdrungen, wovon nur noch die rechteckige Apsiskapelle erhalten ist. Als Nachbildung der Grabesrotunde ist eine Entstehung frühestens in der 2. H. des 6. Jh. möglich. Für mich erscheint eine Erbauung unter Verwendung von Spolien im 7./10. oder vielleicht sogar im 11. Jh. oder 12, Jh. mit dem Entstehen zahlreicher Nachbildungen der Grabrotunde, initiiert durch die Kreuzzüge, wahrscheinlicher. Auch dürften um 500 im Umfeld von Perugia unter der Herrschaft der Ostgoten die Bedingungen für die Errichtung eines solchen Baus gar nicht vorgelegen haben. Solche waren frühestens nach der Rückeroberung durch Ostrom um 554 vorhanden, wobei schon 568 die Langobarden in Italien einfielen. Erst ab dem 7. Jh. (=10. Jh.) sind die Bedingungen für einen christlichen Kirchenbau wieder vorhanden.
Thessaloniki
Wie sieht es außerhalb Italiens aus? In Griechenland ist sicher die Demetriusbasilika in Thessaloniki der bekannteste Bau. Der Gründungsbau der Demetriusbasilika soll ein kleines Oratorium gewesen sein, das kurz nach 313 in den Ruinen eines römischen Bades errichtet wurde. Im 5. Jh. wurde angeblich an seiner Stelle eine dreischiffige Basilika errichtet, die 634 Opfer eines Brandes geworden sein soll. Danach soll sie zu einer fünfschiffigen Basilika erweitert und ausgebaut worden sein. 1917 wurde dieser Bau bei einem großen Stadtbrand vernichtet. Der Wiederaufbau dauerte bis 1949. Mit dem Jahr 634 befinden wir uns bereits in der Phantomzeit, d. h. der Ausbau dürfte nach dieser erfolgt sein. Die unter den Ostteilen rekonstruierte Hallenkrypta verweist für den fünfschiffigen Ausbau auf eine Bauzeit nach dem Jahr 1000. Der dreischiffige Vorgängerbau dürfte wenig früher, d. h. Ende des 10. Jh. oder um 1000 entstanden sein. Die frühchristliche Geschichte dieser Kirche erachte ich für Legende.
In Griechenland ist sicher die Demetriusbasilika in Thessaloniki der bekannteste Bau. Der Gründungsbau der Demetriusbasilika soll ein kleines Oratorium gewesen sein, das kurz nach 313 in den Ruinen eines römischen Bades errichtet wurde. Im 5. Jh. wurde angeblich an seiner Stelle eine dreischiffige Basilika errichtet, die 634 Opfer eines Brandes geworden sein soll. Danach soll sie zu einer fünfschiffigen Basilika erweitert und ausgebaut worden sein. 1917 wurde dieser Bau bei einem großen Stadtbrand vernichtet. Der Wiederaufbau dauerte bis 1949. Mit dem Jahr 634 befinden wir uns bereits in der Phantomzeit, d. h. der Ausbau dürfte nach dieser erfolgt sein. Die unter den Ostteilen rekonstruierte Hallenkrypta verweist für den fünfschiffigen Ausbau auf eine Bauzeit nach dem Jahr 1000. Der dreischiffige Vorgängerbau dürfte wenig früher, d. h. Ende des 10. Jh. oder um 1000 entstanden sein. Die frühchristliche Geschichte dieser Kirche erachte ich für Legende.

Thessaloniki, Demetriusbasilika, Grundriss aus [MAJOR, 66]
In Nordafrika sind zahlreiche größere und kleinere vermeintlich frühchristliche Kirchenbauten aus der Literatur bekannt. Datiert werden diese Bauten in der Regel vor der vandalischen Eroberung im Jahr 429. Unterstützt wird diese Datierung durch vermeintlich originale Schriftquellen, die für das 3. bis 5. Jh. von einem regen christlichen Leben und zahlreichen Kirchenbauten berichten.
Ich erachte den Kenntnisstand über diese Bauten jedoch für äußerst problematisch.
Die zugehörigen bauarchäologischen Untersuchungen stammen fast ausschließlich aus dem 19. und der 1. Hälfte des 20. Jahrhundert. Weder die Ausgrabungsmethoden noch deren Dokumentation waren damals auf einem hinreichend befriedigendem Stand. Die Interpretation der Funde erfolgte zwangsläufig vor einem veralteten Geschichtsbild.
Neuere Forschungen sind aufgrund der immer noch schwierigen politischen Verhältnisse in der Region rar. (Ausnahme: Leptis Magna (Libyen), wo von ca. 1920 bis 1969 durch Italien und in jüngerer Zeit durch italienische und deutsche Archäologen mehr oder weniger kontinuierlich gegraben wird).
Entsprechend meiner hier vorgetragenen These kann ein monumentaler Kirchenbau natürlich auch in Nordafrika erst nach der byzantinischen Rückeroberung im 6. Jh. und nach der Begründung der Reichskirche in dem eroberten Gebiet stattfinden.
Unerwartete Unterstützung erhält meine These durch die Archäologie-Doku über Leptis Magna von 2010 (ausgestrahlt von ARTE am 04.09.2010, 20.15 Uhr). Leptis Magna, das Rom Afrikas – eine mit Rom verbündete punische Stadt an der Meeresküste des afrikanischen Tripolis, deren glanzvoller Ausbau unter dem in Leptis Magna geborenen Kaiser Septimius Severus (193-211) erfolgte - wurde 439 von den Vandalen eingenommen und 534 von justinianischen Truppen zurückerobert.
„Karl-Uwe MAHLER, Archäologe, Universität Mainz: <Man kann sagen, dass hier im 6. Jahrhundert ein Bauboom einsetzte, was Kirchen angeht. Es scheint eine ganz gezielte, bewusste Politik des Justinians gewesen zu sein, hier diesen Stadtraum einerseits zu befestigen mit einer massiven Mauer und andererseits dann im Inneren zu strukturieren durch zahlreiche Kirchenbauten.>“ [ARTE, Archäologie-Doku]
„Aus der severischen Basilika wird eine christliche Kirche…“ [ebd, Kommentar], d. h. die Palastbasilika STÜTZERs (siehe Teil 1) wird zu einer christlichen Kirche umgebaut.
Nach MAHLER, der zu einer Arbeitsgruppe aus Mainz gehört, die mit der Ausgrabung der Kirche am alten Forum begonnen hat, wurde ein vorhandenes, älteres, ursprünglich punisches Gebäude im 6. Jahrhundert in eine christliche Kirche umgebaut.
„Man weiß noch nicht sehr viel über die Entwicklung des Christentums vor der byzantinischen Zeit. Nach einigen historischen Quellen gibt es in Leptis ab dem 3. Jahrhundert einen Bischof, doch die Archäologen haben dafür noch keine Beweise.“ [ebd, Kommentar]
In der Regel wurde in der Vergangenheit jeder ergrabene mehrschiffige Grundriss mit einer Apsis (oder auch zwei) als Kirche identifiziert, ohne einen eindeutigen Beleg für die Nutzung als christliche Kirche. Nach meiner Auffassung wurden so auch kaiserliche Palastanlagen, profane Basiliken oder auch ursprünglich nicht christliche Zömeterialbauten als Kirchen bestimmt.
UNTERMANN [21f] beschreibt z. B. die Melleus-Basilika in Haïdra (Westtunesien), die aufgrund von Bischofsgräbern als Bischofskirche identifiziert wird. Für Ihn schwer erklärbar ist die dichte Belegung mit Gräbern, da sich die Kirche nicht in der Nekropole sondern innerhalb der Stadt befindet. Ihren Namen erhielt sie von dem byzantinischen Bischof Melleus. Offensichtlich haben wir es mit einer Zömeterialbasilika zu tun, die nach der byzantinischen Rückeroberung als christliche Kirche genutzt wurde. Die vorjustinianische kirchliche Nutzung durch die vandalische Führungsschicht – wie sie UNTERMANN annimmt - sehe ich nicht.
Zu der Basilika in der nordalgerischen Stadt Ech Cheliff (frz. Orleansville, nach der französischen Kolonialherrschaft in Al Asnam umbenannt, später nochmals umbenannt in Ech Cheliff) sieht sich JACOBSON [191] in dem Abschnitt über doppelchörige Kirchen veranlasst zu bemerken: „Eines der wenigen, wenn auch mit Vorbehalt datierbaren Beispiele war hier die Basilika von Al Asnam, …die gegen 326 errichtet worden war und an die vermutlich um 475 eine halbkreisförmige Westapsis gefügt wurde, als man dort den Bischof Reparatus bestattete.“ Vermutlich auch hier ein bestehender Bau, der später – ich denke nicht im 5. Jh. sondern im 6. Jh. – als Kirche umgenutzt wurde.
Es ist sicher nachvollziehbar, dass nach der Rückeroberung zunächst vorhandene „Versammlungsräume“ als Kirchen umgenutzt wurden. Somit wurden schnell entsprechende Räumlichkeiten für den christlichen Kult bereitgestellt. Neubauten nehmen logischerweise erheblich mehr Zeit in Anspruch und würden damit wesentlich später zur Nutzung bereit sein. (Vielleicht ist die Idee eines basilikalen Kultraumes, der sich im gesamten Gebiet der römischen Kirche ab dem 10. Jh. durchsetzt, in Leptis Magna geboren worden.)
Tebessa
Ein solcher Neubau ist das als frühchristliches Pilgerheiligtum bekannte Tebessa, im äußersten Osten von Algerien gelegen. In Tebessa - außerhalb des antiken Stadtgebietes über einem heidnischen Friedhof - sind uns Reste eines umfangreichen Kirchenkomplexes überliefert, welcher in der einschlägigen Literatur als bedeutendes frühchristliches Pilgerheiligtum geführt wird. Die bisher erfolgten Rekonstruktionen der Kirche liefern eine dreischiffige geostete Emporenbasilika mit an der Südseite angebauten Trikonchos. Die Apsis ist von zwei Nebenräumen flankiert und außen inklusive der Nebenräume rechtwinklig umschlossen. Die Mittelschiffspfeiler hatten zum Mittelschiff ein vorgestelltes mehrgeschossiges Säulensystem. Die gesamte Anlage steht auf einem gemauerten Podium, das im Westen ca. 2,5 m, im Osten durch den Geländeabfall ca. 5 m hoch ist. Im Westen war der Basilika ein Atrium vorgelagert.
