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Halberstadt, Dom St. Stephan und St. Sixtus

Der Dom zu Halberstadt ist von ganz besonderem Interesse. Zum einen blickt er traditionell auf eine bis in die frühe Karolingerzeit reichende Vergangenheit zurück, zum anderen lieferten die nach dem 2. Weltkrieg erfolgten umfangreichen Grabungen einen großen Erkenntnisgewinn. Die Veröffentlichung der Grabungsergebnisse und deren Interpretation erfolgte erst 1984 durch LEOPOLD und SCHUBERT, ca. 30 Jahre nach Abschluss der Grabungen.

 

Schriftquellen zur Frühgeschichte

Bei ihrer Rekonstruktion der frühen Baugeschichte des Halberstädter Doms stützen sich LEOPOLD und SCHUBERT maßgeblich auf die überkommenen Schriftquellen. Die Quedlinburger Annalen, den Annalista Saxo und die Halberstädter Bischofsgeschichte (Gesta episcoporum Halberstadensium), die von LEOPOLD und SCHUBERT als wichtigste Quellen für die Ersterwähnung gesehen werden, berichten u. a. weitgehend übereinstimmend, dass Karl der Große persönlich 781 das Bistum Halberstadt gegründet habe. Auch wenn sich LEOPOLD und SCHUBERT von dieser Gründungslegende distanzieren, folgen sie dann doch den schriftlichen Nachrichten und schließen auf das Vorhandensein eines Kirchenbaus im Jahr 814. Für das Jahr 827 sei dann der Halberstädter Dom erstmals literarisch bezeugt. Im Jahr 965 soll der karolingische Dom eingestürzt sein, was in der Gesta und im Annalista Saxo als auch von Thietmar berichtet wird. LEOPOLD und SCHUBERT bezweifeln den Einsturz, sehen jedoch ab 965 einen Neu- oder Umbau. Sie halten Bischof Bernhard für den Initiator, obwohl die Gesta Bischof Hildeward als Erbauer nennt. Zu diesem Neu- oder Umbau existiert eine Weihenachricht von 974, die LEOPOLD und SCHUBERT auf die Krypta beziehen. Eine weitere Weihenachricht gibt es für das Jahr 992, worin LEOPOLD und SCHUBERT die Schlussweihe sehen. Für das Jahr 980 wird eine Translation von Stephansreliquien erwähnt. Für das Jahr 1060 wird ein schwerer Brand berichtet. 1071 erfolgte die Wiedereinweihung des Doms. [LEOPOLD / SCHUBERT,11ff]

Die von LEOPOLD und SCHUBERT angeführten Schriftquellen sind ausnahmslos im 12. Jh. bzw. später entstanden. Wie in den Vorbemerkungen bereits ausgeführt, ist die karolingische und ottonische Geschichte konstruiert,    d. h. erfunden, indem die "geschichtsleere" Zeit nachträglich mit "Geschichte" gefüllt wurde.

Unabhängig von der zu diskutierenden zeitlichen Einordnung haben die Grabungen jedoch eindeutig einen stattlichen Vorgängerbau nachgewiesen. Bevor ich eine Neuinterpretation der Grabungsergebnisse von LEOPOLD / SCHUBERT versuche, möchte ich diese zunächst kurz vorstellen. JACOBSEN übernimmt in [JACOBSEN / SCHAEFER / SENNHAUSER, 160ff] i. W. die Rekonstruktionen von LEOPOLD / SCHUBERT.

 

Grabungsergebnisse von LEOPOLD / SCHUBERT

Aufgrund der erheblichen Zerstörungen, die der Halberstädter Dom im 2. Weltkrieg erlitten hat, ergab sich die einmalige Gelegenheit zu umfangreichen Grabungen zur Erforschung seiner Baugeschichte. Die Ergebnisse der Grabung wurden erst ca. 30 Jahre später von LEOPOLD und SCHUBERT veröffentlicht. Danach ist die Baugeschichte des Halberstädter Doms schon beeindruckend. Unter dem Dom wurden angeblich die Fundamente mehrerer vorromanischer Vorgängerbauten ergraben.

