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Dom und Severikirche

Severikirche mit Bauresten des Vorgängerbaus

Severikirche, Vorgängerbau. In Resten erhaltene Hauptapsis

Torso der Peterskirche, Ansicht von Südosten

 

Erfurt, der Dom Beatae Mariae Virginis, die Stiftskirche St. Severi und die Peterskirche

 

Wenn es um die frühe Kirchengeschichte Erfurts geht, sind insbesondere drei Kirchenbauten in Erfurt von Bedeutung.

Erstens der Dom: Erfurt führt seine Ersterwähnung auf Bonifatius zurück, der 742/743 einen Brief an Papst Zacharias gesandt haben soll, mit der Bitte, die Bistümer Würzburg, Erfurt und Büraburg gründen zu dürfen. Die Stiftskirche Beatae Mariae Virginis (der heutige Dom) ist gemäß der Tradition eine Stiftung Bonifatius’ aus dem Jahr 752.

Zweitens: Die Stiftskirche St. Severi soll aus einer Paulskirche hervorgegangen sein, die nach der Übertragung der Reliquien des Hl. Severus im Jahr 836 zur Severikirche wurde.

Drittens: Nach einer Nachricht aus dem 12. Jh. soll das Kloster auf dem Petersberg im Jahr 706 durch den fränkischen König Dagobert gegründet worden sein. Da die traditionelle Geschichte im Jahr 706 keinen König Dagobert kennt, wird diese Urkunde von der Forschung als Fälschung gesehen.

Festzustellen ist für Erfurt, dass die frühe Geschichte dieser Kirchen als auch der Stadt selbst nur auf dem Papier existiert. Die frühesten Funde - wenn man von kaiserzeitlichen Funden und solchen aus der Zeit des Thüringer Königreichs absieht - werden von den Archäologen in das 10. Jh. datiert. Am 11.07.2016, vermeldete die Thüringer Allgemeine, dass in Erfurt womöglich(!) erstmals(!) Spuren aus der Bonifatiuszeit gefunden wurden. Seit dem ist Schweigen im Wald.

Auf dem Petersberg wurde ein Grab gefunden, das aufgrund einer Obolus-Münze Lothar I. als karolingisch datiert wird. Das Grab gilt als der erste Nachweis der Nutzung des Petersbergs in karolingischer Zeit [ALTWEIN, 114]. Ob dieses einzelne Grab für die Stadt Erfurt im 9. Jh. spricht, erachte ich für sehr fraglich. Da ich die Geschichte der Karolinger als konstruiert sehe, bedarf die Zuordnung und Datierung der Münze einer neuen Beurteilung.

 

Frühe Schriftquellen 

 

742

 

Erste Erwähnung Erfurts in einem Brief des Bonifatius an Papst Zacharias, in dem Bonifatius um die Errichtung von Bistümern in Würzburg, Buraburg und Erfurt ersucht. Der Brief ist nicht im Original erhalten, sondern nur in der Vita des Mönchs Otloh erwähnt, der im 11. Jh. gelebt haben soll. Die Erfurter Tradition geht von dem Vorhandensein eines Kirchenbaus zu dieser Zeit aus.

 

 

802

 

Erwähnung eines palatium publicum (vermutl. Königspfalz) in Erfurt

 

 

805

 

Kapitular Karls des Großen, Erhebung Erfurts zum Grenzhandelsplatz mit Slawen und Awaren

 

 

836

 

Translatio S. Severi, Schreiben an den Mainzer Diakon Erlarius betr. u. a. die Überführung der Severus-Reliquien nach Erfurt in eine Paulskirche

 

 

852

 

Hoftag Ludwig II. in Erfurt

 

 

932

 

Synode in Erfurt

 

 

936

 

Reichstag in Erfurt, auf dem Otto I. zum Nachfolger seines Vaters Heinrich I. gewählt wurde

 

 

1080

 

Severikirche und Peterskirche werden von Heinrich IV. angezündet (Weltchronik)

 

 

Während die Schriftquellen fast sprudeln, kann die Archäologie keinerlei Funde vermelden.

»Vom Ende der römischen Kaiserzeit im 4. Jahrhundert bis etwa zum 10. Jahrhundert gibt es aus ganz Erfurt keine Siedlungsspur« sagt Karin Sczech, die Referentin des Landesamtes für Archäologie. ["Erfurts Wurzeln existieren bisher nur auf dem Papier" in Thüringer Allgemeine, 29.03.2014]

Da ich - wie auf der Startseite ausgeführt - die Geschichte der Karolinger als auch die Geschichte der Ottonen für ein späteres Geschichtskonstrukt halte, sind alle o. a. frühmittelalterlichen Quellen ebenfalls Teile dieses Konstrukts. Wie die Geschichte der Karolinger i. W. frei erfunden ist, ist die Person des Bonifatius pure Erfindung.

 

Stiftskirche Beatae Mariae Virginis (Dom)

Wie oben bereits erwähnt, soll 742/743 das Bistum Erfurt durch Bonifatius gegründet worden sein, worin der heutige Dom seine Wurzeln sieht. Das Bistum soll um 750 schon wieder aufgehoben worden sein [WERNER, 49]. Im Jahr 752 soll dann die Einrichtung des Stifts erfolgt sein.

Die frühesten Bauteile des stehenden Baus sind romanisch. Dieser romanische Bau ist gemäß den Quellen ab 1154 entstanden, nachdem 1153 eine vorhandene Kirche eingestürzt sein soll. Grabungen in größerem Umfang sind noch nicht durchgeführt worden. Da der Dom wie die meisten Kirchen Erfurts glücklicherweise im Krieg kaum gelitten hat, gab es „leider" nicht die Möglichkeit für großflächige Untersuchungen wie das vielleicht andernorts möglich war.