Unter dem Trikonchos wurden „einige unzusammenhängende Mauerzüge von kleineren Gebäuden“ [CHRISTERN,107] als Vorgängerbauten ergraben, wahrscheinlich Zömeterialbauten, in denen u. a. mehrere christliche Gräber - durch Mosaikepitaphen mit Christusmonogrammen gekennzeichnet - aufgefunden wurden. Die Mosaikepitaphen wurden später durch einen neuen Mosaikfußboden (Novellusmosaik) überbaut. Auf diesem ist eine Märtyrerinschrift - umgeben von Scheinepitaphen (Epitaphe ohne Grab) - erhalten, die sieben unbekannte Märtyrer nennt. Man vermutet kühn, dass diese die aus Märtyrerakten bekannten Leidensgenossen der in Tebessa hingerichteten Hauptheiligen der Stadt, Crispina, waren. Einmal im Schwung vermutet man weiter, dass das eigentliche Verehrungsobjekt die Reliquien der Crispina gewesen seien müssen und dass diese Kern und Veranlassung für den Bau der Gesamtanlage war. [ebd. 293]
Die Errichtung des Baus auf einer ehemaligen Nekropole würde die Annahme einer Märtyrerkirche stützen. Dagegen spricht das Fehlen eines Grabes sowie jeglicher baulicher Einrichtungen zur Verehrung eines Märtyrergrabes. Ob der Trikonchos diese Funktion erfüllt hat, ist aus meiner Sicht anzuzweifeln.
Nach CHRISTERN ist die Anlage einheitlich um 400 erbaut. Die Datierung basiert maßgeblich auf einem 1870 gefundenem Mosaikepitaph mit der Jahresangabe 508 (heute zerstört), das ein vandalisches Kindergrab markierte, welches „unzweifelhaft“ nachträglich in den Boden der Vierung des Trikonchus eingebracht worden sei, und auf Münzfunden (die jedoch nur aussagen, dass die Fundschicht nicht älter sein kann, sofern die Münzen richtig datiert sind). Weiterhin werden stilistische Vergleiche, insbesondere zur Kapitellplastik herangezogen sowie bemerkt, dass der Baubeginn als auch die Vollendung eines solchen Baus nach dem Vandaleneinfall um 430 nicht denkbar sei [225]. UNTERMANN datiert Tebessa um etwa 100 Jahre später, also um 490/500 in die vandalische Zeit, schreibt es jedoch dem katholischen Kult zu [22].

Tebessa, Grundrissausschnitt aus [CHRISTERN]
CHRISTERN hält die Anlage der Basilika und des Trikonchos für einheitlich. Dem widersprechen jedoch die Baufugen zwischen dem Podium der Basilika und den Außenmauern des Trikonchos. CHRISTERN verweist dagegen auf die fehlende Fuge zwischen dem Podest und den Treppenwangen der zum Trikonchos hinabführenden Treppe.
Ich denke, dass bei der Errichtung der Basilika der Zömeterialbau mit dem Novellusmosaik noch stand und von der Basilika dort ein direkter Zugang über eine Freitreppe zu diesem Bau bestand. („Die Treppe ist in zwei aufeinander folgende Läufe geteilt: einem schmalen oberen mit vier Stufen und einem freitreppenartigen Abschnitt mit neun Stufen, der die ganze Breite der Vierung einnimmt.“ [CHRISTERN,75]) Später wurde der Zömeterialbau einschließlich der Freitreppe mit dem Trikonchos überbaut.
Die Datierung CHRISTERNs um 400 und auch UNTERMANNs Datierung um 500 gehen natürlich nicht mit dem von mir gewählten Ansatz konform. Um 400 bzw. um 500 steht der römische Staat als Bauherr noch nicht zur Verfügung, womit sich die Frage nach dem Bauherrn einer solch großen und aufwändigen Anlage stellt.
Inwieweit die Datierung wirklich an dem o. a. Kindergrab mit dem datierten Mosaikepitaph festgemacht werden kann, kann heute nicht mehr überprüft werden. Alle anderen Mosaikepitaphen, die ausschließlich im Fußbodenniveau unter dem Novellusmosaik gefunden worden, sind undatiert. Der Fundort im Mosaikfußboden der Vierung des Trikonchos erscheint ungewöhnlich. Der Mosaikepitaph ist heute zerstört; auch der Bauzusammenhang ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Eine zweifelsfreie Dokumentation der Grabung um 1870 liegt nicht vor und ist sicher damals auch noch nicht zu erwarten. Die von CHRISTERN vorgeschlagene Chronologie [127f] ist aus meiner Sicht willkürlich. Klar scheint jedoch diese Abfolge: Heidnischer Friedhof – Zömeterialbau mit christlichen Gräbern (Mosaikepitaphe) – Erneuerung des Fußbodens in diesem Bau (Novellusmosaik) – Kirchenbau – Abbruch des Zömeterialbaus und Überbauung mit dem Trikonchus.
Obwohl CHRISTERN eine Erbauung im 6. Jh. vehement verneint, erachte ich - wie oben bereits erwähnt - die Errichtung der Anlage erst nach 534 für möglich. Die Frage bleibt natürlich, wann nach 534? Es ist auffällig, dass der gesamte Bau keinen Bauschmuck trägt, der für justinianische Bauten zu erwarten ist. Weder eine Verherrlichung Justinians, noch Themen aus der Lebensgeschichte Jesu, noch Apostel- oder Märtyrerdarstellungen. Es gibt überhaupt keine eindeutig christlichen Motive, nur allgemein dem Christentum zuzuordnende Motive wie Weinranken, Vögel etc., die natürlich auch außerhalb des Christentums vorkommen.
Spricht der zurückhaltende Bauschmuck vielleicht sogar für eine wesentlich spätere Entstehung? Es gibt ein paar Aussagen bei CHRISTERN, die eine solche Vermutung indizienartig stützen:
„Es ist zu betonen, dass die tebessaner Fenstertransennen nicht nur die ältesten bekannten mit vegetabiler Ornamentik sind, sondern auch die einzigen bekannten mit gegenständlichen Darstellungen; sie stehen in Qualität und Dekoration den späteren Gitterwerkplatten in Ravenna nicht nach.“ [CHRISTERN,204]
Der stilistische Gegensatz zu den kaiserzeitlichen Vorbildern lässt sich folgendermaßen umreißen: Verlust an Plastizität, Verflachung, Kerben statt Bohrrillen, Vereinfachung der Konturen, weitgehender Verzicht auf Details, …“ [CHRISTERN,206]
„In der tebessaner Bauornamentik zeigen sich nun schon bereits stilistische Merkmale, die man gemeinhin als charakteristisch für die Plastik der Zeit um 500 ansieht, und man würde die Stücke, wären sie aus ihrem lokalen und zeitlichen Kontext gerissen, womoglich später datieren.“ [ebd.,263]
„Dieser größere Abstand zum klassischen Formenapparat ist aber nicht – im qualitativen Sinne – als provinzielle Rückständigkeit zu verstehen; im Sinne der Gesamtentwicklung ist vielmehr die Provinz – an Tebessa exemplifiziert – der Hauptstadt entwicklungsgeschichtlich sogar voraus.“ [ebd.,275]
Nach der herkömmlichen Geschichtsdarstellung bleibt Nordafrika bis zum Jahr 698 römisch und christlich; das sind immerhin 164 Jahre nach der justinianischen Rückeroberung. Unter Berücksichtigung der Phantomzeit ergäbe sich das Jahr 995. Ein ausreichender Zeitraum für die Errichtung der relativ zahlreichen christlichen Bauten in Nordafrika nach der Rückeroberung durch Ostrom. Das Jahr 995 ist natürlich nicht als absolute Datierung aufzufassen. Nordafrika ist sicher nicht schlagartig durch den Islam erobert worden (wenn überhaupt). Vermutlich hat sich dieser Prozess über einen längeren Zeitraum hingezogen, so dass eine auch über 995 hinaus reichende christliche und damit kirchenbauliche Entwicklung zumindest regional möglich erscheint.
Die Basilika von Tebessa steht nicht isoliert, sondern sie gehört offensichtlich zu einer regionalen Bautengruppe in Nordafrika. Die Beschreibung der Bauten dieser nordafrikanischen Bautengruppe durch CHRISTERN [7f] mit vorgestellten Säulen in mehreren vertikalen Zonen als Wandgliederung, Emporen über den Seitenschiffen, Hallenkrypten, kreuzgewölbte Seitenschiffe, Tonnengewölbe etc. lassen sofort an romanische Bauten des beginnenden 11. Jh. denken, keinesfalls an spätantike Bauten. Nach CHRISTERN sind Doppelstützen als Mittelschiffsstützen eine charakteristische Besonderheit des nordafrikanischen Kirchenbaus [7], wobei natürlich Tebessa keine richtigen Doppelstützen besitzt, sondern ein vor die Mittelschiffspfeiler gestelltes Säulensystem – ähnlich dem der ehemaligen Palastbasilika in Leptis Magna, die – wie oben bereits erwähnt – im 6. Jh. zu einer Kirche umgebaut wurde. Vielleicht ist das nahe Leptis Magna das Vorbild für dieses Gestaltungselement. Auch die erhaltene Bauornamentik ließe sich ohne Probleme dem 11. Jh. zuordnen. Mein Vorschlag für die Datierung der Anlage von Tebessa: Kirchenbau um 1000 bzw. Anfang 11. Jh., der Trikonchos noch 1. Hälfte des 11. Jh. Dieser Zeitansatz gilt in etwa auch für die anderen Bauten der Tebessaner Gruppe. Die Wehranlage um den Kirchenkomplex galt den zunehmenden Übergriffen der Berber, denen die christliche Entwicklung vermutlich noch im 11. Jh. erlegen war. Für eine solch späte Einordnung passt auch die Errichtung über einer antiken Nekropole mit der Funktion als Märtyrerkirche. Ansonsten gleicht der Grundriss auffallend dem der ravennatischen Bauten, die ich oben um 1000 bzw. dem frühen 11. Jh. zugeordnet habe.
Kalat Siman
Auch in Syrien ist ein frühchristliches Pilgerheiligtum existent: Kalat Siman.

Grundriss aus [SCHECK/ODENTHAL, 287]
Kalat Siman ist als Pilgerheiligtum zur Verehrung des hl. Symeon stylites des Älteren (gest. 459) bekannt. Dieses soll 470/480 errichtet worden sein. Eine andere Quelle nennt als Datum „unbekannt zwischen 459 und 560“ [www.archnet.org/library/sites zu St. Simeon Church_12.05.09]. Die Anlage bestand aus dem so genannten Martyrium, einem Oktogon, in dessen Zentrum sich angeblich die 20 m hohe Säule befand, auf der der Heilige mehr als 30 Jahre verbracht haben soll. Östlich schloss sich an das Oktogon eine dreischiffige Basilika an, deren drei Schiffe in Apsiden endeten. Nördlich, südlich und westlich schlossen sich an das Oktogon weitere dreischiffige Hallen an, womit sich eine kreuzförmige Grundrissgestalt ergab [EFFENBERGER, 327]. Ob das Oktogon überdacht war oder nicht, ist unklar [LASSUS, 45].