Die Grabungsergebnisse und ihre Interpretation durch LEOPOLD und SCHUBERT in Kurzform (Alle Grundrisse aus [LEOPOLD / SCHUBERT 27 und Beilagen])
 

Die Kirche Hildegrims I. (Bau Ia)

3-schiffiger Bau, 33 m x 21 m, um Mauerstärke eingezogene Apsis(?), Datierung um 800

 

 

Die Erweiterung Thiatgrims (Bau Ib)

neues 3-teiliges Sanktuarium mit tonnengewölbter Kammerkrypta und seitlichen Zugangsstollen. Unmittelbar westlich der Kirche in einem Gräberfeld weitere kreuzförmige Kirche über einem ausgezeichneten Grab. Datierung vielleicht noch vor 827.

 

 

Der Umbau Heimos und Hildegrims II. (Bau Ic)

umfassender Umbau, der einem Neubau gleichkam, anstelle der kleinen westlichen Kirche ein „Westwerk“ mit einem mittleren quadratischen Raum und schmalen Anräumen im N, S und W, und Altar über dem o.a. Grab, östlich vor dem Altar Taufe, im O durchlaufendes Querhaus, apsidial geschlossener Chor, um den Chor Ringstollen einer wahrscheinlich 2-geschossigen Außenkrypta mit 2 seitlichen Altarräumen und kreuzförmiger Scheitelkapelle, dieser gegenüber Mittelstollen unter den Chor bis zu einer Grabkammer (vermutlich Heiligengrab). Datierung bis 859.

 

 

 

Der Neubau Bernhards und Hildewards (Bau IIa)

Geringfügige Verlängerung des Langhauses, strengere Rhythmisierung des Langhauses (Pfeiler-Säulen), neuer Westbau als „Westwerk“ mit Treppentürmen, mittlerem Westeingang und Seitenemporen, Neubau der Ostteile als Kopie des Vorgängerbaus, Aufgabe der westlichen Grabkammer. Datierung 974 und 992 (Weihedaten)

 

 

Reparatur nach 1060 / Liudgerkapelle (Bau IIb)

nach Stadtbrand von 1060 ab 1071 Liudgerkapelle, am Dom scheinbar keine großen Schäden

 

Reparatur nach 1179 (Bau IIc)

nach Zerstörung Halberstadts durch Heinrich den Löwen, Dom schwer beschädigt, Wölbung des Querhauses, Auswechslung von Stützen im Langhaus, Wölbung des Mittelschiffs nach Fertigstellung des Fußbodens (?) Weihe 1220

 

 

 

Neuinterpretation der Grabungsergebnisse

Bei meiner früheren alternativen Rekonstruktion (siehe 1. Auflage) hatte ich noch versucht, aus den schriftlichen Zeugnissen wahre und unwahre Nachrichten zu filtern. Nach meinem heutigen Erkenntnisstand ein Unterfangen, das zwangsläufig scheitern musste. Nun folgend ein neuer Versuch.

Die reinen bauarchäologischen Untersuchungen sind sicher kaum anzuzweifeln. Dagegen deren Interpretation sowie die zeitliche Einordnung der Bauphasen schon. Ab der bisherigen Bauphase Ic schlage ich im Folgenden eine Neuordnung der Bauphasen vor.

Bau Ia/Ib:

Der Bau Ia ist der erste Kirchenbau am Standort und dürfte um die Mitte des 11. Jh. errichtet worden sein. Dessen Ostteile wurden schon kurze Zeit später zu einem dreizelligem Bau inklusive Krypta (Bau Ib) umgebaut. Im mittleren Kryptenraum von Bau Ib wurde eine Altarstelle archäologisch nachgewiesen. Diese kann auch nicht in späterer Zeit eingerichtet worden sein, da beim Folgebau die gesamte Krypta wieder aufgegeben wurde.

Altäre in Krypten wurden erst in späterer Zeit angeordnet. Die frühen Krypten dienten der Präsentation von Heiligengräbern (i. d. R. Ganzkörperreliquien) und hatten keine Altarstellen. Jedoch schon nach relativ kurzer Zeit waren solche Reliquien aufgrund des gewachsenen Bedarfs auf dem "Markt" nicht mehr erhältlich. Nach dem Prinzip "Hoffnung" errichtete man zunächst trotzdem weiter entsprechende Räume. Nachdem sich die Hoffnung zerschlagen hatte, funktionierte man die nunmehr vorhandenen Räume zu normalen Kulträumen für private Messen etc. um. Dafür war das Vorhandensein eines Altars unumgänglich.