Bei 1991/1992 erfolgten Gründungsarbeiten für die neue Hauptorgel im Westen der bestehenden Kirche wurde in 3 m Tiefe ein gebogener Mauerzug freigelegt, den die Archäologen als ehemalige Westapsis identifizieren und dem 12. Jh. zuordnen (siehe Archäologischer Wanderführer Thüringen Heft 6  Stadt Erfurt). Diese späte Datierung wird durch Knochen- und Keramikfunde gestützt. So fand man unter mehreren Bodenschichten einen Haufen zusammengeschobener menschlicher Knochen. Die Untersuchung an einem einzelnen Knochen ergab eine Datierung 1038 ± 44. SCZECH sieht diese Bestattungen in Verbindung mit einem noch nicht aufgefundenen älteren Vorgängerbau [SCZECH 2007, 114f und 2015, 121f]. Dem muss man nicht unbedingt folgen. Möglicherweise sind die Knochen Reste eines ehemaligen Friedhofs an dieser Stelle, der noch im 11. Jh. benutzt wurde.

Die aufgefundene Westapsis weist darauf hin, dass der in der ersten Hälfte des 12. Jh. errichtete und schon 1153 angeblich eingestürzte Bau (maior ecclesia) eine doppelchörige Anlage gewesen war bzw. als solche konzipiert war. Zu vermuten ist, dass der Bau noch nicht fertiggestellt war.

Die etwa zeitgleichen Neubauten der Dome in Magdeburg und Naumburg waren ebenfalls doppelchörige Bauten.

Der Baubeginn des Neubaus erfolgte bereits 1154. „Rein zufällig“ wurden bei den Ausschachtungsarbeiten für den Neubau die Gebeine der Bonifatius-Gefährten Adolar und Eoban gefunden, womit für den Neubau entsprechend attraktive Reliquien zur Verfügung standen.

Die erstmalige urkundliche Erwähnung der Kollegiatstiftskirche Beatae Mariae Virginis als "maior ecclesia" ist aus dem Jahr 1117.

Wenn man die frühe Nennung und alle Vermutungen außer Acht lässt, kommt man zu einem sehr ernüchternden Ergebnis. Gründung und Bau des ersten Doms erfolgten erst am Beginn bzw. in der ersten Hälfte des 12. Jh. Für einen Kirchenbau vor dem 12. Jh. an der Stelle des heutigen Doms gibt es bisher keinen einzigen archäologischen Beleg.

 

Stiftskirche St. Severi

Der erste schriftliche Beleg, der der Severikirche zugeschrieben wird, ist die Nachricht über eine Reliquientranslation des Körpers des hl. Severus aus Ravenna zuerst nach Mainz und von dort aus nach Erfurt in eine Paulskirche im Jahr 836. Da diese Reliquien bis heute in der Severikirche verehrt werden, wird diese Nachricht auf die Severikirche bezogen. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass die Severikirche zuvor eine Paulskirche war, die durch die Reliquientranslation einen Patrozinienwechsel erfuhr und zur Severikirche wurde [LEHMANN / SCHUBERT, 180].

Die Lokalhistorie erwähnt immer wieder ein angeblich urkundlich überliefertes karolingisches Nonnenkloster St. Paul, zuletzt wieder im Archäologischen Wanderführer Thüringen Heft 6 Stadt Erfurt [20], bei SCZECH [2007,115] und ALTWEIN [113]. In diesem Zusammenhang wird immer wieder angeführt, dass für den Bau der bischöflichen Burg auf dem Domhügel 1123 ein Nonnenkloster von dort auf den Cyriaxberg verlegt worden sei (Das Patrozinium dieses Nonnenklosters ist unbekannt). Von Experten zur Mittelaltergeschichte Erfurts (Prof. Heinemeyer, Prof. Werner) erhielt ich auf meine Anfrage die Auskunft, dass es zu 1123 weder eine Urkunde noch eine chronikalische Nachricht über die Verlegung eines Nonnenklosters und den Bau der erzbischöflichen Burg gibt. Eine Nachricht in der Vita des hl. Severus betr. eines Nonnenklosters in Mainz würde irrtümlich auf Erfurt bezogen. Das Cyriaxkloster wird in der schriftlichen Überlieferung erstmals 1133 genannt. Hier wird offensichtlich von der Lokalhistorie Einiges durcheinander gebracht und immer wieder abgeschrieben.

In den Jahren 1960 bis 1962 wurde unmittelbar nördlich der Severikirche eine Grabung durchgeführt. Ziel war der archäologische Nachweis des o. a. karolingischen Nonnenklosters St. Paul. Bei den Grabungen wurden in     3,50 m Tiefe Reste eines durch Feuer zerstörten Fachwerkbaus aus dem 10. Jahrhundert gefunden [Archäologischer Wanderführer Thüringen, 20].

Die erste wirkliche schriftliche Nennung der Severikirche erfolgt in der Weltchronik des Ekkehard von Aura (angeblich ca.1085–ca.1125) zum Jahr 1079/1080, wo erwähnt wird, dass während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Heinrich IV. und dem Erzbischof von Mainz als Anhänger des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden neben der Peterskirche auch die Severikirche angezündet und zerstört wurde. In der Übersetzung PFLÜGERs ist speziell dieser Passus als „Zusatz einer jetzt in Gotha befindlichen Handschrift“ gekennzeichnet. Nach WERNER [47] erfolgte die Abschrift und Ergänzung um 1150 im Erfurter Peterskloster. Bezeichnenderweise wird die Stiftskirche Beatae Mariae Virginis, der heutige Dom, in dieser Nachricht gar nicht erwähnt.

Die Nachricht über die Zerstörung der Severikirche im Jahr 1079/1080 enthält zusätzlich die Information, dass der Neubau kleiner und an derselben Stelle erfolgte, d. h. danach gab es davor zumindest noch einen Vorgängerbau, der größer gewesen sein soll und sich an derselben Stelle befunden haben soll.

Ich halte die Weltchronik des Ekkehard von Aura für ein Pseudepigraph aus späterer Zeit und die Nachrichten zu den beiden Kirchenbauten für zweifelhaft.