Auffällig ist, dass der sonst sehr akkurate Grundriss für den Ostarm in seiner Ausrichtung eine leichte Abweichung nach Norden aufweist. Weist diese Ungereimtheit auf eine möglicherweise frühere Entstehung der nach Osten ausgerichteten Basilika hin und wurde die kreuzförmige Anlage erst später geschaffen? War der Ursprungsbau eine „einfache“ querhauslose dreischiffige Basilika?
Der östliche dreiapsidiale Abschluss ist in der frühchristlichen Architektur meines Wissens sonst nirgends zu finden, in der frühromanischen Architektur dagegen häufig. Entsprechend den bisherigen Rekonstruktionen lag das Zentrum der Simeon-Verehrung im Oktogon. Gab es ein weiteres kultisches Zentrum im Sanktuarium des Ostarms?
Der Narthex und somit der Haupteingang in den Gebäudekomplex befand sich an der Fassade des Südarmes (möglicherweise geländebedingt). Der Zugang zu den beiden Kultzentren – insbesondere zum christlichen Altar - erscheint damit ziemlich umständlich.
Wenn man sich die Reste von Kalat Siman ansieht, z. B. auch die zweigeschossige Säulengliederung an der Apsisaußenseite, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man kein spätantikes, sondern ein romanisches Bauwerk vor sich hat. Das Gebiet um Kalat Siman scheint um 1000 noch dem Oströmischen Reich zugehörig. Im 12. Jh. gehört es zum Fürstentum von Antiochia, einem der vier Kreuzfahrerstaaten. Erst in der 2. H. des 12. Jh. geht das Gebiet durch die Eroberungen Saladins dem christlichen Einflussbereich verloren. Die Möglichkeit einer Entstehung bis zum 12. Jh. besteht damit.
Da es am Ende des 4. Jh. noch keine Reichskirche gab, kann diese aufwändige Anlage nicht dem 4. Jh. angehören. Aber auch für eine Errichtung unter Justinian sind Zweifel anzumelden. Die ersten justinianischen Memorialbauten dienten sämtlich der Verehrung von Stätten der Jesusgeschichte und vielleicht Stätten des alten Testaments (Felsendom). Die Verehrung des hl. Simeon passt nicht in diese Reihe. Erst um Einiges später, im ausgehenden 10./11. Jh. werden lokale Heilige in die Reihe der Verehrungswürdigen aufgenommen.
Neben Kalat Siman werden von der Kunstwissenschaft in den so genannten Toten Städten Nordsyriens, im Belos (Gebiet westlich von Aleppo), weitere frühchristliche Basiliken gesehen, die alle im 4., 5. oder frühen 6. Jh. angehören sollen [SCHECK/ODENTHAL, 281ff]. Das sind die Bauten von Brad, Mushabbaq, Burjke, Fafertin, Basufan, Kharab Shams, Deir Turmanin, Dar Qita, Qalb Lhoze und zahlreiche andere. Ein paar Merkwürdigkeiten dieser Bauten:
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Burjke weist ein Okulus in der Apsis auf (in Westeuropa später ein beliebtes Motiv) | |
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Die Säulenbasilika von Deir Turmanin besitzt eine Art Doppelturmfassade (in Europa erst gegen 1100) | |
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Auch Qalb Lhoze besitzt eine Doppelturmfassade mit einer Vorhalle, die sich in weitem Bogen nach Westen öffnet; in den Türmen Zugänge zur Westempore und den Emporen in den Seitenschiffen; außen an der Apsis eine zweigeschossige Säulengliederung wie auch in Kalat Siman. SCHECK/ODENTHAL [306] zitieren dazu die Bemerkung des französischen Grafen Melchior de Vogué: „Unmöglich ist zu verkennen, dass in diesem Gebäude all die Elemente ihren Ursprung haben, welche den Vorbau der romanischen Kirchen bilden.“ | |
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Das monophysitische Großkloster Tell Ade soll bis 962 bestanden haben, also über die islamische Eroberung der 30er Jahre des 7. Jh. hinweg. |
Die Errichtung dieser Kirchen sehe ich alle im 12. Jh. unter der Herrschaft der Kreuzfahrer. Mit den Kreuzfahrern kamen aus Europa nicht nur Abenteurer und Plünderer, sondern auch zahlreiche landarme Bauern mit ihren Familien, die sich eine neue Existenz aufbauen wollten und in dem eroberten Land siedelten. In den neuen Siedlungen errichteten sie neben ihren Behausungen als erste Bauten Kirchen, wie sie sie aus ihrer Heimat kannten. Das Ende der Herrschaft der Kreuzfahrer beendete auch diese Siedlungstätigkeit.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich für die angeblich frühchristlichen Bauten in Italien außerhalb Roms, in Nordafrika und Syrien auch andere als frühchristliche Datierungen finden lassen. Für mich sind diese Bauten durchweg jünger, d. h. justinianisch bzw. nachjustinianisch, z. T. sogar romanisch.
Frankenreich
Bevor jedoch die wenigen Kirchenbauten besprochen werden, für die die Anfänge in frühchristlicher Zeit gesehen werden, wobei ich das Frühchristentum im Frankenreich bis zum Ende der Phantomzeit, d. h. bis zum Beginn des 10. Jh. ausdehnen möchte, möchte ich kurz auf die Christianisierung dieses Gebiets – wie sie nach meiner Auffassung verlaufen ist – eingehen.
Christianisierung im Frankenreich
Die Rückeroberungen Justinians und damit die Einrichtung der (ost)römischen Reichskirche reichten nicht über Nordafrika und Italien hinaus. (Dabei beabsichtigte Justinian gar nicht die Wiederherstellung des Römischen Reiches in seinen ehemaligen Grenzen. Der erfolgreiche Feldzug gegen die Vandalen, wo er in Nachfolgestreitigkeiten eingriff, brachte die überraschende Rückgewinnung Nordafrikas [MEIER, 64]. Die zunehmenden Differenzen mit den Ostgoten ließen ihn in Italien intervenieren, was letztendlich zur Rückeroberung Italiens führte.) Ganz Westeuropa und das Frankenreich wurden davon nicht erfasst. Dort hatten sich auf dem ehemals römischen Gebiet germanische Völker eingerichtet und eigene Reiche gegründet. Entgegen der herkömmlichen Geschichtsdarstellung gehe ich davon aus, dass diese nicht christlich waren und noch ihren heidnischen Glaubensvorstellungen anhingen (siehe Teil 1). Unabhängig davon ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass vereinzelt kleine christliche Religionsgemeinschaften dort existierten. Die Nachrichten über gallische Bischöfe, also Vorsteher von regionalen christlichen Religionsgemeinschaften (vornehmlich in den ehemaligen Römerstädten), wären - sofern sie nicht reine Legende sind - dadurch erklärbar. Die Ausbreitung dieses frühen vorjustinianischen Christentums nach Westen ist nicht mehr auszumachen. Es gibt m. E. weder in Spanien noch im Frankenreich noch in England eindeutige Spuren dieses Christentums.
Die Christianisierung des Frankenreichs erfolgt offensichtlich erst ab Mitte des 10. Jh. Herausragender Protagonist ist der seit 936 herrschende König des ostfränkischen Reichs Otto I. Vor diesem Hintergrund wird auch das bisher nicht ganz verstandene ottonisch-salische Reichskirchensystem und die Institution Hofkapelle als logisches Instrumentarium nachvollziehbar. Als Vorbild diente ihm offensichtlich die enge Verflechtung von Staatsgewalt und Kirche in der oströmischen Reichskirche. Die ostfränkischen Bischofssitze werden von ihm mit getreuen Gefolgsleuten besetzt. Beispielsweise setzt Otto I. 953 seinen Bruder Brun als Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen ein. 954 setzt er seinen Sohn Wilhelm als Erzbischof von Mainz ein. In die Bistümer an der Ostgrenze des Reiches werden ebenfalls ihm ergebene Gefolgsleute eingesetzt.
Inwieweit die römische Kirche, die seit der Rückeroberung Italiens durch Justinian im Jahr 552 in Italien offenkundig festen Fuß fassen konnte, bei diesem Vorgang beteiligt war, ist für mich nicht eindeutig auszumachen. Die bekannte Kaiserkrönung Ottos I. im Jahr 962 erachte ich als späteres Konstrukt der römischen Kirche – möglicherweise als hilfreiches Argument im Investiturstreit. Die Romzüge Ottos I. dürften einfache Eroberungszüge zur Ausweitung der ottonischen Macht in Italien gewesen sein. Die Einverleibung der alten Hauptstadt Rom in seinen Machtbereich war seinem Anliegen sicher entsprechend. Otto I. benötigte, wie vor ihm schon Karl III., der Einfältige bei seinen Münzprägungen [HEINSOHN], für die Verwendung des Titels „Imperator“ keine Mitwirkung der Kirche. Die Verwendung des Kaisertitels entsprang sicher allein seinem Selbstverständnis. Die Motivation für Otto I. könnte aus dem Bestreben herrühren, eine dem oströmischen Kaiser ebenbürtige Stellung zu erlangen. Seit Justinian ist das oströmische Kaisertum untrennbar mit dem Kirchenkult verbunden. Die Kirche gab dem Kaisertum erst den richtigen feierlichen und prunkvollen Rahmen. Otto war zwar Herrscher über ein großes Reich, aber seine Bewohner waren nur heidnische Götter verehrende Bauern. Im Ansehen kam ein solches Reich keinesfalls an das christliche Reich Ostroms heran.
Trotzdem kann die römische Kirche nicht unbeteiligt gewesen sein. Ab dem 10. Jh. versuchte sich die römische Kirche von der Vormachtstellung der oströmischen Kirche zu lösen, was ihr mit der Abtrennung der Westkirche 1054 letztendlich auch gelang. Hintergrund ist die Umsetzung des Rom-Primats, das bereits durch Justinian oder erst durch den oströmischen Kaiser Phokas (602-610) formuliert wurde [ILLIG/ANWANDER, 563]. Bisher war der Bischof von Rom einer der fünf Patriarchen der römisch-justinianischen Reichskirche. In diesem Kontext sehe ich die Entstehung des Papsttums. Das Bestreben des Bischofs von Rom, sich von der Bevormundung aus Konstantinopel zu emanzipieren, machte jedoch nur Sinn mit dem Erlangen eines eigenen Einflussbereichs. So soll die Christianisierung Britanniens schon durch Gregor den Großen initiiert worden sein. Das wird von Beda berichtet, was dieser jedoch nur aus Berichten seiner Vorgänger kennt [LASZLO, 141]. Mir erscheint dieser Zeitpunkt sehr früh. Sicher scheint, dass England schon vor der Invasion Wilhelms 1066 christlich war. Damit muss die Christianisierung zwischen Gregor dem Großen und 1066 erfolgt sein. Nach LASZLO wurde Beda geboren um 673 (= um 970 neuer Inkarnationszeit, siehe unten) geboren, so dass die Christianisierung Britanniens nicht erst Ende des 10. Jh. oder im 11. Jh. erfolgt sein dürfte. Damit spricht Einiges für eine frühe Christianisierung. Das würde die Romhörigkeit der englischen Kirche und die Entsendung von angelsächsischen Mönchen wie Bonifatius, Lullus u. a. auf den Kontinent im 11. Jh. vielleicht erklären - sofern diese überhaupt reale Personen waren. Das Frankenreich war sicher der attraktivste potentielle Kandidat für die römische Kirche.