Damit ist der Bau Ib in die spätere Kryptenentwicklung einzuordnen, d. h. in die Zeit frühestens um 1050.

Auch die kleine kreuzförmige Grabkapelle (Trikonchos?), in der ich die Grablege des Eigenkirchenherrn/Stifter (?) sehe,  datiert frühestens in die 2. Hälfte des 11. Jh.

Bau IIa (ehemals Bau Ic):

Bei der Datierung von Bau Ib in die 2. Hälfte des 11. Jh. erscheint die Datierung des nachfolgenden Baus IIa etwas schwierig. Die von LEOPOLD / SCHUBERT rekonstruierte Bauphase Ic enthält neben dem Umbau des Sanktuariums auch die Errichtung einer Umgangskrypta mit einem Heiligengrab. Nun werden Ring- bzw. Umgangskrypten jedoch traditionell einer viel früheren Zeit zugerechnet. Nach traditioneller Sicht macht die Datierung solcher Anlagen in das Ende des 11. /Anfang des 12. Jh. Probleme.

Der Widerspruch ist jedoch nur scheinbar. Ringkrypten, wozu solche Umgangskrypten gehören, wurden bei Vorhandensein bedeutender Ganzkörperreliquien auch in späterer Zeit noch errichtet. So entstammt nach BRAUN die Ringkrypta in S. Apollinare in Classe erst dem 12. Jh. [BRAUN, 573].

Übrigens habe ich durch Umrechnung des traditionellen (antiken) Weihedatums die Weihe von S. Apollinare in Classe in das Jahr 1251 datiert [MEISEGEIER 2017, 112], wozu die Errichtung der Ringkrypta im Jahr 1173 gemäß einer Inschrift [BRAUN, 573] durchaus passen könnte.

Ähnliche Kryptenanlagen, die sie einer zusammen-gehörenden Gruppe zuordnet, beschreibt CLAUSSEN in ihrem Beitrag „Spätkarolingische Umgangskrypten im sächsischen Gebiet". Zu diesen Bauwerken zählen u.a. Saint-Philbert-de-Grand-Lieu, Flavigny, St. Germain in Auxerre, Hildesheim (Dom) und Corvey. Sie erwähnt in ihrem Artikel auch Halberstadt. Die neuere Forschung hat Saint-Philbert-de-Grand-Lieu und Flavigny schon in das frühe 11. Jh. gerückt [JACOBSON, 290ff]. Für meine Begriffe immer noch zu früh, aber schon besser als in spätkarolingische Zeit.

Die Errichtung einer Ringkrypta war anscheinend kein Entwicklungsstadium der Bauform "Krypta", sondern hing von der Verfügbarkeit von entsprechenden Reliquien ab.

Der Umbau der Ostteile in Halberstadt dürfte an das Ende des 11. Jh. bzw. an den Beginn des  12. Jh. zu datieren sein.

Das Sanktuarium wurde damals offenbar komplett umgebaut. Der ursprünglich gerade geschlossene Chor mit der darunter befindlichen Kammerkrypta wurde durch ein durchlaufendes Querhaus einen Chor mit Apsis ersetzt. Gleichzeitig soll eine Umgangskrypta mit einem Heiligengrab errichtet worden sein.

Zunächst einmal, ich denke, dass die Errichtung des neuen Chores und die Errichtung der Kryptenanlage nicht unmittelbar zusammengehören. Nach meiner Ansicht hatte der erweiterte Bau zunächst keine Krypta. Veranlassung für diesen Umbau dürfte einfach der erhöhte Platzbedarf im Chorbereich gewesen sein.

Bau IIb:

Der Einbau der Umgangskrypta dürfte nur wenig später erfolgt sein, d. h. in der 1. Hälfte des 12. Jh. Das nachträgliche Einbringen des Mittelstollens ist archäologisch nachgewiesen. Die Grabkammer ist ebenfalls archäologisch nachgewiesen und befand sich westlich der Stirnwand des Mittelstollens. Vor dieser Stirnwand waren zwei Stufen angeordnet. Eine Fenestella in dieser Stirnwand ist höchstwahrscheinlich. Möglicherweise war die Erstanlage ein originäres Altargrab, d. h. es gab eine unmittelbaren Bezug zum darüber angeordneten Hauptaltar. Der Zugang zum Mittelstollen mit der Fenestella erfolgte über einen außenliegenden Umgang. Die seitlichen Umgangsstollen, deren Eingänge sich im Querhaus befanden, endeten in apsidial geschlossenen kleinen Kapellen. Östlich vor dem Apsisscheitel war eine kreuzförmige Scheitelkapelle angeordnet, die vom Umgangsstollen aus zugänglich war.