Nun zu den materiellen Hinterlassenschaften. Die heute stehende Severikirche ist ein 1275 begonnener relativ einheitlicher Bau. Im Grundriss der Severikirche – wo man die in den Quellen erwähnten Vorgängerbauten vermutet - erfolgten bisher keine archäologischen Untersuchungen. Somit wusste man bis zur Zeit so gut wie nichts über etwaige Vorgängerbauten und damit über die frühe Baugeschichte der Severikirche.

Im Jahr 2005 wurden am Fuß des Domhügels östlich der Severikirche Baureste aufgedeckt, die offensichtlich einer romanischen Kirche zuzuordnen sind. Ergraben wurden drei nebeneinander liegende gebogene Fundamente, deren Ausrichtung nach Osten sofort an Apsiden eines Kirchenbaus denken ließ. An den zwei südlichen sind bis zu zwei Lagen des aufgehenden Mauerwerks mit romanischem Sockelprofil erhalten. Diese beiden zeigen darüber hinaus Ansätze von Lisenen. Bei dem nördlichen Fundament ist nur die unterste Lage erhalten. Merkwürdig dabei ist jedoch, dass die beiden äußeren größer sind als die mittlere. Östlich davor wurden in einer Auffüllung aus Abbruchmassen Bruchstücke eines Putzes mit Wandmalereien und qualitätvolle Stuckreste mit Palmettendekor gefunden.

Die aufgefundenen Baureste werden von einer Mauer überschnitten, die die Archäologen dem 13. Jahrhundert zuweisen, d. h. dass dieser Kirchenbau im 13. Jahrhundert nicht mehr nutzbar war.

Nach einer ersten Einschätzung wurden die beiden südlichen Fundamente als Apsiden eines romanischen Kirchenbaus interpretiert und in der nördlichen eine angebaute Kapelle gesehen [SCZECH 2006].

Nach meiner Auffassung weist die sichtbare Chorecke die südliche große Apsis eindeutig als Hauptapsis aus. Die nördlich anschließende kleinere Apsis war zweifelsfrei eine Nebenapsis. Die Ostwand des zugehörigen Nebenchores ist gegenüber der Ostwand des Hauptchores zurückgesetzt. Beide Apsiden zeigen eine ehemals vorhandene Lisenengliederung.

 

Haupt- und Nebenapsis der ergrabenen Kirche (vor Nebenapsis späterer Brunnen)

 

Zwickel Hauptchor und Nebenapsis

 

Südlich der Hauptapsis hat sich mit Sicherheit eine weitere Nebenapsis befunden, wo aber nicht mehr gegraben wurde.
Damit haben wir eindeutig eine im 12. Jahrhundert übliche Chorlösung einer Reformordenskirche (Augustiner Chorherren, Hirsauer, Prämonstratenser) vor uns.

Die große Nordapsis besitzt dieselbe Spannweite und dasselbe Sockelprofil wie die Hauptapsis der Kirche. Eine gleichzeitige Errichtung ist anzunehmen. Auch wenn die große Spannweite der Nordapsis ungewöhnlich erscheint, liegt die Interpretation als Kapelle für die Äbtissin nahe.

Die zugehörige Klausur lag demzufolge auf der Nordseite (wie bei der Peterskirche auch). Der erhaltene tonnengewölbte romanische Keller im Südbereich des heutigen "Felsenkellers" dürfte ein Rest der Klausur sein. Die Wölbrichtung verweist möglicherweise auf eine Ost-West-Erstreckung des ursprünglich darüber angeordneten Gebäudes, womit er das Nordende der Klausur markieren könnte. Die Erfurter Lokalgeschichte konnte diesen erhaltenen, vermutlich romanischen Kellerraum bisher keinem Bau eindeutig zuordnen.

"Sollte der im Eingangsbereich vom Severigarten her links gelegene Keller aus dem 12. oder frühen 13. Jahrhudnert stammen, dürfte er zur erzbischöflichen Burganlage gehört haben. Möglich ist aber auch, dass der alte Kellerraum unter dem Areal des "krummen Hauses" erst nach 1270 und unter Regie des Klosters Reinhardsbrunn oder gar erst des Marienstiftes gebaut wurde." [BORNSCHEIN]

Hinsichtlich der Form der Ostteile ist als territorial nächstes Beispiel der Bau I der Peterskirche Erfurt (ab 1103) anzuführen. Nähere Ausführungen dazu im folgenden Abschnitt "Peterskirche".

Da die aufgefundenen Reste zu einem Kirchenbau gehören, dessen Grundriss den üblichen Grundrisslösungen der Reformordenskirchen folgt, so ist eine ungefähre Grundrissrekonstruktion möglich. Mit der Breite der Hauptapsis lässt sich aufgrund des vorauszusetzenden quadratischen Schematismus die Jochgröße im Mittelschiff mit etwa 11 x 11 m bestimmen. Wenn man von einem Chorquadrat, einem Vierungsquadrat (mit Querarmen) und mindestens 3 Mittelschiffsjochen ausgeht, so ergibt sich eine Gesamtlänge des Baus (ohne Apsis) von etwa 55 m. Das Mittelschiff der Peterskirche hat 5 etwa quadratische Joche (einschl. Westbau) und ist damit noch deutlich länger als meine obige Minimalannahme. Die Seitenschiffe besaßen die halbe Breite, also ca. 5,5 m. Dazu würde die Apsisbreite der Nebenapsiden von etwa 4 m passen. Nimmt man sich einen Lageplan vor und trägt die angenommenen Abmessungen ein, so erstreckte sich der Bau bis weit in den heutigen Bau der Severikirche. Ob der Bau Türme hatte und ob diese auch wie bei der Peterskirche im Osten, z. B. über den Nebenchören, und im Westen angeordnet waren, ist bei der derzeitigen Befundlage nicht auszusagen.

 

Erfurt, St. Severi. Rekonstruktion des Vorgängerbaus (ohne Westabschluss) einschl. Klausurostflügel mit Äbtissinnenkapelle (gelb - Grabung von 1960)

 

Hat man anfangs in Erfurt von der Entdeckung eines unbekannten Kirchenbaus gesprochen, teilen die Erfurter Archäologen inzwischen meine Auffassung, dass dieser Bau mit höchster Wahrscheinlichkeit ein Vorgängerbau der Severikirche war.
Sie ist damit der unmittelbare Vorgänger der bestehenden Severikirche und stand nicht auf dem Dom- bzw. Severihügel sondern am Fuß desselben.