Den Ambitionen der römischen Kirche kamen die Bestrebungen Ottos I. nach einer dem oströmischen Kaisertum ebenbürtigen Stellung auf jeden Fall entgegen. An dieser Stelle trafen sich die Interessen Ottos I. und der römischen Kirche. Dass der römische Bischof dabei die Initiative an Otto I. abgeben musste, liegt sicher an den realen Machtverhältnissen. Im Investiturstreit versuchte die römische Kirche, diese wieder an sich zu reißen.
Ob die römische Kirche bereits vor der Regierungszeit Ottos I. Anstrengungen in Richtung Frankenreich unternommen hat, was wahrscheinlich ist, ist nicht mehr zu ermitteln. Aus der herkömmlichen Geschichtsdarstellung ist bekannt, dass die fränkische Landeskirche und Karl Martell dem Missionsvorhaben des Bonifatius‘ ablehnend gegenüberstanden. Z. B. musste Bonifatius den Tod Karl Martells abwarten um das Bistum Erfurt zu gründen [KADENBACH]. Vielleicht verbirgt sich hinter dieser Darstellung ein realer Kern, z. B. in der Form, dass es durch Rom schon Kontakte zu Heinrich I. gab, welcher Rom jedoch „abblitzen“ ließ.
Die organisatorische Aufgabe der Installation des Christentums als Reichsreligion und die damit einhergehende Christianisierung erfolgte also im Ostfrankenreich mittels eines funktionierenden Machtapparats – ähnlich wie schon unter Justinian. Die Christianisierung durch herumwandernde Missionare wie Bonifatius, Columban u. a. – wie uns die heutige Kirche vermitteln möchte – erachte ich für unmöglich und als fromme Legende.
Aufgrund der anderen politischen Landschaft im Westfränkischen Reich musste Rom hier eine andere Vorgehensweise wählen. Im Gegensatz zum Ostfränkischen Reich gab es im 10. Jh. im Westfränkischen Reich keine funktionierende Zentralgewalt. Im Osten des Westfränkischen Reiches existierten die selbständigen Königreiche Niederburgund (Arelat) und Hochburgund; im Westen griffen die Grafen von Paris nach der Krone. Karl III, der Einfältige, konnte seine Macht nur unter großen Zugeständnissen an den Adel halten. 923 wird er schließlich von seinen Gegnern besiegt. Rudolf von Burgund wird König. Erst Ende des 10. Jh. mit Hugo Capet (König von 987-996) endeten die politischen Wirren und begann eine relativ stabile Herrschaft im Westfränkischen Reich. Eine so kompakte Christianisierung unter Führung eines Königs oder Kaiser wie im Ostfränkischen Reich war also im Westfränkischen Reich gar nicht möglich.
Rom installierte darum auf dem Gebiet des Westfränkischen Reichs zunächst einen "Missionsstützpunkt", die nur von Rom abhängige Benediktinerabtei Cluny. Sicher ist auch die Gründung des Benediktinerordens ausschließlich zu diesem Zweck erfolgt. Die Gründung des Benediktinerordens ist ebenfalls im 10. Jh. - nach 910 - anzusetzen [ILLIG, 215]. Ich halte auch eine etwas spätere Gründung bis ca. Mitte des 10. Jh. für möglich.
Ab dem 10. Jh. wurden so das Frankenreich und auch wenig später aber auch Böhmen, Polen und Ungarn sowie Nordeuropa christianisiert und der römischen Kirche angegliedert. Spanien wurde meines Erachtens erst im Zuge der so genannten Reconquista vom 10. oder 11. Jh. bis in das 15. Jh. christianisiert. Ob diese eine wirkliche Wiedereroberung oder, wie ich meine, eine „gewöhnliche“ Eroberung war, soll hier nicht geklärt werden. Die frühen Kirchen in Nordspanien einschließlich Santiago de Compostela sind ausschließlich aus diesem Zeitraum.
Zwar hat Justinian im Jahr 552 den Südosten der Iberischen Halbinsel eingenommen [DE PALOL/RIPOLL, 92f]; Spuren eines byzantinischen Kirchenbaus in Spanien gibt es dennoch keine. Nach MEIER [97] ging es wahrscheinlich nicht um die Rückeroberung dieses ehemaligen Reichsgebietes, sondern um eine Entlastung des oströmischen Afrika vor westgotischen Überfällen Die kirchliche Gliederung und Organisation der dort eroberten Gebiete und der Bau von Kirchen standen damit nicht auf der Tagesordnung. Bereits ab ca. 625 sollen alle diese Gebiete wieder westgotisch gewesen sein [ebd, 97]. Dass das eingenommene Gebiet wirklich westgotisch war, ist zu bezweifeln. Das Tolosanische Westgotenreich, das aus der Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien im Jahr 419 entstanden war [WARD-PERKINS, 22f], wurde 507 durch die Franken beseitigt. Die überlebenden Westgoten flohen über die Pyrenäen und siedelten auf der Iberischen Halbinsel. Eine neue Reichsgründung erfolgte hier nicht mehr. Das Toledanische Westgotenreich ist bekanntermaßen ein phantomzeitliches Konstrukt.
Die massive Einflussnahme des ostfränkischen Königs/Kaisers hatte für Rom auch eine Schattenseite. Die Kirche war damit dem direkten Einfluss Roms entzogen, es entstand somit eine „fränkische Landeskirche“. Im Investiturstreit versuchte die römische Kirche, das aus ihrer Sicht bestehende "Manko" zu korrigieren. Die Gründung zahlreicher von der Bischofsgewalt unabhängige Benediktinerklöster im 11. Jh. auch im Deutschen Reich, z. B. Fulda, die Gründung der Klöster der Hirsauer Reform und die Entstehung der Reformorden im 11. Jh. sind m. E. der Beleg dafür.
Die Kirchenbauten
Da der monumentale Kirchenbau mit der Christianisierung einhergeht, sind monumentale Kirchenbauten also auch erst ab dem 10. Jh. zu erwarten. Gleichwohl verweisen heute zahlreiche Kirchenbauten auf eine wesentlich frühere Gründung. Wo diese Gründung allein auf dem Papier oder Pergament oder nur in der Tradition existiert, sehe ich keinen Handlungsbedarf. Wo jedoch Materielles in diese Zeit datiert wird, ist eine nähere Betrachtung unvermeidbar.
Herkömmlich phantomzeitlich datierte Bauten bleiben im Folgenden bis auf wenige Ausnahmen unbeachtet. Für sie gilt in aller Regel eine nachphantomzeitliche Errichtung, d. h. im 10. Jh. bzw. später. Die Pfalzkapelle in Aachen, die Torhalle in Lorsch und das „Westwerk“ von Corvey sind bereits von ILLIG der Karolingerzeit entrissen. Die übrigen "karolingischen" Bauten wie Seligenstadt, Michelstadt, Höchst, Fulda etc. sind ebenfalls Bauten der Jahrtausendwende bzw. des 11. Jh. Bayern haben ILLIG und ANWANDER schon vorher "entkarolingisiert", wobei sie jedoch noch vorphantomzeitliche Kirchenbauten zu erkennen glaubten. Für das Gebiet der ehemaligen DDR habe ich in einem früheren Aufsatz die in Frage kommenden Bauten näher betrachtet und im Ergebnis dem 10. und 11. Jh. zuordnen können. Interessant vielleicht, dass die Grundrisslösung der Ratgar-Basilika in Fulda letztendlich keinen Rückgriff auf einen Jahrhunderte zurückliegenden Bau darstellt, sondern dass hier ein weitgehend „moderner“ Bau – zumindest in seiner Grundrisslösung - kopiert wird. Die Absicht des unmittelbaren Rombezugs darf dabei sicher weiter unterstellt bleiben.
Beginnen möchte ich im Osten, d. h. an der Ostgrenze der ehemaligen römischen Provinz Gallien. WESSEL (eine zugegeben etwas ältere Quelle) berichtet über Bauuntersuchungen und Grabungen unter dem Münster in Bonn, in Kempten, unter der Liebfrauenkirche in Koblenz, in Köln (St. Georg, St. Gereon, St. Severin, St. Ursula), in Metz, unter St. German in Speyer, in Trier (St. Martin, St. Maximin, Dom u. Liebfrauenkirche) und unter dem Dom St. Victor in Xanten. Die neuere Forschung sieht in den meisten dieser ergrabenen Bauten spätantike Grabbauten und keine christlichen Monumente. "Während nach dem Zweiten Weltkrieg an allen wichtigen Heiligengrabstätten im Rheinland "frühchristliche Kirchenbauten" gefunden wurden, stößt die Deutung dieser Befunde seit einigen Jahren auf heftige Kritik. Die jüngere Forschung lehnt für alle in diesen Regionen ergrabenen frühen Bauten des 4./5. Jahrhunderts die gängige Deutung als "Kirchen" ab." [UNTERMANN; 38]
Von besonderer Bedeutung ist sicher die
unter dem Dom und der Liebfrauenkirche in Trier ergrabene angeblich
konstantinische Doppelkirchenanlage. Trier war von 293 bis 392 eine der
Residenzen der römischen Kaiser im Westen. WESSEL schwärmt in den höchsten Tönen
über diesen großartigen Kirchenbau. Dieser soll ab 324 an der Stelle einer
kaiserlichen Palastanlage errichtet worden sein. "Damit bestätigt sich die
frühmittelalterliche Tradition, nach der Helena ihren Palast der Kirche zu Ehren
des hl. Petrus geschenkt habe." [WESSEL, 360] Wenn der Palast niedergelegt
wurde, wo hat dann der Kaiser residiert? Trier bleibt bis 392 Regierungssitz des
Weströmischen Reiches. Ist ein neuer Palast errichtet worden? Hat man ihn
gefunden? Es gibt m. E. nur eine vernünftige Erklärung. Der ergrabene Bau ist
die ehemalige kaiserliche Palastanlage, keine Kirche. Der Bau hatte keine
Apsiden und zahlreiche Nebenräume, deren Verwendungszweck nicht ermittelt werden
konnte; Altarfundamente wurden auch nicht gefunden. [WESSEL, 361] Im Übrigen
schreibt WESSEL selbst, dass die vergleichbare Zweikirchenanlage in Aquileja
aufgrund neuerer Forschungen als Fehldeutung "abgeschrieben" werden musste
[WESSEL, 361]. Erstaunlich, dass ihm keine Zweifel bei Trier aufgekommen sind.