Es ist eindeutig, Veranlassung für die Errichtung der Krypta war die Anlage eines Heiligengrabes. Man könnte fast meinen, dass die Bemühungen um Reliquien doch noch erfolgreich waren. Für Halberstadt ist jedoch die Verehrung eines besonderen Heiligen nicht überliefert. Welchen Heiligengebeinen galt die Anlage?

Meines Erachtens galt das Heiligengrab dem fiktiven Bischof Bernhard, der angeblich von 926 bis 968 Bischof von Halberstadt gewesen sein soll.

Vermutlich beabsichtigte man die Heiligsprechung von Bischof Bernhard, welche aber nie stattfand, weshalb das "Heiligengrab" bald in Vergessenheit geriet.

Ich sehe in Halberstadt ein gleiches Szenario wie in Hildesheim (St. Michael), dort für Bischof Bernward, nur dass in Hildesheim die Heiligsprechung Bernwards 1192 gelang.

In Hildesheim wurde für Bernward ein gesonderter Westchor errichtet. Sein Sarkophag ist in einer Umgangskrypta unter dem Westchor aufgestellt. Der Sarkophag Bernwards, zumindest der skulptierte Deckel  und die Inschrift auf dem Sarkophagrand entstammen mit Sicherheit erst dem ausgehenden 12. Jh.

Die Planänderung in Hildesheim zum Bau des Westchors erfolgte wahrscheinlich um 1160. Der Gesamtbau wurde nach meiner Rekonstruktion um 1186 fertiggestellt und geweiht [MEISEGEIER 2017, 254ff].

Das könnte bedeuten, dass die Idee der Aufwertung des Kirchenbaus durch ein Heiligengrab möglicherweise aus Halberstadt stammt und Hildesheim als Nachahmer zu sehen ist. Im Unterschied zu Halberstadt entschied man sich in Hildesheim für die Errichtung eines Stifterchores. Die Anlage eines Heiligengrabes im Chor erscheint auch als die ältere Bauform gegenüber dem Westchor.

Ganz ausschließen kann ich nicht, dass Halberstadt der Nachahmer war. In diesem Fall würde sich der Einbau der Halberstädter Krypta aber an das Ende des 12. Jh. verschieben, was ich doch für zu spät erachte.

Beim Einbau der Krypta unter dem Chor, musste das Chorniveau um 10 Stufen angehoben werden.

Die von LEOPOLD / SCHUBERT rekonstruierte Doppel-geschossigkeit der Außenkrypta sehe ich nicht. Die Türöffnungen im Süden und Norden auf dem Niveau des Chorraumes führten nicht zu einem Obergeschoss der Außenkrypta, sondern zu zwei Chornebenräumen, die über die Länge der Chorseitenwände oberhalb des Kryptenumgangs angeordnet waren. Diese Chornebenräume dürften als Sakristei und Schatzkammer gedient haben. Eine Verbindung zur Krypta dürften diese Räume nie besessen haben. Möglicherweise wurden die Chornebenräume erst nachträglich auf dem bereits vorhandenen Kryptenumgang errichtet.

Übrigens wurden in den Stiftskirchen in Gernrode und in Quedlinburg Mitte des 12. Jh. ebensolche Räume errichtet [MEISEGEIER 2018, 38ff].

Nach JACOBSEN wurde vor dem Umbau der Ostteile der Westbau errichtet. Er ersetzte die ehemalige Grabkapelle (Trikonchos?).

Der Westbau hatte nach LEOPOLD / SCHUBERT ein höher gelegenes Raumkompartiment. Ob von einem Obergeschoss gesprochen werden kann, ist zweifelhaft. JACOBSEN spricht von einem Untergeschoss, "... als separater Sakralraum mit dem beibehaltenen Grab des ehem. "Trikonchos" ausgebildet" [JACOBSEN / SCHAEFER / SENNHAUSER, 162].