Da sich der rekonstruierte Grundriss mit dem Grundriss der rezenten Kirche überschneidet, muss zumindest ein Teilabriss während der Bauarbeiten für den Neubau erfolgt sein. Nach LEHMANN / SCHUBERT [182] wurde die Kirche zu Beginn der Bauarbeiten für den Neubau nicht vollständig abgerissen, sondern während der Bauarbeiten weiterbenutzt. Es gibt urkundliche Nachrichten aus den Jahren 1282, 1286 und 1295, aus denen hervorgeht, dass die Geistlichen ihren liturgischen Pflichten weiter nachgekommen sind [LEHMANN / SCHUBERT 182].

Die Mauer, die die aufgefundenen Baureste heute überschneidet, kann erst nach vollständiger Aufgabe der Nutzung des Baus errichtet worden sein, spätestens mit Innutzungnahme des hochgotischen Neubaus, d. h. wahrscheinlich erst im 14. Jh.

 

Kirche des Benediktinerklosters St. Peter und Paul auf dem Petersberg (Peterskirche)

Der heute auf dem Petersberg noch zu besichtigende Torso einer romanischen Kirche ist der Rest der Klosterkirche des ehemaligen Klosters St. Peter und Paul. Der stehende Bau wurde 1103 bis 1147 errichtet und ist damit das älteste in Erfurt erhaltene Zeugnis der romanischen Baukunst. Die Gründung des Klosters erfolgte anscheinend schon früher, um 1060. Gemäß einer Nachricht vertrieb der Erzbischof von Mainz um 1060 die auf dem Petersberg ansässigen Kanoniker und gründete das Benediktinerkloster St. Peter und Paul. Ich spare mir die eigentliche Klostergeschichte. Sie ist in der Literatur ausreichend verfügbar, z. B. WERNER.

Grabungen 1920/21 ergaben, dass es vor dem heute sichtbaren geraden Chorschluss eine Bauphase gab, die apsidiale Schlüsse von Hauptchor und Nebenchören hatte [BECKER 1920, 91f und BECKER 1929, 607ff]. Der Ausgräber und die bisherige Forschung sahen darin eine Planänderung "wahrscheinlich unter Leitung des 1127 aus Hirsau gekommenen Abtes Werner" [DEHIO, 359].

2015 veröffentlichte HOPF eine neue Arbeit zur Peterskirche, in der er die Auffassung vertritt, dass „ab 1103 lediglich ein neuer Dreiapsidenabschluss an die Ostseite einer älteren Kirche“ angefügt wurde [17]. Nach HOPF wurde ab 1127 die gesamte Altanlage niedergelegt und der heute noch stehende Bau in einem Zug errichtet. Die bei den Grabungen aufgefundenen Mauerzüge der älteren Kirche aus „unregelmäßig hammergerechtem Handquadermauerwerk“ datiert HOPF noch in das 10. Jh.

Ich kann der Neuinterpretation der Grabungsergebnisse durch HOPF nicht folgen. Dagegen dürfte die frühere Annahme einer Planänderung während des Baus weiterhin Bestand haben. Die Identifikation der bei der Grabung aufgefundenen Mauerzüge aus unregelmäßigen hammerrechten Schichtenmauerwerk als ottonisches Mauerwerk ist völlig willkürlich. Einleuchtender ist deren Interpretation als Fundamente für die Chorarkaden. Warum diese an den Vierungspfeilern abbrechen und nicht nach Westen weiterführen, kann von hier aus nicht beurteilt werden. Möglicherweise sind diese Mauerzüge baugrundbedingt. Die Grabungen wurden aus Kostengründen vorzeitig abgebrochen [BECKER 1920, 92], weshalb das Ergebnis vielleicht noch unvollständig ist. Die exakt gleiche Ausrichtung der Mauerzüge mit dem stehenden Bau spricht eher für die Zugehörigkeit zu diesem.

Die erste Planung sah ein schmaleres Mittelschiff und breitere Seitenschiffe vor. Die Breite des Mittelschiffs wurde zu Lasten der Seitenschiffsbreite während des Baus geändert. Die o. a. Mauerzüge entstammen noch der ursprünglichen Planung mit dem schmaleren Mittelschiff. Dass die Planung während des Baus geändert wurde, ist an den Westtürmen eindeutig abzulesen. Diese sind noch für das schmalere Mittelschiff konzipiert. Darauf weist schon BECKER hin [1920, 91 und 1929, 616 und 627]. Warum HOPF in seinem Aufsatz BECKERs Hinweis kommentarlos übergeht, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei der Planänderung war der Bau der Westtürme offensichtlich schon so weit fortgeschritten, dass ein Rückbau nicht mehr infrage kam. Vielleicht waren auch schon angrenzende Bauten, z. B. der Klausurwestflügel schon errichtet, was den Umbau sehr aufwändig gestaltet hätte. Wenn die Rekonstruktion von HOPF stimmen würde, wäre die Grundrissgestaltung des Westbaus schwer erklärbar.

Darüber hinaus belegen die im Fundamentbereich aufgefundenen Mauerzüge, dass der zugehörige Bau nach dem Schema des quadratischen Schematismus konzipiert wurde, zumindest bezüglich der Breiten von Mittelschiff und Seitenschiffen. "Der Querschnitt des älteren Baus entsprach also mit einem Verhältnis zwischen Seiten- und Mittelschiffweite von rd. 1:2 durchaus dem einer Normalbasilika"  [BECKER 1929, 611]. Das gebundene System ist vor dem 12. Jh. kaum nachzuweisen, womit auch aus diesem Grund die aufgefundenen Mauerzüge kaum ottonisch sein dürften.

Das Argument von HOPF, dass kein Ostabschluss des angeblichen Vorgängerbaus aufgedeckt wurde und damit der Dreiapsidenschluss nur zu dieser Kirche gehören kann, erledigt sich von selbst, wenn die Mauerzüge als Fundamente identifiziert werden.