Die Rekonstruktion der noch vorhandenen und der ergrabenen Reste als Kirchenbau
entspringt vermutlich der Idee der Kultkontinuität aufgrund der heute an dieser
Stelle befindlichen Kirchenbauten des 11. Jh. (Dom) und 13. Jh.
(Liebfrauenkirche) in Verbindung mit der Helena-Legende. Ich gehe davon aus,
dass die noch vorhandenen Reste der Palastanlage für beide Kirchenbauten genutzt
wurden, was die exakt gleiche Ausrichtung mit der ergrabenen Palastanlage
erklärt. Für das 10. Jh. („bis spätestens 955“) wird für die so genannte
Südkirche (unter der Liebfrauenkirche) ein „Umbau zu Saalkirche mit
Flügelräumen“ vermerkt [JACOBSON/SCHAEFER/SENNHAUSER, 421]. Der heute noch
stehende Dombau, der antike Substanz nutzt, wird um 1000 begonnen. Die darüber
hinaus an der römischen Palastanlage ergrabenen baulichen Veränderungen des 5.
bis 10. Jh., dürften zwischenzeitlichen profanen Nutzungen der antiken Reste
zuzuordnen sein.
Für das Gebiet des Westfränkischen Reiches stütze ich mich auf HEITZ: Gallia Praeromanica. Wie schon JACOBSON in seiner Rezension zu HEITZ bemerkt, ist der Titel etwas irreführend, da nicht nur vorromanische, sondern auch die frühromanischen Denkmäler behandelt werden. Das macht die Arbeit mit dieser Quelle zwar etwas mühsamer, aber sonst hätte HEITZ wahrscheinlich nur ein dünnes Bändchen zusammenbekommen, da die materiell überlieferten vorromanischen Denkmäler äußerst überschaubar sind.
Paris, St-Germain-des-Prés: Die bestehende Kirche wurde im 11. Jh. erbaut. Die Fundamente der ersten Kirche, unter König Childebert (511-558) erbaut, wurden angeblich ergraben. Die ergrabenen Fundamente dürften zu einem Bau der 2. Hälfte des 10. Jh. oder um die Jahrtausendwende gehören.
Soissons, St. Medard: Die noch bestehende Krypta soll von dem 817-841 errichteten Kirchenbau stammen. Die Gründung der Kirche soll sogar schon 557 erfolgt sein. Die Krypta ist erstmals 1079 bezeugt. JACOBSON verweist die Krypta in die 1. Hälfte des 11. Jh. [JACOBSON (1982), 551]
Jouarre, St. Paul: Die erhaltene Krypta des Nonnenklosters St. Paul wird von HEITZ um 680 datiert. Sie soll damals an eine bestehende Zömeterialbasilika im Osten angefügt worden sein. Die Einwölbung erfolgte erst im 12. Jh. Nach meiner Auffassung stellt die erhaltene Krypta die Erweiterung eines bestehenden spätantiken oder merowingischen (nicht christlichen!) Zömeterialbaus dar, der im 12. Jh. durch Überbauung zu einem Kirchenbau umgestaltet wurde. „Die Gewölbe sind auf jeden Fall romanisch, damit wohl auch die heutige Aufstellung der Säulen. Für merowingische Zeit bleiben mithin nur die Außenwände sowie die isoliert zu betrachtenden Säulen in Diskussion.“ [JACOBSON (1982), 551]

Jouarre, St-Paul, Grundriss aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 310]
St-Philibert-de-Grandlieu. Angeblich 677 gegründet, die Abteikirche vor 819 errichtet, Wiederbesiedlung nach den Normannenstürmen um 1000. "Während die Ostteile, nämlich Querhaus, Chorquadrat, Apsis und Umgangskrypta, in gemeinsamer Aufmauerung einem ersten, wenn auch in den oberen Teilen später erneuerten Bauabschnitt zugewiesen werden müssen, dessen Errichtungszeit im frühen 11. oder allenfalls ausgehenden 10. Jahrhundert durch die ottonisch-frühromanischen Kämpferprofile in der Vierung und im östlichen Kryptaumgang festgelegt ist, gehören die heutigen Mittelschiffspfeiler mit ihrem entwickelten Formenapparat des mittleren oder späteren 11. Jahrhunderts offenbar einem beabsichtigten und auch begonnenen, dann aber mit Fertigstellung der Langhausarkatur wieder aufgegebenen Neubau an." [JACOBSON (1992), 291]
Civaux. Früher dem 11. Jh. zugeordnet, datiert HEITZ zumindest die "siebenfach abgewinkelte Polygonalapsis" in das frühe 5. Jh. "Die regelmäßigen Kleinquader verraten noch intakte römische Mauertechnik. ...diese Apsis, die an die gleichzeitigen Chöre der Basiliken in Ravenna erinnert..." [HEITZ, 216f] Bei Entfall der phantomzeitlichen Jahrhunderte ist auch das 11. Jh. ganz nah an der Spätantike. Im Übrigen sehe ich auch die ravennatischen Basiliken im 10./11. Jh. (siehe Teil 2)
Poitiers, Baptisterium St. Jean: Das Baptisterium in Poitiers gilt als das älteste christliche Bauwerk Frankreichs. Es ist darüber hinaus das größte Baptisterium der frühchristlichen Welt. Zwei Superlative, die zu denken geben sollten. "Der Bau stammt zweifellos aus dem 4., spätestens aus dem beginnenden 5. Jh. Die Kanalisation des Taufbeckens war mit der römischen Wasserleitung verbunden, die nicht über das 5. Jh. hinaus funktioniert hat." [HEITZ, 217] Im 6. oder 7. Jh. wurden der Chor und die quadratischen Seitenapsiden angebaut und der Innenbau mit einem verstärkenden Mantel versehen. Um 1000 Umbau des westlichen Narthex. [ebd. 218] Offensichtlich gibt es Zweifler an der frühen Datierung, da sich HEITZ veranlasst sieht, zu bemerken: "Kürzliche Funde ... bringen zusätzliche Argumente für die hie und da angezweifelte Datierung in das 4. Jh., das in Poitiers - man solle nicht vergessen - den großen Bischof Hilarius walten sah." [218]

Poitiers, Baptisterium St-Jean, Grundriss aus Le Baptistère Saint-Jean de Poitiers, Société des Antiquaires de l’Ouest, 2004
Ich denke, dass wir es - sollte die frühe Datierung standhalten - möglicherweise mit einem spätantiken Bau ursprünglich anderer Bestimmung zu tun haben. Dieser wurde wesentlich später - vermutlich erst um 1000 - zu einem Kirchenbau mit Baptisterium umgebaut.
Es wäre sehr erstaunlich, dass im entfernten Gallien das größte frühchristliche Baptisterium errichtet sein soll. Und dazu noch von einer möglicherweise in Poitiers vorhandenen kleinen christlichen Gemeinde. Für wen sollte das große Baptisterium eigentlich gewesen sein? Die dort lebenden Christen waren doch alle getauft. Wollten die frühen Christen großflächig missionieren?
Poitiers, Hypogeum des Mellebaudis: HEITZ datiert die Anlage in das frühe 8. Jh. [218], also in die Phantomzeit. Geht man davon aus, dass der Bau kaum früher, also vor der Phantomzeit entstanden ist, so kommt nur eine Entstehung nach der Phantomzeit, d. h. im 10. oder 11. Jh. in Frage. Ein Indiz für das 11. Jh. existiert vielleicht darin, dass Mellebaudis sich angeblich "...72 Reliquien, viele lokaler Herkunft, so jene der Radegundis, der Heiligen Acnanus (Aignan), Hilarius und Martin..." verschaffte. [HEITZ, 14] Die Kirchen für die Verehrung der Radegunde, von Hilarius und auch von Martin wurden alle im 11. Jh. errichtet, so St-Radegonde und St-Hilaire-le-Grand in Poitiers als auch St-Martin in Tours.
St-Généroux (ca. 50 km nördlich von Poitiers). Nach HEITZ ein karolingischer Bau. In der strikten Abtrennung des Querhauses vom Langhaus durch Arkaden sieht HEITZ eine Parallele zu den asturischen Kirchen des 9. Jh., z. B. San Cristina di Lena [219], die jedoch von ILLIG bereits der Karolingerzeit entrissen und dem späten 10. und 11. Jh. zugewiesen wurden. [ILLIG (1999), 107ff] Nach JACOBSON verunklären zwei Bauphasen (Ende 10. Jh./mittleres 11. Jh.?) das Bild. [JACOBSON (1982)]
Mélas (Le teil-d'Ardeche), St. Stefan: Romanische Kirche des 12. Jh. mit nördlichem Seitenschiff aus dem 11, Jh. Von dort aus Zugang zu einem Zentralraum mit Baptisterium. Aufgrund des Kapitellschmucks wurde der Bau bisher dem 10 Jh. zugewiesen. HEITZ sieht die Möglichkeit einer viel früheren Entstehung, "...denn nach der Zerstörung durch die Vandalen des nahen Bischofssitzes in Alba (Alba augusta) soll der hl. Auxonius Mélas zum Sitz gewählt und dort eine Kirche und ein Baptisterium gebaut haben. Dies trug sich in der 1. Hälfte des 5.Jhs. zu, gerade als Ravenna die Baptisterien baute." [HEITZ, 222] Zu Ravenna siehe oben. Sonst ohne Kommentar.
Auxerre. St-Germain: Die erste Kirche soll sogar auf Geheiß von Chlotilde (493-545), der Gattin Chlodwigs, erbaut worden sein. Ein skulptiertes Christogramm soll bis auf Chlotilde zurückreichen. Die erhaltene Krypta sei dann zwischen 841 und 856 errichtet worden. Die Krypta von St-Germain in Auxerre ist so ziemlich die letzte der sogenannten spätkarolingischen Umgangskrypten, die heute noch dem 9. Jh. widerspruchslos zugeordnet wird. Möglicherweise traut sich kein Forscher an dieses "Nationalheiligtum Frankreichs" heran. Die verwanden Bauten wie St-Philibert-de-Grandlieu, Flavigny, Halberstadt, Soissons sind längst im 11. Jh. angekommen. Dahin gehört zweifelsfrei auch St-Germain in Auxerre.