VON SCHÖNFELD DE REYES [83], verneint ein Obergeschoss und verweist auf die besondere liturgische Bedeutung des Erdgeschosses infolge der zentral gelegenen, podiumsartig erhöhten Grabanlage.

Aufgrund des Altars über dem Stiftergrab dürfte der zentrale Raum des neuen Westbaus als Stifterchor fungiert haben.

Ein Obergeschoss ist m. E. auszuschließen, da es keine Hinweise auf Treppentürme, Treppenanlage o. ä. gibt.

Weiterhin wurde die Taufanlage, die ursprünglich im Langhaus angeordnet war, in diesen zentralen Raum verlegt.

Möglicherweise wollte man den Laienbereich mit der Taufe, der sich zuvor im Langhaus befand (Bau Ib), dort heraus haben. Der erhöhte Platzbedarf ergab sich möglicherweise aus der Funktion als Bischofskirche.

Die Nord- und Südwand des Westbaus waren zueinander nicht parallel, sondern waren nach Westen zu zur Mittelachse verschwenkt, so dass die Westseite schmaler war, als das ursprüngliche Langhaus. Irgendwelche Zwänge dafür sind nicht auszumachen.

Bau IIc (ehemals Bau IIa):

Sicher nur kurze Zeit später, im 12. Jh., ging man daran, das Langhaus komplett umzugestalten. Die Langhausarkaden erhielten jetzt einen einfachen Stützenwechsel (Unverständlich für mich ist, dass JACOBSEN hier von einem sächsischen Stützenwechsel spricht, obwohl LEOPOLD / SCHUBERT nichts dergleichen erwähnen.).

Auch wurde das Langhaus etwas verlängert. Die Mitte des Langhauses markierte ein größerer längsrechteckiger Pfeiler (analog Gernrode).

Dass die Ostteile als exakte Kopie des Vorgängerbaus neu errichtet worden sind, halte ich für eine Fehlinterpretation von LEOPOLD / SCHUBERT. Aus welchen Gründen sollte man so verfahren? Es wäre widersinnig.

Die Höherlegung des Chorniveau hatte ich bereits erwähnt. Sie gehört zum Einbau der Umgangskrypta (Bau Ic).

Es gab anscheinend nun eine weitere Änderung im Chorbereich. Aus dem bei LEOPOLD / SCHUBERT beigelegten Grundriss zu Bau IIa ist zu entnehmen, dass im Bereich der ursprünglichen Grabkammer des Heiligengrabes eine Chortreppenanlage eingebaut wurde. Damit musste die Grabanlage eine Änderung erfahren, da durch die Chortreppe die Grabkammer angeschnitten wurde.

Vermutlich hat man jetzt die unmittelbare Verbindung zwischen Hochaltar und Grab aufgelöst.

Der Sarkophag mit den Gebeinen des vermeintlichen Heiligen kam jetzt frei im Mittelstollen der Krypta zur Aufstellung.

Dieser Sarkophag dürfte der zwischen Schuttresten des 14. Jh. aufgefundene angeblich frühmittelalterliche Sarkophag gewesen sein, der infolge seiner Deckelinschrift die Zuordnung zu Bischof Bernhard (926-968) vorgibt.

Ob die Gebeine schon zuvor in dem Sarkophag gebettet waren, d. h. in der nicht zugänglichen Grabkammer, oder erst jetzt in einen neu angefertigten Sarkophag (mit Deckelinschrift) gebettet wurden, ist nicht eindeutig zu entscheiden.

Im ersteren Fall war der Sarkophag - da nicht sichtbar aufgestellt - sicher noch ohne Inschrift, sondern nur mit einem Vortragekreuz skulptiert. Die Inschrift wäre dann nachträglich aufgebracht worden.

Der fast gleiche Sarkophag in Quedlinburg spricht eher für die Neuanfertigung beider Sarkophage um die Mitte des 12. Jh.

Der erst kurz zuvor errichtete Westbau von Bau IIb musste zugunsten eines neuen Westbaus weichen.

Die Westbau-Rekonstruktion von LEOPOLD und SCHUBERT [54ff] sieht hier in Verlängerung des Langhauses wieder ein "Westwerk" mit Stützen in Fortsetzung der Mittelschiffsarkaden, wobei die Stützen in diesem von ihnen archäologisch nicht nachgewiesen werden konnten.