 

 Erfurt, St. Peter, Grundriss: oben Bau I, unten Bau II. Entnommen aus [SCHÜTZ / MÜLLER, 274]

 

 Erfurt, St. Peter, Grundriss Westbau. Entnommen aus [BECKER 1929, 601], Ausschnitt

 

Etwaige Vorgängerbauten sind noch immer unbekannt. Nach den Quellen muss der ab 1103 errichtete Bau mindestens einen Vorgängerbau gehabt haben, die Kirche der um 1060 vertriebenen Kanoniker. Doch bis jetzt konnten keine Reste eines älteren Kirchenbaus entdeckt werden.

Bei den Grabungen von 1920/1921, die jedoch vorwiegend die Ostteile erfasste, wurde im Grundriss des bestehenden Baus kein Vorgängerbau aufgedeckt. Trotzdem vermutet man den Vorgängerbau der Peterskirche immer noch innerhalb des Grundrisses des stehenden Baus.

Ein solcher ist aber eher außerhalb des Grundrisses des bestehenden Baus zu suchen. Warum hätte man den zu nutzenden Bau durch die Jahrzehnte andauenden Baumaßnahmen beeinträchtigen und komplizierte Provisorien in Kauf nehmen sollen, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft genügend Fläche für einen Neubau zur Verfügung stand?

Da die Klausur des Neubaus auf der Nordseite errichtet wurde, ist der Vorgängerbau südlich des Neubaus zu suchen.

Ursprünglich glaubte man, dass durch die Baumaßnahmen im Zuge des Festungsbaus die Chancen für mögliche archäologische Funde gegen null gehen. Das hat sich zum Glück nicht bestätigt. Bei jüngeren Grabungen wurden sogar neolithische Funde auf dem Plateau gemacht.

Bemerkenswert ist ein Umstand, der m. E. bisher kaum Beachtung fand. Etwa 75 m südlich von der Peterskirche stand früher die Leonhardskirche, ein einfacher, in gotischer Zeit veränderter Saalbau. Sie wurde etwa zeitgleich mit der Peterskirche um die Mitte des 12. Jh. errichtet. Im 2. Weltkrieg wurde sie zerstört und danach die Reste abgerissen. Ihre ursprüngliche Lage ist heute durch die rekonstruierten Grundmauern und ein Hinweisschild markiert.

Könnte sie bzw. richtiger ein Vorgängerbau der gesuchte ältere Kirchenbau gewesen sein?

Wieso wurde etwa zeitgleich eine kleinere Kirche unweit der Peterskirche errichtet? Man muss bedenken, dass neben der Peterskirche etwa gleichzeitig der Dom und die zum Kloster St. Peter und Paul gehörende Nonnenklosterkirche mit dem Patrozinium St. Paul, der unmittelbare Vorgängerbau der Severikirche, im Bau waren. Für den Bau der Leonhardskirche müssen besondere Gründe vorgelegen haben. Ich denke nicht, dass die Funktion als Pfarrkirche, die die Leonhardskirche dann später innehatte, dafür die Erklärung ist.

Angenommen, die Leonhardskirche war der Vorgängerbau der Peterskirche. In diesem Fall ist für mich folgendes Szenario vorstellbar:

1. Zunächst wurde nach der Vertreibung der Kanoniker um 1060 deren Kirchenbau weitergenutzt, bevor man 1103 mit dem Neubau der Klosterkirche begann. (Ob diese Kirche wirklich von den Truppen Heinrich IV. zerstört wurde, ist nicht auszuschließen, aber auch nicht zwingend. Vielleicht sollte diese Nachricht auch den Neubau nachträglich rechtfertigen.)

2. Nach der Fertigstellung der Klosterkirche wurde der Vorgängerbau eigentlich nicht mehr benötigt. Üblicherweise wurde nach dem Neubau der Vorgängerbau dann abgebrochen. Die Auflassung einer Kirche war jedoch nicht so einfach, zumal das Patrozinium St. Leonhard im Neubau nicht übernommen wurde. Sie bedurfte der Amtshandlung des zuständigen Bischofs, hier des Mainzer Erzbischofs. Das    St.-Peter-und-Pauls-Kloster hatte sich einige Jahre zuvor von der Aufsicht des Mainzer Erzbischofs durch die Übernahme der Hirsauer Reform befreit - sicher nicht zur Freude des Erzbischofs, da dessen Machtstellung in Erfurt durch diesen Akt geschmälert wurde. Damit war die Unterstützung des Erzbischofs bei der Auflassung der alten Kirche nicht zu erlangen.

3. Somit blieb nichts anderes übrig, als die Kirche an dieser Stelle zu erhalten. Nach der Fertigstellung der Klosterkirche hat man die alte Kanonikerkirche umgebaut bzw. an deren Stelle den Neubau der bis 1945 erhaltenen Leonhardskirche errichtet.

Die spätere Nutzung als Pfarrkirche für den Sprengel am Hang und unterhalb des Petersberges bot sich deshalb regelrecht an, auch wenn die Lage der Pfarrkirche zum zugehörigen Sprengel nicht gerade optimal war, da die Nutzer der Kirche immer erst den Berg erklimmen mussten.

Vielleicht noch ein Indiz: Das Patrozinium St. Leonhard (Leonhard von Limoges, auch Leonhard von Noblat) verweist auf die Merowinger. Es könnte das Patrozinium der alten Kanonikerkirche gewesen sein (siehe unten: Abschnitt "Erfurter Datierungen in das 8. und 9. Jh."). 

 

Peterskirche und Severikirche - Kirchen des Doppelklosters St. Peter und St. Paul

Nach meiner Auffassung erfolgte die Klostergründung um 1060 als Doppelkloster St. Peter und St. Paul, wobei das Mönchskloster auf dem Petersberg und das Nonnenkloster am Fuß des heutigen Severihügels errichtet wurden. Die Klosterkirche der Mönche auf dem Petersberg hatte das Patrozinium St. Peter, das Nonnenkloster am Fuß des Berges das Patrozinium St. Paul.