Flavigny, St-Pierre: Die Benediktinerabtei soll 719 gegründet worden sein. Die wieder ausgegrabene komplexe Kryptenanlage wird allgemein in die 1. Hälfte des 9. Jh. datiert. Die Chorscheitelrotunde - ein sechseckiger Zentralbau - ordnet HEITZ dem 11. Jh. zu. Dieser würde jedoch auf einer kreisrunden Sohle aus dem 9. Jh. stehen. [HEITZ, 225] JACOBSON [(1982), 552] hält die noch bestehenden Bauteile für komplett im 11. Jh. entstanden. Den ornamentierten Pfeiler sieht er in Zweitverwendung.
Nevers, St-Cyr-et-Ste-Julitte: Neben der Kirche aus dem 11. Jh. wurde ein Nischenbaptisterium ausgegraben, das aus dem 6. Jh. (Veränderungen im 8. und 11 Jh.) stammen soll. Leider wird nicht erwähnt, wie die Datierung in das 6. Jh. zustande gekommen ist. Offenbar ist kein Vorgängerbau der Kirche aus dem 11. Jh. ergraben worden. Hat das Baptisterium allein gestanden? Das Motiv der Nischen könnte auch auf das 11. Jh. hinweisen.
Metz, St. Peter (St-Pierre-aux-Nonnains): Mit St. Peter in Metz haben wir einen spätrömischen Profanbau vor uns. Ein Flyer, der bei der Besichtigung erhältlich ist, informiert darüber, dass der Bau "ein Gebäude für öffentliche Treffen und Veranstaltungen, oder aber die Palestra (Sporthalle) eines Kurhauses" gewesen sei. WESSEL sieht in dem Bau, trotzdem er eine geplante Hypokaustenanlage erwähnt und den Vergleich mit der Trierer Palastaula anstellt, letztlich wegen der Randlage in der römischen Stadt eine christliche Basilika. Der Ursprungsbau ist für HEITZ eine Zivilbasilika des 4. Jh., wozu die Hypokaustenanlage gehört, die jedoch letztlich nicht ausgeführt wurde. Zwischen 613 und 620 sei die Basilika einem der hl. Waltraut geleitetem Nonnenkloster zur Verfügung gestellt worden. Im 10 Jh. war das Nonnenkloster so verwahrlost, dass der Bischof von Metz zwei Drittel der Nonnen des Klosters verweisen musste. Ende des 10. Jh. wurde der Bau zu einer dreischiffigen Anlage umgebaut. Das dürfte der Zeitpunkt für die Umwidmung zur christlichen Kirche gewesen sein. Das Intermezzo als Nonnenkloster fällt in die Phantomzeit und ist m. E. zu streichen.
Frejus, Baptisterium: Traditionell wird das Baptisterium in das 4./5. Jh. datiert. Ich erachte diese Datierung für viel zu früh. Ein Baptisterium macht nur im Zusammenhang mit deinem Kirchenbau Sinn. Im 4./5. Jh. kann es einen solchen nicht gegeben haben. Bis 470/477 war die Provence westgotisch, ab 507 ostgotisch, dann ab 536 fränkisch. Die justinianische Christianisierung reichte nicht bis in die Provence. Die frühesten nachgewiesenen Bauteile der Kathedrale in Frejus gehören dem 11. Jh. an. Nach meiner Auffassung wurde das Baptisterium zeitnah mit der Kirche im 11. Jh. errichtet, wie übrigens auch die anderen Baptisterien in der Provence (Aix-en-Provence, Riez, Venasque).

Frejus, Baptisterium Riez, Baptisterium
Grundrisse aus [HUBERT/PORCHER/VOLBACH, 303]

Aix-en-Provence, St-Sauveur mit Baptisterium, Grundriss aus [DROSTE, 243]
Baume-les-Messieurs, St-Pierre: Von HEITZ [230] als Wiege von Cluny bezeichnet. Die erhaltene Kirche datiert aus dem 11.-13. Jh. Von HEITZ nicht erwähnt die iroschottische Vergangenheit. Im 6. Jh. soll das damalige Kloster Baumes-les-Moines von Columban gegründet worden sein. Auch hier - wie in Luxeuil - die Zerstörung durch die Sarazenen und Normannen. Danach Wiederaufbau Anfang des 10. Jh. Von den früheren Bauten sind keine Reste bekannt. [ILLIG (2009), 212f] Ist die iroschottische Vergangenheit nicht generell zu streichen?
Grenoble, St-Laurent: Der bestehende Bau ist eine romanische Kirche des 12. Jh., heute ein archäologisches Museum. Unter diesem ist die Krypta St-Oyand erhalten. Im Kirchenschiff werden dem Besucher umfangreiche Ausgrabungen dargeboten, die zu einem Zentralbau mit vier Kreuzarmen gehören, an deren drei Seiten Konchen angefügt sind. Die Webseite von St-Laurent (www.musee-archeologique-grenoble.com) datiert den Zentralbau in das 6. Jh. und die Krypta in das 6.-7. Jh. Darüber hinaus verweist sie noch auf einen karolingischen Vorgängerbau (um 800). Der Ursprungsbau wurde über einer spätantiken Nekropole errichtet. Im unmittelbaren Baubereich wurden acht Mausoleen nachgewiesen. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben die Mausoleen damals noch bestanden, da der Bau doch ziemlich exakt auf diese Bezug nimmt. Der Bau wurde offensichtlich ganz genau über einem solchen errichtet, wozu dieses niedergelegt wurde, und an ein anderes, größeres angebaut.

Grenoble, St-Laurent, Grundriss aus [UNTERMANN, 25]
Nach neueren Untersuchungen wird die Krypta von der Wissenschaft in das 8. oder beginnende 9. Jh. datiert. Im 11. Jh. sollen dann Benediktinermönche einen Neubau errichtet haben – den o. a. Zentralbau - und den bestehenden Bau als Krypta in den Neubau einbezogen haben [HEITZ, 231] HEITZ schließt jedoch ein merowingisches Oratorium, das in frühkarolingischer Zeit durchgehend restauriert wurde, nicht aus.
Einige Marmorkapitelle datiert HEITZ ins frühe 7. Jh., die skulptierten Kämpfer sieht er um 800.
Nach UNTERMANN wurde die kreuzförmige Kirche im 6. Jh. an einen älteren, reich ausgemalten Memorialbau (das größere Mausoleum) angefügt [24f]. Die Krypta sieht er offensichtlich zeitgleich. Für ihn ist der Bau die Friedhofskirche der Bischöfe von Grenoble. Er vergleicht diesen Bau wegen der Gliederung mit zahlreichen Säulen mit St-Pierre in Vienne [25].
Den angeblich karolingischen Vorgängerbau erwähnen beide überhaupt nicht.
Auch ich bin der Auffassung, dass Krypta und der ergrabene Zentralbau einheitlich sind. Als Bauzeit sehe ich jedoch die erste Hälfte des 11. Jh. Die Krypta als auch die Kryptazugänge zeigen insbesondere bei den Bögen eine wechselnde Anordnung von roten und hellen Ziegeln wie wir es z. B. aus Speyerer Krypta oder auch von der Liebfrauenkirche in Magdeburg kennen. Dieses Schmuckelement ist m. E. dem frühen 11. Jh. zuzuordnen. Vermutlich war die Kirche als Memorialbau für einen lokalen Heiligen (St-Oyand?) angelegt, dessen Grabstätte man in das Mausoleum, über dem die Kirche errichtet wurde, verortet hatte. Damit folgt dieser Bau dem seit dem ausgehenden 10. Jh. sich rasant ausbreitenden Heiligenkult.
Bezüglich des angeblich karolingischen Baus kommen mir Zweifel. Der Grundriss auf der Web-Seite von St-Laurent zeigt in den Ostteilen eine ziemliche Übereinstimmung mit dem bestehenden Bau. Im Westen soll der karolingische Bau einen dreizelligen Westbau mit drei Westapsiden gehabt haben, also eine doppelchörige Anlage. Als Westabschluss halte ich eine solche Lösung für sehr ungewöhnlich. Mir fällt nur der Westabschluss der 2001 bis 2003 auf dem Magdeburger Domplatz ergrabenen Kirche ein, welcher zwar fünfzellig war, aber drei Westapsiden hatte. Dieser Bau – wahrscheinlich der von Kaiser Otto I. gegründete Dombau - soll vor dem letzten Drittel des 10. Jh. errichtet worden sein. Von der Bedeutung sind die beiden Bauten sicher nicht miteinander zu vergleichen. Maximal könnte eine Motivübernahme erfolgt sein. Möglicherweise liegt hier aber auch eine Fehlinterpretation der Ausgräber vor.
Bei Bereinigung von der Phantomzeit rutscht die von HEITZ ausgemachte Datierung 8./9. Jh. sowieso mindestens in das 10. Jh, was von meinem Datierungsvorschlag nicht mehr weit entfernt ist.
Von HEITZ nicht besprochen werden einige Bauten, die ich jedoch nicht unerwähnt lassen will:
St-Denis. Zu St-Denis legt ILLIG eine von der Phantomzeit bereinigte Bauchronologie vor. Dort nennt er einen "Merowingischen Kirchenbau vor 565, vielleicht schon im 5. Jahrhundert (Apsis vor 614 erneuert)" [ILLIG (1996), 364] Ich denke, dass der ergrabene Vorgängerbau der Kirche aus dem 11. Jh. nicht aus dem 6. Jh, sondern erst dem späten 10. Jh. entstammt.
Vienne, St-Pierre: Angeblich um 470 auf einer Nekropole vor der Stadt als Zömeterialbasilika erbaut. Erst später wird sie die Abteikirche St-Pierre-hors-les-murs. "Der Boden des 14 m breiten Saalraumes nahm dicht gereihte Sarkophage auf. Die Apsis, die sich hinter einem von mächtigen Säulen getragenen Triumphbogen öffnet, diente zunächst nicht der Liturgie, sondern dem exklusiven Begräbnis: In ihrer Wand richtete sich der Stifter ein Arkosolgrab ein; ein zweiter, reich verzierter Sarkophag birgt Abt Leonian von St-Marcel (1. Hälfte 6. Jahrhundert)." [UNTERMANN, 23f] Einmal abgesehen von dem Stifter- und Abtsgrab bestätigt UNTERMANN, dass dieser Zömeterialbau zunächst nicht dem christlichen Kult diente, also nicht als Kirche errichtet wurde, was - wie ich meine - für sämtliche Zömeterialbauten gilt, wie ich oben zu den Umgangsbasiliken Roms bereits ausgeführt habe. Die Frage ist nun, wann die Umwandlung in eine Kirche stattgefunden hat. Nach UNTERMANN hat Bischof Pantagathe um 540 hier ein Monasterium gegründet. Die Pfeilerarkaden seien im 10. Jh. eingebaut worden. [24]

Vienne, St-Pierre, Grundriss aus [UNTERMANN, 24]
Während in der früheren Literatur dieser Bau noch als einer der ältesten christlichen Bauten Frankreichs benannt ist, ist man heute offensichtlich anderer Meinung. Nach neuerer Ansicht wurden auch die Pfeilerarkaden wie der Glockenturm erst im 12. Jh. errichtet. Bei HEITZ wird dieser Bau überhaupt nicht erwähnt. Er rechnet ihn offensichtlich nicht zu den vorromanischen bzw. frühromanischen Bauten. Auch JACOBSON [1982] hat diese Auslassung von HEITZ nicht moniert. Es ist anzunehmen, dass die Umwidmung zur Kirche auch erst im 12. Jh. erfolgt ist. Spätestens mit dem Einziehen der Pfeilerarkaden war die Funktion als Zömeterialbasilika hinfällig; vermutlich um Einiges früher. Möglicherweise war der Bau verfallen. Für eine Erneuerung des Daches mussten die Pfeilerarkaden eingezogen werden, da so lange Holzbalken zur stützenfreien Überspannung des 14 m breiten Raumes nicht mehr zur Verfügung standen.