Sie gingen von einem Obergeschoss aus, das sie aus den Schriftquellen erschlossen. Der neue Westbau hatte nach der Rekonstruktion von LEOPOLD / SCHUBERT zwei Treppentürme, einen mittleren Westeingang und Seitenemporen.

JACOBSEN: "Der durch Arkaden von den drei Langhausschiffen abgeschiedene Westbau nicht als Westquerhaus anzusprechen, auch wenn er in seinem Zentrum mit Sixtusaltar über dem beibehaltenen "Trikonchos"-Grab in den Quellen als "Chor" bezeichnet wird. Eher als westwerkähnlicher Memorialraum zu deuten. Davor Doppelturmfassade mit zwischenliegendem Mittelraum; im Obergeschoß nach Auskunft der Quellen ein Erzengelaltar." [JACOBSEN / SCHAEFER / SENNHAUSER, 163]

Auch VON SCHÖNFELD DE REYES [92f] hält die Fortsetzung der Mittelschifffluchten für möglich. Sie verweist darauf, dass sowohl in Minden als auch in Werden die Mittelschifffluchten fortgesetzt sind, was für Halberstadt auch zu bedenken wäre.

Die Rekonstruktion des Westbaus durch LEOPOLD und SCHUBERT [56] analog St. Pantaleon in Köln kann sie jedoch nicht nachvollziehen.

Ob das Grab in diesem Bau wirklich beibehalten wurde, halte ich für zweifelhaft. Vielleicht wurde die ursprünglich im "Trikonchus" und dem Vorgängerwestbau verehrte Bestattung in die Umgangskrypta verlegt und als die Bischof Bernhards ausgewiesen (reine Spekulation).

Vielleicht irren meine Vorautoren auch mit ihren Rekonstruktionen des Westbaus. Denkbar wäre für mich eher, dass eine Westbaulösung ähnlich St. Peter und Paul in Hirsau bzw. Paulinzella vorgesehen war, also eine im Abstand vor dem Langhaus frei stehende Doppelturmfassade sowie dazwischen eine Vorkirche. Dort wird von der Forschung die Vorkirche als Vorhalle bezeichnet, was m. E. den Bautyp nicht richtig interpretiert.

Vorläufer dieser Westbaulösungen dürften die burgundischen Vorkirchen der ehemaligen Klosterkirche Romainmôtier (Schweiz) und von St. Philibert in Tournus (Burgund) sein. Beide sind traditionell zu früh datiert. Die Errichtung beider Bauten sehe ich erst um 1100. Diese Vorkirchen hatten über dem westlichen Joch der Seitenschiffe nur kleine aufgesetzte Türmchen (in Tournus das südliche erhalten). Bei den Nachfolgern in Hirsau und Paulinzella sowie in Halberstadt sind die Türme bis zum Fundament konstruktiv als Türme ausgebildet.

Ich sehe hier eine Entwicklungslinie von der Vorkirche mit aufgesetzten Türmchen im Westen (um 1100) über voll ausgebildete Türme im Westen und anschließender Vorhalle (1. H. 12. Jh.) bis zur Doppelturmfassade, bei der die Vorkirche entfällt und das Langhaus sich an die Westtürme heranschiebt (2. H. 12. Jh.). Die Herleitung des Tournus-Westbaus von den syrischen Kirchen ist definitiv falsch. Die syrischen Kirchen wurden erst im 12. Jh. errichtet (siehe [MEISEGEIER 2017, 82f]). Umgekehrt, eine Herleitung dieser von der Romanik Burgunds ist eher nachvollziehbar.

Ob die Vorkirche in Halberstadt auch ein Obergeschoss hatte, wie das schweizerische Beispiel, oder nur den offenen basilikalen Aufbau wie Hirsau und Paulinzella, muss hier offen bleiben.

Ich bin jedoch der Meinung, dass in diesem Bauabschnitt nur die Fundamente und vielleicht noch die Grundmauern für den sog. Westbau angelegt worden sind.

(ehemals Bau IIb):

Der ehemals als Bau IIb bezeichnete Bauabschnitt ist anscheinend keine Bauphase für den Kirchenbau.

Die Liudgerkapelle ist sicher ein Bau des 12. Jh. Vielleich eine Doppelkapelle für Privatmessen des Bischofs ähnlich den Kapellen in Mainz und Speyer. Siehe auch [MEISEGEIER 2017, 181ff].