Beide Kirchen sollen 1079/1080 durch die Truppen      Heinrich IV. zerstört  worden sein, weshalb sie daraufhin zwangsläufig einen Neubau erfuhren - sofern die Nachricht korrekt ist. Dass der Dom als eigentlich wichtigster erzbischöflicher Bau in der Nachricht nicht erwähnt wird, könnte für die Richtigkeit der Nachricht sprechen, da es den Dom zu dieser Zeit noch nicht gab.

Der 2005 entdeckte Vorgängerbau der Severikirche am Fuß des Severihügels war nach meiner Meinung dieses ehemalige Nonnenkloster St. Paul. Infolge der Translation der Severus-Reliquien erfolgte ein Patrozinienwechsel, d. h. aus St. Paul wurde St. Severi.

Sie ist natürlich keine karolingische Gründung, sondern ein Bau des beginnenden  12. Jh. und damit hochromanisch. Die Baugleichheit der Chorlösungen der Peterskirche (Dreiapsidenschluss, ab 1103) und der 2005 aufgedeckten Kirche (Dreiapsidenschluss, 12. Jh.) sehe ich als Indiz für die Zusammengehörigkeit.

Die Annahme eines Doppelklosters ist nicht neu. Schon ZIESCHANG [55] schreibt zur Severikirche Erfurt: "Dieses Monasterium war das Benediktinerinnen-Kloster St. Paul, Schwesterkloster der Benediktinerabtei St. Peter auf dem benachbarten Petersberg." Da er die Bemerkung im Zusammenhang mit der Reliquientranslation im Jahr 836 macht, sieht er offensichtlich eine Klosterkirche im 9. Jh. auf dem Petersberg, was ich jedoch grundsätzlich ausschließe.

Auch ERTHEL erwähnt die Möglichkeit eines Doppelklosters. „Das prägende Organisationsmodell für die Hirsauer Reform seit dem späten 11. Jahrhundert bis in die Zwanzigerjahre des 12. Jahrhunderts bildete das Doppelkloster“ [ERTHEL, 32].
Wikipedia zum Begriff Doppelkloster: „In Frankreich, Italien und dem späteren Deutschland erlebten die Doppelklöster ihre Blütezeit im 11. und 12. Jahrhundert. … Im 13. Jahrhundert wurden die Doppelklöster fast überall aufgegeben; eine der beiden Gemeinschaften verschwand oder wurde verlegt.“

Ein Beispiel aus England: Das Doppelkloster Wearmouth-Jarrow. Das Kloster in Wearmouth hatte das Patrozinium Peter, das Kloster in Jarrow St. Paul. Beide standen unter einer Leitung. Die Entfernung zwischen beiden betrug 6 oder 7 Meilen (Beda: in duobos locis posito uni monasterio).

Wie lange die Doppelkirchenfunktion bestanden hat, ist nicht klar. Spätestens im 13. Jh. dürfte diese Funktion aufgegeben worden sein. Die Suche nach einer neuen Funktion für die ehemalige Nonnenklosterkirche dürfte die Reliquientranslation der Severusreliquien ausgelöst haben.

Nach der Übertragung der Reliquien des hl. Severus wurde die ehemalige Nonnenklosterkirche in eine Stiftskirche umgewandelt.

Ich sehe die Übertragung der Reliquien des hl. Severus um die Mitte des 13. Jh., nicht im 9. Jh. wie die Schriftquelle vermitteln möchte. Ich denke, dass die Übertragung der Reliquien der Anlass für den Neubau der Severikirche ab 1275 war.

Dem widerspricht zwar, dass der Zusatz in der Weltchronik des Ekkehard von Aura, in dem die Severikirche erwähnt wird, nach WERNER schon 1150 erfolgt sein soll. Hier dürfte sich WERNER irren.

Wie oben bereits erwähnt, halte ich die Weltchronik insgesamt für ein Pseudepigraph späterer Zeit.

Ob der "Zusatz" wirklich ein Zusatz ist, oder von vorn herein hineinkomponiert wurde, ist hier relativ uninteressant.

Der Verbleib des Paulspatrozinium wäre noch anzusprechen. Ging das Paulspatrozinium dann auf die Pfarrkirche St. Paul über, von der heute nur noch der Turm steht? Die Pfarrkirche St. Paul wurde 1216 erstmalig erwähnt.

 

Topografie des Dom- und Severihügels

Die Topografie des Domhügels muss zur damaligen Zeit völlig anders ausgesehen haben. Da sich die Nonnenklosterkirche St. Paul, der Vorgängerbau der Severikirche, einschließlich Klausur (Möglicherweise sind Teile des heutigen Felsenkellers Reste der ehem. Klostergebäude) am Bergfuß befanden, muss das Geländeniveau im Bereich der heutigen Severikirche viel tiefer gelegen haben. Dann muss man von einem Einschnitt zwischen Dom und Severiwiese ausgehen, der in seiner Tiefe fast bis zum Niveau des heutigen Domplatzes reichte. Darüber hinaus ist zu beachten, dass sowohl das Gelände des Doms als auch das Gelände nördlich der Severikirche ca. 3 bis 3,5 m tiefer lag. Die 1992 aufgedeckte Westapsis des ältesten Vorgängerbaus lag in 3 m Tiefe. Die unmittelbar nördlich der Apsis der Severikirche Anfang der 60er Jahre erfolgten Grabungen haben die Reste eines Fachwerkbaus aus dem 10. Jahrhundert in 3,5 m Tiefe nachgewiesen [BEHM-BLANCKE, 264ff].

Die jetzige Topografie des Dombergs wurde erst im Zusammenhang mit dem spätromanischen Neubau des Doms ab 1154 für den südlichen Bereich und dem Neubau der Severikirche ab 1275 für den nördlichen Teil geschaffen. Mit der Errichtung der Geraden (Treppenanlage zwischen Dom und Severikirche) im 14. Jh. entstand das noch heute beeindruckende Ensemble beider Kirchen.