Marseille, St-Victor: In einem Steinbruch, der in hellenistischer Zeit als Begräbnisstätte genutzt wurde, soll Ende des 5. Jh. die Kirche St. Victor erbaut worden sein. Teile der Krypta sollen in das 5. Jh. zurückreichen. "Die Spuren verwischen sich zwischen dem 7. und Ende des 10. Jahrhunderts." [www.marseille-tourisme.com] (Hier hat die Phantomzeit wieder zugeschlagen.) 977 blüht die Abtei als Benediktinerkloster wieder auf. Anfang des 11. Jh. erfolgt ein Neubau, der 1040 geweiht wurde. Ein umfassender Umbau ist dann im 12./13. Jh. bezeugt. Christliche Sarkophage belegen, dass die Nekropole auch von Christen genutzt wurde.

Marseille, St. Victor
Links: Übersichtsgrundriss aus: Père Jean Pierre Ellul, L’Abbaye Saint-Victor, o. Jg.
Rechts: Grundriss Krypta (gedreht) aus [Wikipedia Saint Victor (Marseille), Link: Wikimedia Commons, Category: Abbaye Saint-Victor]
Beim Betreten der sehr geräumigen
Krypta ist man anfangs etwas desorientiert. Es ist weder ein einheitliches
Raumgefüge noch ein einheitlicher Bau- und Ornamentstil vorhanden. Offenbar ist
der heutige Zustand ein Konglomerat der verschiedenen Bauzeiten.
Nach meiner Auffassung gibt es keine Kirche vor dem 10. Jh. an dieser Stelle.
Ende des 10. Jh. errichteten die Benediktiner eine erste kleine, dreischiffige
Kirche über der Nekropole, möglicherweise zum Märtyrergedächtnis, wozu die
Legende der Märtyrer von Marseille, darunter Victor (Martyrium angeblich 303
oder 304), geschaffen wurde. Von diesem Bau sind Reste, die m. E.
fälschlicherweise dem 5. Jh. zugewiesen werden, in der Krypta noch vorhanden.
Die aus dem Fels herausgearbeitete Kapelle "le confessionnal de Saint Lazare"
dürfte ebenfalls aus dem ausgehenden 10. oder 11. Jh. stammen. Dass es einen
weiteren Neubau Anfang des 11. Jh. gegeben haben soll, ist zu bezweifeln.
Möglicherweise ist die in der Krypta erhaltene kleine Kirche zu dem 1040
geweihten Neubau zugehörig. Wir kennen natürlich nicht den kompletten Grundriss
dieser ersten Kirche. Die Krypta ist sowohl von ihrer Lage als auch ihrer
Gestaltung keine Krypta im eigentlichen Sinn. Entgegen der üblichen Anordnung
unter dem Chor der Oberkirche mit kultischer Verbindung zwischen Oberkirche und
Krypta, ist sie hier unter dem Westteil (eigentlich NNW-Teil, da die Kirche nach
SSO ausgerichtet ist). Beim Neubau der Oberkirche im 13. Jh. hat man den
Vorgängerbau, die kleine dreischiffige Kirche komplett überbaut und z. T.
erhalten. Der in der Krypta sichtbare Stützapparat sind die Substruktionen
dieses Neubaus aus dem 13. Jh. Ob die Krypta kultisch als Krypta genutzt wurde,
muss offen bleiben. Jedoch ist im 13. Jh. die Zeit der Krypten i. W. vorbei.
Six-Fours-les-Plages, St-Pierre (bei Toulon): Der frühromanische Vorgängerbau aus dem 11. Jh. ist in dem heutigen Kirchenbau (17. Jh.) fast vollständig erhalten und gut sichtbar. In Reiseführern ist im Westen dieses Vorgängerbaus ein frühchristliches Baptisterium aus dem 5. oder 6. Jh. aufgeführt. Woher die Datierung in das 5. oder 6. Jh. stammt, bleibt mir schleierhaft. Auch in dem Flyer, der in der Kirche zu haben ist, ist kein Hinweis enthalten. Zu sehen sind nur die Reste eines Taufbeckens mit einem Innendurchmesser von einem guten Meter und einer Ablaufrinne nach außen.
Île St-Honorat (Îles de Lérins). Laut Reiseführer: Bekannt als eine der "Wiegen des abendländischen Mönchtum". Anfang des 5. Jh. soll der hl. Honoratus hier ein Kloster gegründet haben, dass sich zu einem der bedeutendsten und mächtigsten in ganz Europa in der Folgezeit entwickelt hat, ein Zentrum der Wissenschaft, der Religiosität und Kultur. Bischöfe, Missionare und Heilige sollen von hier aus in alle Welt gezogen sein, unter ihnen Cassian, der Gründer von St-Victor in Marseille und Patrick, der Apostel Irlands. Ab 660 wurde angeblich die Regel des hl. Benedikt eingeführt.
Materielle Reste auf der Insel, die in diese frühe Zeit reichen, gibt es keine. Das Kloster wurde im 19. Jh. im neoromanischen Stil neu errichtet. Von den ehemals sieben kleinen Kirchen sind nur noch zwei erhalten, die aber auf das 12./13. Jh. verweisen. Es gab im Hochmittelalter offensichtlich christliches Leben auf St-Honorat. Die Gründung im 5. Jh. und die großartige Entwicklung - wie sie die Quellen "belegen" - dürften pure Legende sein. Auch kommt die Einführung der Benediktinerregel um 660 um einiges zu früh, da der Benediktinerorden erst im 10. Jh. entsteht [ILLIG (2009), 215].
Luxeuil. Angeblich um 590 von Columban gegründet, 732 Zerstörung durch die Sarazenen, danach Wiederherstellung unter Karl dem Großen, im 9. Jh. durch Wikinger geplündert. 1790 wurde das Kloster aufgehoben. Luxeuil soll Ausgangspunkt für die Mission der Bayern gewesen sein. Die heutige Pfarrkirche St-Colomban wurde 1330 fertiggestellt. Baureste aus vor- oder frühromanischer Zeit sind nicht vorhanden.
Wenn man denselben Maßstab wie bei anderen in den Quellen hochgelobten Klöstern ansetzt, wo keine materiellen Zeugnisse zu finden sind, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es keine frühmittelalterliche Geschichte von Luxeuil gibt.
Columban soll allein im Marnetal sieben Abteien gegründet haben, darunter Jouarre, dann Luxeuil und Fontaine. Dank der iroschottischen Missionare Avitus, Columban, Fridolin, Gallus, Lucius, Remigius, Severin und Trudpert sollen um 600 schon 220 gallische Klöster bestanden haben. [ILLIG: Das Ende des hl. Benedikts? auf http://lelarge.de/benedikt.html] Ich halte diese Überlieferung – wenn nicht die ganze Existenz der iro-schottischen Mission – für legendär. Welche Glaubenslehre hat Columban eigentlich vertreten? ILLIG vertritt die Auffassung, dass die iro-schottische Missionierung unter Columban (ab 590) prorömisch gewesen sein soll.
Oben hatte ich bereits erwähnt, dass England möglicherweise schon verhältnismäßig früh direkt von Rom aus christianisiert wurde. Columban soll bereits 591 von Irland aus seine Missionsreise angetreten haben. Für meine Begriffe ist 591 für einen Beginn in Irland viel zu früh, da ich eine solche Aktion vor Gregor den Großen (590-604) nicht sehe und die Christianisierung Englands und Irland auch einen gewissen Zeitraum in Anspruch genommen haben dürfte. Oder erfolgte diese Aktion direkt von Rom aus? Eine römische Phase der Vita Columbans ist meiner Kenntnis nach nicht überliefert. Wenn Columbans Mission nicht prorömisch war, kann sie nur noch von Byzanz ausgegangen sein. Ein solcher Ansatz ist noch schwerer nachvollziehbar
Exkurs Zentralbau, Basilika und Apsis
YERASIMOS [38ff] versucht sich an einer „Entwicklung des byzantinischen
Kirchenbaus“. Er beginnt: „Die Entwicklung des byzantinischen Kirchenbaus von
den frühchristlichen Basiliken bis zur Hagia Sophia gibt nach wie vor einige
Rätsel auf.“ [ebd. 38] Bis wenige Jahre vor Justinians Thronbesteigung sollen
nach YERASIMOS [39] die Kirchenbauten in Konstantinopel Basiliken gewesen sein,
danach seien nur noch von Kuppeln überwölbte Zentralbauten errichtet worden. Die
Vorbilder für die ab dem frühen 6. Jh. aufkommenden Zentralbauten sieht er in
den Palastanlagen Konstantinopels und in den syrischen Kirchen (Welche syrischen
Kirchen er als Vorbilder sieht, führt er nicht weiter aus).
Ich denke, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die ersten monumentalen
Kirchenbauten entstehen im Oströmischen Reich und sind Zentralbauten gewesen.
Mit den Rückeroberungsbestrebungen Justinians wird die Reichskirche und damit
der Kirchenbau – zunächst als Zentralbau - in die zurückeroberten Reichsgebiete
– so auch nach Italien (erhaltenes Beispiel ist San Vitale in Ravenna) –
exportiert. Ob die Verwendung der Bauform der Basilika ab dem 7. /10. Jh. zur
Abgrenzung von Ostrom bewusst erfolgt ist, oder aus dem Unvermögen, überkuppelte
Bauten zu errichten, muss offen bleiben. (Vielleicht zunächst aus dem
Unvermögen und danach zur Abgrenzung.) Unter dem Einfluss der römischen
basilikalen Kirchenbauten des 10. Jh. entstehen dann auch in Konstantinopel
basilikale Bauten, wobei i. d. R. auf die Kuppel nicht verzichtet wird. (Im
Gegenzug entstehen im 11./12. Jh. auch kuppelgedeckte Kirchenschiffe im
westeuropäischen Gebiet, z. B. in Fontevraud, Périgueux).