Bau IId (ehemals Bau IIc):

Der letzte Umbau in romanischer Zeit soll nach der Zerstörung Halberstadts durch Heinrich den Löwen im Jahr 1179 erfolgt sein. Ob diese wirklich stattgefunden hat, soll hier nicht diskutiert werden. Neben der angeblichen Beseitigung von Schäden sollen das Querhaus und das Mittelschiff eingewölbt worden sein. Weihe 1220.

Lässt man die Beseitigung der "Schäden" außen vor, bleiben die Einwölbung von Querhaus und Langhaus.

Diese Bauphase dürfte unmittelbar zur Bauphase Bau IIa gehören. Dort war der Umbau des Langhauses begonnen worden. Vermutlich noch vor Abschluss der Baumaßnahmen am Langhaus erfolgte eine Planänderung, indem man nun die Einwölbung von Chor und Langhaus anging.

Denkbar ist, dass diese Baumaßnahme 1220 fertiggestellt war und damit der Innenraum 1220 geweiht werden konnte.

Nach meiner Auffassung waren die Bauarbeiten am "Westbau" bis dahin nicht weitergeführt worden. 

Ab 1239 soll der heute noch stehende, i. W. gotische Bau errichtet worden sein. Verwundert ist man darüber, dass der Neubau damals mit dem Westbau begonnen wurde.

Dass die Weihe 1220 stattfand, heißt nicht zwangsläufig, dass der Bau komplett vollendet war. Nein, die Bauarbeiten wurden fortgesetzt, jetzt am noch ausstehenden "Westbau" und der Klausur, wobei ich denke, dass vom "Westbau" zunächst nur die unteren Geschosse der Doppelturmfassade errichtet wurden.

Bei der bisherigen Rekonstruktion der Baugeschichte war schon verwunderlich, dass statt an der Kirche zu bauen, zunächst große Teile der Klausur und der gesamte Kreuzgang erneuert wurden.

Zur Fertigstellung des Bau IIc fehlte immer noch die Vorkirche. Ich denke, dass der traditionelle Termin 1239 für den Beginn des gotischen Neubaus nur der Termin für die vorläufige Beendigung der Baumaßnahmen war. Weder waren die Doppelturmfassade noch die Vorkirche fertiggestellt.

Vermutlich begannen zu diesem Zeitpunkt die Überlegungen für den gotischen Neubau/Umbau, weshalb man zunächst alle Bauarbeiten einstellte.

Es ging erst in den 60er Jahren des 13. Jh. weiter, jetzt mit der Vorkirche.

SCHUBERT: "Die aufgerissene Lücke zwischen dem neuen Westriegel und dem ottonischen Langhaus ermöglichte die Errichtung dreier Joche des gotischen Langhauses." [FLEMMING / LEHMANN / SCHUBERT, 15]

Falsch! Erst jetzt wurde die Vorkirche errichtet - in gotischen Formen. Sie wurde später in den gotischen Innenraum integriert, womit die Funktion als Vorkirche obsolet war.

Wenn man schon einen Startpunkt für den gotischen Neubau festlegen will, dann den Baubeginn der jetzt gotischen Vorhalle in den 60er Jahren des 13. Jh.

 

Ergänzungen zur Bistumsgeschichte

Wikipedia: "Das Datum der Gründung ist unbekannt. Eine Gründungsurkunde fehlt. Die Urkunde Ludwigs des Frommen vom 2. September 814, in der auf eine Gründung durch Karl den Großen verwiesen wird, ist eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert. ... Im Jahr 902 hat das Bistum bereits bestanden. Aus diesem Jahr datiert eine Immunitätsurkunde Ludwig des Kindes."

Natürlich ist auch die sog. Immunitätsurkunde von 902 eine Fälschung.

Es ist davon auszugehen, dass die Bistumsgründung In Halberstadt etwa zeitgleich (oder nur wenig später) mit der Gründung der sächsischen Landeskirche (analog der fränkischen Landeskirche) einherging, d. h. frühestens etwa Ende des 10. Jh.

Auch die Bischofskirchen waren Eigenkirchen. Damit erscheinen die frühen Bischofskirchen, hier Bau Ia und Ib, noch relativ bescheiden. Erst mit den zunehmenden Einnahmen aus dem Bischofsamt werden die Kirchenbauten prächtiger.