Auffällig ist bis heute, dass den zentralen Platz auf dem Domberg die Severikirche einnimmt. Der Dom "klemmt" sich an den südlichen Rand des Berges. Für die Erweiterung des Doms nach Osten durch den Hohen  Chor mussten die Kavaten angelegt werden, da der ursprüngliche Domhügel viel zu klein war. Auch für die Errichtung der Klausur auf der Südseite mussten große Substruktionen angelegt werden. Hieran ist noch die Ursprungssituation ablesbar. Als der Dom errichtet wurde, war nur noch der südlich gelegene Hügel verfügbar (Friedhof?). Der attraktivere Nordhügel war durch eine ältere Bebauung (10. Jh.) besetzt. Der zentrale Bereich war durch die bestehende Paulskirche (Severikirche) ebenfalls belegt.

Wenn der Dom die ältere Gründung wäre, wäre mit Sicherheit für diesen eine andere bauliche Lösung entstanden.

Ich sehe folgendes Szenario für den Dombau. Als das ehemalige bischöfliche Eigenkloster St. Peter und Paul unter hirsauische Leitung geriet, spätestens 1127 mit der Berufung des Hirsauer Mönches Wernher zum Abt, und damit direkt Rom unterstellt war, verlor der Erzbischof von Mainz seine einzige operative Basis in Erfurt. Er war sozusagen gezwungen, sich eine solche neu zu schaffen. Er errichtete auf dem einzigen freien Platz auf dem Domberg eine neue Kirche, den Vorgängerbau des heutigen Doms.

Vermutlich im Zusammenhang mit der Absicht des Erzbistums Mainz Erfurt zu einem Suffraganbistum zu erheben (siehe unten), war der begonnene Bau nicht repräsentativ genug. Um die Planänderung zu begründen, ließ man den begonnenen Bau "einstürzen", wobei ein tatsächlicher Einsturz nicht zwingend vorgelegen haben muss.

Für den jetzt bischöflichen Neubau hob man das Geländeniveau um ca. 3 m an.

 

Erfurter Datierungen in das 8. und 9. Jh.

Wie eingangs schon geschrieben, halte ich alle Schriftquellen vor dem 12. Jh. für Fälschungen. Genauso erachte ich die traditionelle Geschichte bis in das 13:/14. Jh. für konstruiert.

Es gibt nun für Erfurt einige wenige Datierungen in das 8. und 9. Jh., die ich nicht pauschal beiseitelassen kann, auch wenn ich selbst darüber noch leicht im Zweifel bin.

Folgende Datierungen möchte ich hier anführen:

·         Gründung des Bistums Erfurt (und Würzburg) im Jahr 743

·         Aufhebung des Bistums Erfurt im Jahr 750

·         Gründung des Stiftes Beatae Mariae Virginis im Jahr 752

·         Translation der Reliquien des hl. Severus im Jahr 836

Für das 8. und 9. Jh. sind diese Datierungen irrelevant, da die Geschichte unserer Region für diesen Zeitraum nachträglich konstruiert ist, d. h. weitestgehend frei erfunden.

Der Raum Erfurt gehörte nach der Beseitigung des Thüringer Königreichs zum Frankenreich. Das ist traditionelle Geschichte. Nun datierte das Merowingerreich spätantik/byzantinisch (Zur spätantiken/byzantinischen Datierung siehe meine Ausführungen zur Geschichte Mittelthüringens im Anhang.)
Es ergibt sich damit die Frage, ob die Datierungen in das   8./9. Jh. nicht vielleicht spätantik/byzantinisch sind, obwohl im 12. Jh. das Merowingerreich nicht mehr existierte und im 12. Jh. i. d. R. auch nicht  mehr spätantik datiert wurde.

Die o. a. Datierungen in das 8. Jh. sind traditionell mit der Person des Bonifatius verbunden. Diese Verknüpfung erachte ich jedoch für nachträglich erfunden, wie ich generell die Person des Bonifatius für frei erfunden halte.

Falls die Datierungen spätantik/byzantinisch sind, können sie in die heute gültige Zeitrechnung umgerechnet werden. Damit ergeben sich folgende vielleicht verblüffende neue Datierungen:

·         Gründung des Bistums Erfurt (und Würzburg) im Jahr 1161

·         Aufhebung des Bistums Erfurt im Jahr 1168

·         Gründung des Stiftes Beatae Mariae Virginis im Jahr 1170

·         Translation der Reliquien des hl. Severus im Jahr 1254

Die Jahreszahlen 1161 bis 1170 passen sicher gut zum Domneubau ab 1154.

Erfurt war seit der Merowingerzeit dem Bistum Mainz unterstellt. Die Gründung eines Bistums Erfurt im Jahr 1161 ist durchaus denkbar, natürlich ohne eine Mitwirkung des fiktiven Bonifatius. Ich sehe die Erhebung des Bistums Mainz zum Erzbistum in der 1. Hälfte des 12. Jh., womit das Recht der Gründung von Suffraganbistümern verbunden war (siehe Abschnitt Magdeburg, Dom).

Nach der Erfurter Bistumsgründung hat man sich vermutlich die Angelegenheit noch einmal durch den Kopf gehen lassen und entschieden, auf dieses Bistum doch zu verzichten. Schließlich war der Erzbischof von Mainz Grundherr von Erfurt. Einen vielleicht irgendwann renitenten Bischof in der eigenen Stadt musste er sich nicht antun. Die Gründung des Bistums Würzburg sehe ich auch im 12. Jh., so dass die Gründung im Jahr 1161 nicht unrealistisch erscheint.

Das Jahr für die Reliquientranslation des hl. Severus 1254 korrespondiert auffällig mit dem ab 1275 erfolgten Neubau der Severikirche.

Es gibt noch ein m. E. bemerkenswertes Detail zur Peterskirche. Nach einer in die Abschrift der Annalen des Hersfelder Mönches Lampert um 1110/1131 eingefügten Nachricht erfolgte die Gründung des Petersklosters durch König Dagobert im Jahr 706 auf dem Berg der Merwigsburg hieß.