Übrigens dürfte nach meiner Vorstellung der Ursprungsbau der Laterankirche in
Rom – sofern es überhaupt einen Bau des 6. Jh. gab – ebenfalls ein Zentralbau
gewesen sein. Vielleicht ist dieser Ursprungsbau unter dem Lateranbaptisterium
S. Giovanni in Fonte zu suchen. Die polygonalen Außenmauern des bestehenden Baus
(angeblich 5. Jh.) stehen auf einem großen Rundfundament von 19,20 m Durchmesser
und einer beträchtlichen Mauerstärke von 1,70 m [BRANDENBURG, 38], das eindeutig
nicht zum bestehenden Bau gehört und von der Forschung dem konstantinischen Bau
des Lateranbaptisteriums zugeordnet wird. Aufgehendes Mauerwerk auf dem
Rundfundament wurde nicht nachgewiesen [ebd. 38]. Übrigens beträgt der
Durchmesser des Stützenrunds von S. Vitale in Ravenna auch etwa 19-20 m.
Vielleicht standen auf dem Rundfundament ebenfalls Stützen und es gab ein weiter
außen umlaufendes Fundament, das bisher nicht gefunden wurde oder der Bau wurde
nie fertig gestellt. Offensichtlich gibt es immer noch „keine moderne
Bauaufnahme und methodisch gesicherte Grabungen“ [ebd. 37]. Mit dem basilikalen
Neubau der Laterankirche im 10 Jh. wurde dann das Rundfundament für den
Baptisteriumsbau wieder verwendet.
Vielleicht noch einmal zu STÜTZER, der wie oben bereits erwähnt die Palastbasilika als Vorbild für den Bautyp der christlichen Basilika sieht. Für die ersten Kirchenbauten Ostroms trifft das offensichtlich nicht zu, denn sie waren keine Basiliken. Ich denke, dass das eigentlich entscheidende bauliche Motiv, das der christliche Kirchenbau aus der Kaiserarchitektur übernommen hat, die Apsis als Aufstellungsort des Allerheiligsten, des christlichen Altars, ist. In der Palastbasilika stand in der Apsis der kaiserliche Thron. In der Westapsis der von Maxentius als Saal für kaiserliche Empfänge konzipierten Maxentiusbasilika stand die Kolossalstatue Konstantins [DE ALBENTIIS, 141]. Ihre Verwendung im christlichen Kirchenbau bedingte m. E. die Reichskirche. Damit ist der anfängliche Ansatz immer noch zutreffend. Wenn im frühen 11. Jh. in einigen Apsiden ein Bischofsthron und diesem zu Seiten eine Priesterbank das Apsisrund ausfüllt, so diente diese Ausstattung sicher nicht der ihr oft unterstellten Nutzung durch den Bischof und dessen Priester. Wenn der Bischof mit seinen Priestern in der Apsis „getagt“ hätte, wären alle die für die Kulthandlungen zuständigen Personen von der Gemeinde der Gläubigen durch den Altar getrennt und sogar verdeckt. Aus meiner Sicht hat der sog. Bischofsthron mit der Priesterbank ausschließlich symbolische Bedeutung. Er symbolisiert die Anwesenheit von Christus und ihm zu Seiten der Apostel.
Eine Neubearbeitung der Kunst- und Architekturgeschichte für diese Zeit ist aus meiner Sicht unausweichlich.
Exkurs Heiligenkult und Kirchenpatrozinium
Aus meiner Sicht beginnt mit der Errichtung der beiden römischen Märtyrerkirchen (Alt-St. Peter, San Paolo fuori le mura) im 10. Jh. der mittelalterliche Heiligenkult. Die Kirchenpatrozinien entwickeln sich unmittelbar aus dem Heiligenkult.
Traditionell wird der Beginn des Heiligenkults in der christlichen Kirche mit dem Bau der Märtyrerbasiliken in Rom definiert, die angeblich alle im 4. Jh. und durch kaiserliches Zutun entstanden sind. Das sind im Wesentlichen die beiden o. g. römischen Kirchen sowie die römischen Zömeterialbasiliken oder Umgangsbasiliken Santi Pietro e Marcellino, San Sebastiano fuori le mura, Sant' Agnese fuori le mura und San Lorenzo fuori le mura.
Da die römischen Zömeterialbasiliken aus der Reihe der christlichen Basiliken ausgeschieden und die römischen Märtyrerbasiliken in das 10. Jh. verortet sind, muss der Beginn des Heiligenkultes neu definiert werden.
Die im 10. Jh. gegründeten römischen Märtyrerbasiliken Alt-St. Peter und auch (etwas später) San Paolo fuori le mura erfolgten in dem Bestreben der römischen Kirche, sich von der durch Justinian installierten oströmischen Reichskirche zu emanzipieren. Da Rom im Gegensatz zu Ostrom keine Stätten vorweisen konnte, die direkt mit der Jesuslegende verbunden sind, griff man auf das römische Ende der Apostelgeschichte von Petrus und Paulus durch deren Märtyrertod in Rom zurück. Ob dieses römische Ende in diesem Zusammenhang erst konstruiert wurde, muss hier offen bleiben.
Damit hatte man zwei zugkräftige Stätten der Verehrung in Rom geschaffen. Die reichten in Ihrer Bedeutung zwar nicht an die "Originalstätten" in Bethlehem und insbesondere Jerusalem heran, doch dadurch dass die "Originalstätten" durch die persische Eroberung im Jahr 614 Ostrom praktisch entzogen waren, erhielten die römischen Verehrungsstätten - obwohl eigentlich nur sekundär - einen beträchtlichen Bedeutungszuwachs.
Das Erfolgsmodell Märtyrerkirche - insbesondere auch der wirtschaftliche Erfolg durch die wachsenden Pilgerscharen - führte zu einer schnellen Ausbreitung, einem regelrechten Boom von Märtyrerkirchen zuerst in Italien und dann im Ottonischen und Westfränkischen Reich. Da weder im Ottonischen Reich noch im Westfränkischen Reich Märtyrerstätten überliefert und auch schlecht zu konstruieren waren, war jetzt nicht mehr die angeblich ursprüngliche Grabstelle des Märtyrers für den Bauort der Kirche entscheidend, sondern die Überreste des Märtyrers wurden zum Bauort der Kirche verbracht. Da die Translation von Heiligenkörpern aus Italien schwierig zu bewerkstelligen war, wurde zunehmend auch auf örtliche Heilige ausgewichen (zur Not mussten solche erfunden werden). Mit der immer größer werdenden Zahl der zu errichtenden Kirchen und der Altarstellen in diesen, die natürlich eigene Reliquien erhielten, gingen folgerichtig die Heiligenkörper (selbst die erfundenen) langsam aus, so dass nunmehr auf kleinste Teile zurückgegriffen werden musste. Noch heute werden winzige Reliquien wie kostbare Schätze in den Kirchen verwahrt.
Eng
mit dem Heiligenkult ist das Patrozinium einer Kirche verbunden. In der Regel
wurde eine neu errichtete Kirche einem oder mehreren Heiligen geweiht, indem
Reliquien dieser im Hauptaltar versenkt wurden. Die ersten monumentalen
Kirchenbauten, wie die Hagia Sophia in Konstantinopel als auch die
Memorialbauten in Bethlehem, die Geburtskirche, und in Jerusalem, die
Grabeskirche, besaßen noch kein Patrozinium. Sie waren keinem besonderen
Heiligen geweiht. Sie waren einfach Verehrungsstätten am Ort des „Geschehens“.
Die Hagia Sophia "erhielt die schlichte Bezeichnung Große Kirche und wurde Jesus
Christus geweiht." [YERASIMOS, 45]. (Es ist zwar bei YERASIMOS von dem
Vorgängerbau der heutigen Kirche die Rede, der angeblich 360 geweiht wurde, aber
ich denke, dass eigentlich der Bau Justinians angesprochen ist.) Die Aussage,
"Jesus Christus geweiht" darf nicht mit dem späteren Patrozinium einer Kirche
gleichgesetzt werden darf. Natürlich war jede christliche Kirche Jesus Christus
geweiht wie die heidnischen Tempel zuvor der betreffenden Gottheit geweiht
waren. Die uns heute vertrauten Patrozinien sind erst mit dem Heiligenkult
entstanden.
Zum
Beispiel die Laterankirche in Rom: Das Patrozinium San Giovanni in Laterano mit
Bezug auf Johannes den Täufer und Johannes den Evangelisten entstammt dem 7. Jh.
(= 10. Jh.). Davor war sie als Basilica Salvatoris dem Erlöser geweiht [STÜTZER,
70f]. Nach BRANDENBURG wird das Patrozinium San Giovanni in Laterano erst ab dem
10. Jh. verwendet. (Die 3-Jahrhunderte-Differenz ist der Phantomzeit im
Frühmittelalter geschuldet.) Nach meiner Auffassung kommen Patrozinien erst ab
dem 10. Jh. parallel mit dem Heiligenkult in Gebrauch.
Der das ganze Mittelalter beherrschende Heiligenkult der christlichen Kirche
begann mit dem Bau von Alt-St. Peter im 7./10. Jh. Das Christentum kannte nach
meiner Ansicht davor noch keinen Heiligenkult.
Fazit
Die Geschichte des Christentums und des frühchristlichen Kirchenbaus, wie sie uns von der traditionellen Wissenschaft vermittelt wird, ist m. E. ein Konstrukt Roms, um die tatsächliche Herkunft der christlichen Kirche aus Ostrom zu verschleiern und die römische Kirche und damit das Papsttum bis in eine Zeit zu veralten, in der Rom noch Hauptstadt des Reiches war. Als letzter römischer Kaiser kam dafür nur Konstantin I. in Frage. Konstantin eine halbwegs christliche Vita zu verpassen, dürfte nicht allzu schwierig gewesen sein. Das ab dem 10. Jh. entstehende Papsttum hat sich diese seine eigene Geschichte gleich mit auf den Weg gegeben. Dieses Konstrukt unterstützte die Loslösung von Ostrom und bildete somit das Fundament für eine eigene, von Ostrom unabhängige christliche Geschichte.
BEAUFORT bietet eine
Rekonstruktion der Geschichte des frühen Christentums an, die in einigen
wesentlichen Zügen mit der von mir dargestellten Entwicklung konform ist. So
geht er ebenso von der Erhebung des Christentums zur Reichskirche durch
Justinian I. aus. Weiter führt er aus: "...dass ich die heutige
römisch-katholische Kirche für eine spätere Abspaltung des orthodoxen
justinianischen Katholizismus halte. Sie mag sich als selbständige Kirche ab dem
10. Jh. entwickelt haben. Bis dorthin war der Bischof von Rom einer der fünf
Patriarchen der orthodoxen Reichskirche.“ [BEAUFORT, 320]
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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.11.2011