Die frühen Bischöfe sind sämtlich fiktiv.

In der Literatur wird immer wieder auf das Konkurrenzverhältnis zwischen dem Bistum Halberstadt und dem Erzbistum Magdeburg und die Abhängigkeit der Baugeschichten der beiden Dome hingewiesen.

Das gespannte Verhältnis rührt m. E. aus der Gründungsgeschichte des Erzbistums Magdeburg (siehe Abschnitt Magdeburger Dom).

Die traditionelle Korrelation der Baugeschichten der Dome in Halberstadt und Magdeburg ist den falschen Rekonstruktionen der Baugeschichten geschuldet und real nicht wirklich feststellbar.

 
Zeittafel zur Baugeschichte bis 1220:

 

um 1000    Erster Kirchenbau (Bau Ia)

um 1070

  
   Bau Ib:

   Umbau: dreiteiliges Sanktuarium mit
   Kammerkrypta
   freistehende kreuzförmige Grabkapelle
   (Trikonchos?) westlich der Kirche

 


E. 11.Jh./ A.12. Jh.


   Bau IIa:

   Neubau Westbau an der Stelle der früheren
   Grabkapelle

   Umbau der Ostteile mit durchgehendem
   Querhaus und apsidial geschlossenem Chor

 


1. Hälfte 12. Jh.


   Bau IIb:

   Einbau des Heiligengrabes (Bernhard?) in den
   vorhandenen Chor

   Errichtung der Umgangskrypta mit
   Scheitelkapelle

   Anhebung des Chorfußbodens

   Bau der Chornebenräume für Sakristei und
   Schatzkammer (evtl. zu Bau IIc gehörig)

 


ca. Mitte 12. Jh.


   Bau IIc:

   Umbau und Verlängerung des Langhauses
   mit Langhausarkaden im Stützenwechsel

   Anlegen der Fundamente für  neuen Westbau
   (Vorkirche mit Westtürmen)

   Aufhebung der Grabkammer

   Bestattung der Gebeine Bernhards in einem  
   Sarkophag mit Inschrift auf dem Deckel
   analog dem Mathildensarkophag in
   Quedlinburg

   Aufstellung des Sarkophags im Mittelstollen
   der Umgangskrypta

   Anbau der Liudgerkapelle an den
   Nordquerarm (Doppelkapelle?)

 


ab Ende 12. Jh.


   Bau IId: 

   Planänderung betr. Einwölbung der Kirche

   Weihe des Innenraums 1220

   Untergeschosse der Westtürme 1239

   Neubau von Klausur und Kreuzgang

 


ab 1260

 
   Bau III:

   Errichtung der Vorkirche in gotischen Formen

   Neubau von Langhaus und Chor (Gotik)

 

 


 

Literaturverzeichnis:

 

Braun, Joseph (1924): Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung. Band 1: Arten, Bestandteile, Altargrab, Weihe, Symbolik, München

Claussen, Hilde (1957): Spätkarolingische Umgangskrypten im sächsischen Gebiet. In: Karolingische und ottonische Kunst, Forschungen zur Kunstgeschichte und christlichen Archäologie, Bd. 3, Wiesbaden, 118-140

Flemming, Johanna / Lehmann, Edgar /Schubert, Ernst (1976): Dom und Domschatz zu Halberstadt. Berlin

Jacobsen, Werner (1992): Der Klosterplan von St. Gallen und die karolingische Architektur. Berlin

Jacobsen, Werner / Schaefer, Leo / Sennhauser, Hans Rudolf (1991): Vorromanische Kirchenbauten. Katalog der Denkmäler bis zum Ausgang der Ottonen. Nachtragsband, München, 160-163

Leopold, Gerhard / Schubert, Ernst (1984): Der Dom zu Halberstadt bis zum gotischen Neubau. Berlin

Meisegeier, Michael (2017): Der frühchristliche Kirchenbau - das Produkt eines Chronologiefehlers. Versuch einer Neueinordnung mit Hilfe der HEINSOHN-These. BoD Norderstedt

- (2018): Das Heilige Grab in Gernrode - alles klar, oder? Eine alternative Baugeschichte. BoD Norderstedt

von Schönfeld de Reyes, Dagmar (1996): Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung, 81-1

 

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Letzte Bearbeitung dieser Seite: 18.03.2019

 

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