Diese Nachricht wurde bisher als falsch angesehen, da im Jahr 706 kein König Dagobert bekannt ist. Die traditionelle Forschung beschäftigte sich ausgiebig mit der Frage, ob es in Erfurt schon im Frühmittelalter ein Kloster auf dem Petersberg gab, und kam zu dem Schluss, dass es vor 1060 ein solches einfach nicht gab [WERNER, 44ff]. Damit hatte sich die weitere Beschäftigung mit der Nachricht erledigt.

Ich möchte das Thema erneut aufgreifen, zumal ganz aktuell ERTHEL in seinem Aufsatz die Dagobert-Skulptur im Bereich des ehemaligen Westportals der Peterskirche erwähnt, womit man den vermeintlichen Gründer verehrte [29].

Den Herren ist vielleicht zu helfen. Bei Anwendung der HEINSOHN-These  herrschten die Merowinger bis zum Jahr 1057 (Siehe dazu meine Ausführungen zur Geschichte Mittelthüringens im Anhang.). Der letzte Merowingerherrscher war König Dagobert I., der 1057 starb. Vor der Gründung des Klosters St. Peter und Paul "um 1060" soll auf dem Petersberg ein Kanonikerstift bestanden haben, dessen Kanoniker vom Erzbischof für seine neue Klostergründung verjagt worden sein sollen. Dessen Gründung ist also früher erfolgt - vielleicht zur Lebenszeit von Dagobert I. Eine Mitwirkung von König Dagobert an der Klostergründung ist damit nicht ausgeschlossen.
Das in der Urkunde des 12. Jh. genannte Jahr 706 ist dafür jedoch zu spät. Angenommen, diese Datierung ist merowingisch/spätantik/byzantinisch, so ergibt sich korrigiert das Jahr 1124 und damit deutlich zu spät für die Gründung des frühen Kanonikerstifts. Möglicherweise ist dem Verfasser der Notiz bei der Jahreszahl ein Fehler unterlaufen.

Nach dem Tod von König Dagobert im Jahr 1057 waren die Herrschaftsverhältnisse im Frankenreich zunächst ungeklärt. Das entstandene Machtvakuum wurde vom Erzbischof von Mainz ausgenutzt, indem er die Stadt Erfurt dem Erzbistum einverleibte. Das traditionelle Datum um 1060 würde auch hier passen.

Eine Merowingerburg auf dem Petersberg um 1060 wäre zwar denkbar aber ich glaube nicht sehr wahrscheinlich. Wer sollte auf dieser Burg residiert haben? Wer sollte sie verteidigt haben, gegen wen? Merowingische Truppen gab es in Erfurt sicher nicht. Vielleicht bringen künftige Grabungen hierzu neue Erkenntnisse. Die karolingische Pfalz wird ja auch noch gesucht.

 

 

Literatur:

 

Altwein, Roland (2015): Petersberg, in: Erfurt und Umgebung. Archäologische Denkmale in Thüringen, Band 3, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, 112-120

Archäologischer Wanderführer Thüringen (2005). Heft 6, Stadt Erfurt, Landesamt für Archäologie, Weimar

Becker, Karl (1920): Ausgrabungen in der ehemaligen Peterskirche zu Erfurt, in: Die Denkmalpflege 22 Jg. (1920), 91-92

Becker, Karl (1929): Ehemaliges Peterskloster, in: Die Kunstdenkmale der Provinz Sachsen. Die Stadt Erfurt, Bd.1: Dom, Severikirche, Peterskloster, Zitadelle, 531-643

Behm-Blancke, Günter (1961): Aufgaben und erste Ergebnisse der Stadtkernforschung in Erfurt. In: Ausgrabungen und Funde 6, 256-266. Berlin

Bornschein, Falko (nach 1998): Nutzungsgeschichte des "Felsenkellers im Bereich Severigarten/Severiwiese" (Flyer)

Dehio, Georg (1998): Thüringen. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler.

Erthel, Tim (2015): Bauhistorische Untersuchungen zu den Westtürmen und der Vorkirche von St. Peter und Paul in Erfurt. In: Die Klosterkirche St. Peter und Paul in Erfurt. Neue Forschungen zu den Wandmalereien und zur Baugeschichte. Berichte der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Band 13, 25-35

Hopf, Udo (2015): Die Bau- und Nutzungsgeschichte der Klosterkirche - Forschungsüberblick und neue Erkenntnisse. In: Die Klosterkirche St. Peter und Paul in Erfurt. Neue Forschungen zu den Wandmalereien und zur Baugeschichte. Berichte der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Band 13, 12-24

Lehmann, Edgar / Schubert, Ernst (1988): Dom und Severikirche zu Erfurt. Leipzig

Pflüger, W. (1893): Die Chronik des Ekkehard von Aura. Leipzig, 28

Schütz, Bernhard / Müller, Wolfgang (o. J.): Deutsche Romanik. KOMET

Sczech, Karin (2006): Ein bisher unbekannter Kirchenbau am Fuße des Erfurter Domberg. Archäologie Online : Magazin : Fundpunkt. 07.02.2006

- (2007): Die mittelalterliche Stadtentwicklung Erfurts nach den archäologischen Befunden. In: Entstehung und Wandel mittelalterlicher Städte in Thüringen. Berlin, 112-126

- (2015): Domberg, in: Erfurt und Umgebung. Archäologische Denkmale in Thüringen, Band 3, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, 121-125

Werner, Matthias (2004): Gab es ein klösterliches Leben auf dem Petersberg schon im Frühmittelalter? In: 700 Jahre Erfurter Peterskloster. Geschichte und Kunst auf dem Erfurter Petersberg 1103-1803. Jahrbuch der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Forschungen und Berichte zu Schlössern, Gärten, Burgen und Klöstern in Thüringen, Bd. 7, Regensburg

Zieschang, Wolfgang (1984): Turmgekröntes Erfurt. Die zehn katholischen Stadtkirchen. Leipzig

 


 

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 02.04.2019

 

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